Drogensucht in Zeiten von Corona: „Wie unter dem Brennglas“

mlzSuchthilfe

Die Corona-Krise verschäft die soziale Isolation und verstärkt Ängste. Für Menschen mit Suchtproblemen ist die Situation deshalb aktuell besonders gefährlich.

Castrop-Rauxel

, 25.05.2020, 15:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Corona-Pandemie ist eine ernste Sache. Witze über die aktuelle Situation gibt es natürlich trotzdem. Einer lautet: Es gibt zwei Arten von Personen – die einen sind nach der Pandemie bessere Köche, die anderen Alkoholiker. Auch Peter Appelhoff, Leiter der Drogenhilfe Recklinghausen und Ostvest (DROB), lacht kurz darüber, sagt dann aber: „Da steckt natürlich etwas Ernstes hinter.“

Aufgrund der Beschränkungen war gerade zu Beginn der Corona-Krise Ablenkung rar. Einer Sucht zu entfliehen ist da schwierig. „Gerade ist alles gesteigert, es ist wie unter dem Brennglas. Zu den Ängsten, etwa vor einem weiteren finanziellen und sozialen Abrutschen, und Problemen, die viele Klienten ohnehin haben, kommen weitere hinzu.“ Das münde oftmals in den Versuch, diese Ängste mit Drogen zu bekämpfen.

Viele Hilfsprogramme mussten schließen

Gleichzeitig wurden zum Schutz der Mitarbeiter und Klienten viele Hilfsprogramme geschlossen, als das Ausmaß der Pandemie bekannt wurde. Selbsthilfegruppen haben etwa ihre Treffen eingestellt.

„Gerade in schwierigen Zeiten wie diesen sind Suchtkranke in besonderem Maße auf Beratung und Betreuung angewiesen“, sagt Appelhoff. Die DROB habe deshalb unter besonderen Bedingungen weiter Termine gemacht. Hauptsächlich stellte sie aber auf telefonische Beratung oder Video-Anrufe um. Mittlerweile herrsche aber fast wieder Normalbetrieb, sagt Appelhoff. Man sei aber weiterhin vorsichtig, viele der Klienten hätten Vorerkrankungen.

Drogenkonsum ist immer auch Realitätsflucht

„Wenn Menschen Drogen nehmen, ist das auch immer Realitätsflucht. Menschen, die bedrückt sind, nehmen etwa eher Substanzen, die Bewusstseins-aufhellend wirken“, erklärt der Sozialarbeiter. Das Risiko, dass Menschen aktuell vermehrt zu Drogen greifen, erhöhe sich. Auch wegen der sozialen Isolation. „Es kann aber auch sein, aber das ist nur Spekulation, dass jemand das für den Entzug nutzt“, sagt Appelhoff. „Wenn man weniger Freunde sieht, mit denen man sonst konsumieren würde, kann das positiv sein.“

Jetzt lesen

Drohende oder bereits bestehende soziale Isolierung und das Gefühl von Einsamkeit würden die Gefahr weiter verstärken, sagt Appelhoff. Es sei wichtig, dass Angehörige Menschen, die an einer Sucht leiden, emotional unterstützen. „Wir warnen vor finanzieller Unterstützung. Am besten sollten Angehörige auch nur bedingt organisatorisch helfen. Etwas alleine zu schaffen, stärkt das Selbstbewusstsein. Damit sinkt das Risiko, Drogen zu nehmen.“

Beschäftigung hilft dabei, den Alltag zu strukturieren

Langeweile erhöht es wiederum. Viele Klienten würden berichten, Arbeit und Beschäftigung würde ihnen helfen, ihren Alltag zu strukturieren, sagt Appelhoff. Ein Problem sei auch gewesen, dass wegen der Corona-Krise bei vielen Therapien und Entzugsbehandlungen ein Aufnahmestopp verhängt worden ist. Auch das läuft aber mittlerweile wieder an.

Jetzt lesen

Apellhoff findet die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus richtig, sagt er. Gleichzeitig sei es aber erstaunlich, dass die Politik sich seit Jahren oder sogar Jahrzehnten so schwer damit tut, die Anzahl der Menschen zu reduzieren, die an Alkohol, Nikotin und illegalen Drogen sterben. Denn das ginge vergleichsweise leicht – auch ohne ein Land im jetzt erlebten Umfang „herunter zu fahren“, sagt er.

Schon vor der Corona-Krise sei im Bereich der Suchthilfe an Entwarnung nicht zu denken gewesen, sagt Appelhoff. Wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, Ende März 2020 bekannt gab, sind im vergangenen Jahr 1398 Menschen wegen des Konsums illegaler Drogen gestorben. Das sind etwa 10 Prozent mehr als im Vorjahr: 2018 wurden 1267 Drogentote gezählt. Jedes Jahr sterben etwa 74 000 Menschen durch Alkohol oder wegen des Mischkonsums von Tabak und Alkohol.

Lesen Sie jetzt