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Die Toten von Erin, oder: Der Tod, der unter Tage kam

mlzZechen-Unglück

1966 starb Ernst Villis auf der Zeche Erin. Zunächst nur ein Name auf einer Liste von 50 Verunglückten. Seine Tocher Inge Rochell erzählt, wer ihr Papa war.

Castrop-Rauxel

, 12.11.2018 / Lesedauer: 6 min

Wir besuchen Inge Rochell an einem grauen Oktobertag in Castrop-Rauxel. Die 70-Jährige wohnt in der Erdgeschosswohnung des Hauses, darüber in der Wohnung ihre Tochter Silke und ihr 16-jähriger Enkel Phil. Inge Rochells Mann Peter ist bereits verstorben, an der Wand im urig eingerichteten Esszimmer hängen viele schwarz-weiß Fotografien. Daneben steht ein alter Holzschrank mit schöner Holzmaserung, gebaut 1922 in einer Obercastroper Schreinerei. Es ist ein Erbstück ihres Opas, des Vaters ihres Vaters Ernst Villis. Auch er befindet sich unter den Fotografierten, ein stattlicher junger Mann mit zurückgekämmten Haar und breitem Lächeln.

„Er war ein guter Papa“, erinnert sich Inge Rochell. 62 Jahre ist es nun her, dass ihr Vater starb. Ihre 47-jährige Tochter Silke kenne ihn nur von Fotos. „Aber wir gehen zusammen zum Friedhof, und ich erzähle von ihm“, sagt Inge Rochell. Sie trägt das Haar kurz, eine Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Vater ist unverkennbar. 18 Jahre alt war sie, als ihr Vater starb. Ihre beiden Geschwister Jochen und Anna-Maria waren damals 14 und 10 Jahre alt.

Ein Anruf, der alles veränderte.

„Ich war nicht dabei, als der Anruf kam“, erinnert sich Inge Rochell. „Mein Chef informierte mich auch nicht. Er sagte mir nur, ich solle mal besser nach Hause gehen. Da kam das ungute Gefühl schon hoch.“ Jemand aus der Zeche habe angerufen, es sei etwas passiert. Mutter und Geschwister waren zu Hause, als Inge Rochell kam. Und dann, mit ihr, die schlimme Nachricht.

„Mein Vater war Steiger. Er war für die Planung und Aufsicht unter Tage zuständig, und für die anderen Kumpel im Revier verantwortlich. Doch ich muss ganz ehrlich sagen, ich hatte immer Angst um ihn. Immer. Wenn er nur etwas später nach Hause kam als sonst, dann wurde ich schon unruhig. Es gab zwar Früh-, Mittags- und Spätschicht, doch immer feste Zeiten. Ich hörte als Kind von so vielen Unglücken unter Tage, so viele Menschen starben, ich hatte immer Angst um Papa. Und diese Angst wurde dann ja auch bewahrheitet.“

Die schwierige Recherche

Wie wir an diese Geschichte gelangten
Die Toten von Erin, oder: Der Tod, der unter Tage kam

Silja Fröhlich © Tobias Weckenbrock

  • Am 15. Februar erhält unsere Redaktion eine E-Mail. Im Anhang: eine Liste von Toten - Bergmännern, die zwischen 1955 und 1982 auf der Zeche Erin ums Leben kamen. Eine Liste ohne Telefonnummern oder Kontaktdaten. Namen ohne Bedeutung. Wir beschließen, das zu ändern: herauszufinden, wer sie sind, die Toten von Erin.
  • 50 Namen. So beginnen wir unsere Recherche. Eine erste Angehörige ist schnell gefunden, doch der Bergbau hat bei vielen der betroffenen Familien seine Spuren hinterlassen, tiefe Wunden, die nur ungern wieder aufgerissen werden wollen. Also geht die Suche weiter. Wir telefonieren mit Bekannten, fragen Bergbau-Experten aus Castrop-Rauxel, informieren uns bei Vereinen. Vergeblich.
  • Am Ende bleibt nur ein Weg: das Telefonbuch. Unsere Zweifel werden immer größer nach jedem: „Nein, den kenne ich nicht. Nein, mit so jemandem sind wir nicht verwandt.“ Nach sechs kontaktierten Familien mit dem Namen Villis ist der Anruf bei der siebten schon mehr Routine als wirklich mit der Hoffnung verbunden, jemanden zu finden, der mit Ernst Villis verwandt gewesen wäre.
  • „Ernst Villis? Ja, da muss ich mal meinen Mann fragen“, kommt die Antwort aus dem Hörer. „Hier ist Hans-Jürgen Villis. Der Ernst Villis von der Zeche Erin? Ja, das ist mein Onkel, aber der ist schon vor langer Zeit gestorben, 1966 nämlich.“
  • Nach neun Tagen Recherche finden wir ihn: Hans-Jürgen Villis, den Neffen einer der Toten. Er ermöglicht uns den Kontakt zu seiner Cousine Inge Rochell, der Tochter von Ernst Villis. Eine Woche später treffen wir zu Hause.

„Es war ein Steinschlag, er wurde erschlagen von einem Bruchstück, das von der Decke fiel. Und das, obwohl es da unten wahnsinnig hohe Sicherheitsmaßnahmen gab“, erzählt Inge Rochell. Leicht fällt es ihr nicht, während sie von ihrem Vater erzählt, schweift ihr Blick aus dem Fenster. „Alles war so gut abgesichert - und dann passiert etwas, womit keiner rechnet, was keiner hätte vorhersehen können. Plötzlich waren wir alleine.“ An die Beerdigung kann sie sich kaum erinnern, der Tag ist in ihrer Erinnerung fast ganz verschwommen. „Ich weiß noch, es spielten Kumpel in ihrer Kluft, ich glaube, es war eine Blaskapelle.“

Wie die Bergleute ihre Schächte durch die Erde ziehen, so hinterlässt auch ein Mensch Spuren im Leben. Manche sind tiefer und andere oberflächlicher, doch die Erinnerung an Vater Ernst Villis ist ungetrübt. „Er war ein guter Mann, sportlich sehr aktiv, und er hatte immer den Drang, nach draußen zu gehen. Das kam wohl davon, dass er soviel unter Tage war. Er liebte es, im Garten zu arbeiten und fand immer etwas für mich zu tun. Ob es Beeren pflücken war oder etwas anderes, Papa bastelte währenddessen an einer anderen Stelle herum.“ Inge Rochell lacht bei dem Gedanken. „Wir waren ein unschlagbares Team und hatten eine unheimlich gute Beziehung zueinander.“

Doch wenn sie an das Unglück denkt, wird sie wütend. „Ich spüre Wut. Immer hatte ich eine solche Angst - und zu Recht. Wenn es einen dann selber trifft, ist es ganz schön hart.“

Steiger mit Leib und Seele.

„Ungefähr 23 Jahre lang arbeitete mein Vater im Stollen. Er sagte, es sei Gewohnheit. Es war sein absoluter Traumjob, auch wenn das für mich eher unverständlich ist. Einmal nahm er mich mit nach unten genommen, ein 13-jähriges Mädchen war ich da. Ich konnte nie verstehen, wie er seinen Job mögen konnte. Also habe ich gebettelt, dass er mich einmal mitnimmt. Er hat mich natürlich darauf vorbereitet, doch als wir unter Tage waren musste er seinem Job nachgehen. Ich habe mich umgeguckt, aber ich fand es schrecklich da unten, so bedrückend. Doch mein Vater war Steiger mit Leib und Seele, und sein Vater vor ihm war ebenfalls Bergmann.“

Inge Rochells Opa starb früh an Steinstaub, gekannt sie habe sie ihren Großvater nicht, sagt sie. Staublunge, eine Lungenerkrankung, die durch das Einatmen des Kohlestaubs verursacht wird. Sie führt zu Atemnot und Husten. Man spricht auch vom „Bergmannsasthma“.

„Der Bergbau war damals alles für die Menschen, jeder Zweite arbeitete unter Tage. Hierher kam das Geld, und hierher kamen auch die Gastarbeiter. Der Bergbau hat NRW erblühen lassen, und er steckte in jeder Ritze“, sagt Inge Rochell. Trotz des hohen Preises, den sie und ihre Familie zahlen mussten, sei die 70-Jährige traurig, dass es mit dem Bergbau vorbei sein soll. „Man konnte sich nicht vorstellen, dass das aufhören würde. Ich hätte selbst vor 10 bis 15 Jahren nie damit gerechnet. Mir tut das in der Seele weh, dass das alles jetzt zu Ende sein soll. Die ganze Tradition geht verloren, man kann sich nicht vorstellen, dass das alles passé ist.“

Die Kumpel in ihrer Knappenkleidung, die Musikvereine, das alles verschwindet? Inge Rochell glaubt nicht einmal, dass daran noch großes Interesse besteht. „Ich denke nicht, dass es die Kinder so sehr interessiert“, sagt sie. „Sie können sich da nicht mehr hineinversetzen.“ Als Tochter Silke geboren wurde, war die Zeche Erin bereits geschlossen. Und auch ihr Neffe kennt die Bergbau-Zeit nur aus Erzählungen. „Einmal fragte er mich, was die Menschen den ganzen Tag da unten gemacht haben sollen“, sagt Inge Rochell und lächelt. Auch mit der Idee einer Sechs-Tage-Woche konnte sich ihr Enkel nicht anfreunden - doch das „war damals ganz normal“, so Inge Rochell. Die Verbindung zur Bergbautradition, findet sie, ging hier verloren, als die Lampen auf Erin erloschen.

Eine Tradition allerdings gibt es, die Inge Rochell am Leben erhält: „Ich singe gerne, ich habe sogar eine alte Mundorgel, ein Liederbuch. Manchmal fragt mein Enkel, woher ich all die Lieder kenne.“ Ein Lied kommt ihr direkt in den Sinn, und es ist ein Lied, mit dem sie nicht nur schwarzes Grubengold und Blaskapellen verbindet, sondern vor allem eins: ihren Vater, Ernst Villis: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezünd’t .“

Ein Licht, das wie die Erinnerung an Ernst Villis, einem der 50 verunglückten Bergmännern von Erin, nicht erlöschen wird.

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt.

|: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, :|

|: schon angezünd’t :|

Schon angezünd’t, wirft‘s seinen Schein,

|: und damit so fahren wir bei der Nacht, :|

|: ins Bergwerk `nein :|

Ins Bergwerk ein, wo die Bergleut‘ sein,

|: die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht, :|

|: aus Felsgestein :|

Der Eine gräbt das Silber, der andere gräbt das Gold,

|: doch dem schwarzbraunen Mägdelein, bei der Nacht, :|

|: dem sein sie hold :|

Ade, ade! Herbliebste mein!

|: Und da drunten im tiefen finstren Schacht bei der Nacht, :|

|: da denk ich dein :|

Und kehr ich heim, zur Liebsten mein,

|: dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht, :|

|: Glück auf, Glück auf! :|

Wir Bergleut sein, kreuzbrave Leut`,

|: denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht, :|

|: und saufen Schnaps! :|

Quelle: www.zeche-zweckel.de

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