Ein E-Auto macht nicht immer Sinn - Wir klären Klischees zu E-Mobilität und Ökostrom

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Die Stadtwerke Castrop-Rauxel bieten Ökostrom an. Die Verbraucherzentrale weiß, was noch besser ist. Doch was genau kommt eigentlich aus der Steckdose? Fakten über Ökostrom und E-Autos.

Castrop-Rauxel

, 07.01.2019, 05:53 Uhr / Lesedauer: 6 min

Udo Weber wohnt in Castrop-Rauxel und findet: „Wir können nicht immer sagen, der Klimawandel sei vom Menschen gemacht und gleichzeitig nichts dagegen tun.“ Er will beweisen, dass es auch anders geht. Ökostrom bezieht der 54-Jährige seit fünf Jahren. Im April vergangenen Jahres hat er sich ein Elektro-Auto gekauft: „Ich hatte die Schnauze voll.“ Jetzt fährt er täglich mit seinem Elektro-Renault Zoe zur Arbeit nach Wuppertal und zurück - insgesamt rund 70 Kilometer. Würde jeder so handeln, wäre man beim Thema Energiewende schon einen Mammut-Schritt weiter. Warum das nicht so einfach ist, klären wir mit dem Grünen Lokalpolitiker und diversen Experten.

Klischee Nummer 1: Wer Ökostrom bestellt, der bekommt ihn auch

Jein. In Castrop-Rauxel sind 2500 Haushalte bei den Stadtwerken Ökostrom-Kunden. Das entspricht einem Marktanteil von knapp zehn Prozent. Hinzu kommen die Haushalte, die Ökostrom von dem Grundversorger Innogy oder einem der vielen anderen Anbieter beziehen. Wie viele Haushalte das genau sind, ist unklar. Grundversorger bedeutet, dieser Anbieter hat die meisten Kunden in Castrop-Rauxel.

Wer Ökostrom bezieht, sorgt dafür, dass die von ihm bestellte Menge erneuerbare Energie in das Netz eingespeist wird. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass dann kein anderer Strom, beispielsweise Atomstrom, eingespeist wird. Es entsteht also ein Verdrängungseffekt.

Einfach ausgedrückt: Würden alle Haushalte und auch Unternehmen Ökostrom beziehen, wäre die Sache erledigt, Atom- und Kohlestrom wären verdrängt. Bernd Hartung, Sprecher der Gelsenwasser AG und somit für die Stadtwerke Castrop-Rauxel zuständig, gibt zu bedenken: „Ein paar fossile Kraftwerke werden immer gebraucht. Wenn Flaute und Dunkelheit herrschen helfen Windräder und Solaranlagen nichts. Es ist letztlich immer eine Wette aufs Wetter.“ Und da sich das schneller ändert als die Kraftwerke ihr Tempo anpassen können, wird weiter konventioneller Strom erzeugt, im Fall von Überproduktion exportiert oder günstig angeboten.

Kraftwerke rund um Castrop-Rauxel

Zurück zur eigentlichen Frage: Egal, welchen Strom man bezieht, es kommt immer ein Mix aus der Steckdose - auch, um die Netzstabilität zu sichern und keinen Stromausfall zu riskieren, falls kein Wind weht oder keine Sonne scheint.

Rund um Castrop-Rauxel gibt es eine Vielzahl von Kraftwerken, die Kohle verstromen. Daneben gibt es Gas-Kraftwerke sowie Windenergie- und Fotovoltaikanlagen.

Die Kraftwerke produzieren Strom, der in hohen Spannungen in das Netz eingespeist wird. An Umspannwerken wird der Strom auf die Mittelspannungsebene (etwa 10 bis 30 kV) transformiert, über die dann der Strom in der Stadt und an große Verbraucher abgegeben wird. Windenergieanlagen und große Fotovoltaikanlagen speisen hier direkt ein. Die Ortsverteilung findet in der Niederspannungsebene (bis 1.000 V) statt. Kleine Fotovoltaik-Anlagen speisen hier direkt ein.

Windräder und Fotovoltaik-Anlagen werden dort errichtet, wo es Sinn ergibt, wo also viel Wind oder Sonne ist. Sie sind direkt mit dem entsprechenden Stromnetz verbunden, um Strom einspeisen zu können. Auch die Stadtwerke Castrop-Rauxel betreiben seit 2016 ein Windrad auf dem Schweriner Berg.

Einzelne Verbraucher in Castrop-Rauxel werden vermutlich unmittelbar den örtlich erzeugten Strom verbrauchen. Bernd Hartung, Sprecher Gelsenwasser

Fazit: Bernd Hartung erklärt: „Einzelne Verbraucher in Castrop-Rauxel werden vermutlich unmittelbar den örtlich erzeugten Strom verbrauchen; je dichter man am Erzeuger wohnt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit.“ Bei den Windanlagen ist zu berücksichtigen, dass sie in die Mittelspannungsebene einspeisen, aus der die Haushalte nicht direkt entnehmen. Hier wäre die Nähe zum Umspannwerk ausschlaggebend. Fakt ist, dass auch die Verbraucher, die nicht Ökostrom beziehen, diesen Strom bekommen können - aus der Steckdose kommt das, was vorrätig beziehungsweise am nächstliegensten ist.

Die Stadtwerke Castrop-Rauxel bieten ausschließlich Öko-Strom an, der in Norwegen aus Wasserkraft gewonnen wird. Der norwegischer Erzeuger speist an den Wasserkraftanlagen seinen Strom in das Transportnetz ein und verdrängt konventionellen Strom. Die Kunden in Castrop-Rauxel bekommen aber nicht ausschließlich Wasserkraft-Strom sondern den Strom, den der Mix gerade hergibt und den Strom, der standorttechnisch für sie am günstigsten ist - in Nordrhein-Westfalen ist das oft Kohle-Strom, in Schleswig-Holstein Strom aus Windkraftanlagen.

Klischee Nummer 2: Der Einzelverbraucher macht keinen Unterschied

Jein. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Nettostromerzeugung in Deutschland ist im vergangenen Jahr erstmals über 40 Prozent gestiegen. Das meldet das Frauenhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Für Udo Weber steht fest: „Ich will Strom haben, der das Klima nicht so stark belastet.“ Der Castrop-Rauxeler braucht jede Menge Strom, da er ein Elektro-Auto fährt. Mit seiner Frau zusammen wohnt er auf 100 Quadratmetern. Das Paar braucht rund 1500 Kilowattstunden Strom pro Jahr: „Wir gehören zu den sparsamsten Haushalten.“ Dazu kommen 3000 Kilowattstunden pro Jahr für das Elektroauto - alles Ökostrom von den Stadtwerken.

Ein E-Auto macht nicht immer Sinn - Wir klären Klischees zu E-Mobilität und Ökostrom

Weber findet, jeder könnte seinen Beitrag zum Klimaschutz beim Thema Autos leisten: „In der Regel hat jede Familie zwei Autos, da kann eins davon ein Elektroauto sein, man muss es nur wollen.“ Elektroautos stoßen keine CO2-Emissionen aus und sind damit ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Wenn noch dazu der Strom aus sauberen Quellen kommt, ist die Umweltbilanz top.

Der Bürger kann nach Meinung von Udo Weber schon viel über die Nachfrage regeln: „Wir müssen dazu kommen, dass mehr Leute Ökostrom nehmen und so den anderen verdrängen.“ Aber letztendlich müssten auch große Unternehmen geleitet werden und da mahlen die Mühlen langsam, weil die Politik mitmachen müsse.

Klischee Nummer 3: Ökostrom ist teurer als konventioneller Strom

Jein. Macht man den einfachen Preisvergleich am Beispiel von Webers kommt man bei den Stadtwerken auf 628,26 Euro im Jahr (bei einem Verbrauch von 1500 Kilowattstunden). Weber ist Lokalpatriot: „Bei den Stadtwerken bleibt die Wertschöpfung in Castrop-Rauxel, schließlich zahlen die hier ihre Steuern.“ Gibt man die Daten des Paares bei strompreisvergleich.net ein - auf der Suche nach dem günstigsten Tarif - wird einem tatsächlich als erstes ein Ökostrom-Anbieter angezeigt. Ohne den Neukunden-Bonus würden die Webers bei Entega-Ökostrom 501 Euro zahlen. An zweiter Stelle kommt dann der Shell-Strom mit 548 Euro, ebenfalls ohne Bonus. Der Shell-Strom ist ein Mix aus Atom-, Gas-, Kohle- und regenerativem Strom. Nach Angaben der Verbraucherzentrale Castrop-Rauxel bezieht im Schnitt jeder dritte Haushalt den Strom des Grundversorgers - in Castrop-Rauxel ist das Innogy. Dieser Tarif sei meist vergleichsweise teuer. Letztendlich kommt es auf den Einzelfall an, die Anbieter haben verschiedene Bonus-Programme, die den Preis extrem beeinflussen. Und speziell für Unternehmen gibt es noch einmal ganz andere - bei Ökostrom unter Umständen teurere - Optionen.

Der Strom für das Elektroauto ist per se günstiger als das Benzin an der Tankstelle. Die Stadtwerke Castrop-Rauxel bieten einen speziellen Autostromtarif an. Der gilt für die Kunden, die zu Hause eine eigene Ladestation mit einem Starkstromanschluss und einen separaten Stromzähler haben - die Kosten für die Anschaffung werden zu 50 Prozent vom Land bezuschusst. Die Kilowattstunde kostet dann 20 Cent. Heruntergerechnet bedeutet das für Udo Weber 3 Euro pro 100 Kilometer.

Strom aus regenerativen Energien ist nicht unbedingt Ökostrom.
Sabine Voss, Verbraucherzentrale

Hört sich alles ganz fantastisch an? Sabine Voss von der Verbraucherzentrale trübt die Stimmung: „Strom aus regenerativen Energien ist nicht unbedingt Ökostrom.“ Echter Ökostrom sei es erst dann, wenn ein Teil des Geldes auch in den Ausbau erneuerbarer Anlagen fließe. Wenn es nicht genügend Anlagen gibt, kann die Energiewende nur schwierig gelingen. Auf der Internetseite der Verbraucherzentrale ist zu lesen: „Wenn Strom aus bestehenden Wasserkraftanlagen stammt und nur auf dem Papier einem Abnehmer zugeordnet wird, hat das mit Ökostrom nach unserer Meinung wenig zu tun.“ Der Import von diesem Strom führe zu einer Rücklieferung von Strom aus Kohle- oder Atomkraftwerken in diese Länder. „Daher sollten Sie solche Angebote lieber meiden.“

Die Verbraucherzentrale empfiehlt Strom zu nehmen, der mit dem Ok-Power-Label ausgezeichnet ist. Das Siegel zeigt Verbrauchern, dass der zertifizierte Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt und zum Ausbau regenerativer Energien beiträgt. Auch auf der Internetseite des Ok-Power-Labels gibt es einen Tarifrechner, der die zertifizierten Anbieter ausspuckt. Für die Webers wäre demnach der Ökostrom von Prokon für 509 Euro im Jahr die Alternative - immernoch günstiger als der konventionelle Shell-Strom.

Klischee Nummer 4: Ein Elektro-Auto ist kaum zu finanzieren, schränkt ein und am Ende sind die Akkus Sondermüll

Jein. Fangen wir bei der Anschaffung an. Udo Weber erzählt frei heraus: 28.000 Euro hat er für seinen Renault Zoe auf den Tisch gelegt. Seit Juli 2016 subventionieren Bund und Hersteller nach Angaben des ADAC die meisten Elektroautos mit 4000 Euro.

Man kann an der Ampel jeden stehen lassen
Udo Weber über sein Elektroauto

„Es gibt nichts besseres“, schwärmt der Castrop-Rauxeler und meint damit nicht unbedingt die Fördermittel, sondern vor allem den Fahrspaß: „Das Auto hat eine extrem gute Beschleunigung, man kann an der Ampel jeden stehen lassen.“ Doch zurück zu den Zahlen: Den Akku lädt er meistens jede zweite Nacht, mit einer Ladung kommt er 200 bis 300 Kilometer weit - ist man quer durch NRW unterwegs, hat man die Kilometer schnell zusammen. Braucht Udo Weber eine Ladesäule, schaut er in die App seines Smartphones. Die Bundesnetzagentur pflegt eine Karte, auf der die Ladesäulen deutschlandweit eingetragen werden. Doch Udo Weber ist ehrlich: „Im Sommer fliege ich gerne mal nach Italien oder Griechenland und in den Urlaub fahren wir mit dem Auto meiner Frau, das ist mit Erdgas betrieben. Ist das Gas mal alle, springt es auf Benzin um.“ Wenn der Akku des E-Autos alle ist, braucht man schließlich nicht nur eine Ladesäule - die muss auch frei sein. Und es dauert rund 2,5 Stunden, bis der Akku wieder voll ist. Das ist relativ schnell, aber nicht zu vergleichen mit einem Zwischenstopp an der Tankstelle, um den Benzintank aufzufüllen. Zumal man nicht sicher sein kann, dass der Strom aus der Ladesäule auch öko ist - ist er es nicht, macht die Tankfüllung klimatechnisch keinen Sinn.

Und was ist, wenn das Elektroauto mal kaputt ist oder alt und leistungsschwach? In der Antwort einer kleinen Anfrage der FDP im Bundestag heißt es, dass für Elektrofahrzeuge in der Regel Lithium-Ionen-Batterien eingesetzt werden. Um die darin enthaltenen Wertstoffe wiederzugewinnen, seien Recyclingverfahren entwickelt worden. Wenn also Batterien aus Elektrofahrzeugen künftig in großen Mengen zur Entsorgung anfielen, seien bereits entwickelte Verfahren verfügbar. Zudem würden Möglichkeiten einer Nachnutzung von ausrangierten Traktionsbatterien als stationäre Energiespeicher untersucht und teilweise auch schon umgesetzt. Das hört Sabine Voss von der Verbraucherzentrale gerne: „Die beste Lösung ist, man hat eine Solaranlage auf dem Dach und nutzt den dort erzeugten Strom für sein Auto.“ Als Batterie-Speicher kann man die ausrangierte Batterie eines E-Autos nutzen.

Fazit und Blick in die Zukunft

Udo Weber bleibt bei seinem E-Auto und schont so die Umwelt. Damit das auch für andere attraktiv wird, müsste es seiner Meinung nach mehr öffentliche Ladestationen geben: „Am besten wäre, wenn die schon im Bebauungsplan enthalten sind und es in jeder Straße mindestens eine gibt.“

Eins steht jedoch fest: Auch mit dem Elektro-Auto steht man im Stau. Und der wird immer länger. Laut ADAC-Staubilanz steigt die Zahl der Staus weiter an. Udo Weber findet, um das zu verhindern müsse der öffentliche Nahverkehr weiter ausgebaut werden, auch wenn das für die Kommunen schwierig zu finanzieren sei: „Vernünftig, bequem und planbar muss es sein.“ Er sei kürzlich in Nürnberg gewesen und dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen: „Da fährt so oft eine U-Bahn, da macht es gar keinen Sinn mit dem Auto zu fahren.“

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