Klares Urteil: Erstklässler sagen Bürgermeister-Wahlsieger voraus

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Experimente haben gezeigt: Ein Kandidat, den Kinder auf Wahlplakaten spontan am besten finden, hat sehr gute Chancen, die Wahl zu gewinnen. In Castrop-Rauxel ist das Ergebnis der Spielerei klar.

Castrop-Rauxel

, 05.09.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kindermund tut Wahrheit kund. An dieser Binsenweisheit ist wohl etwas Wahres dran. Mehrere Experimente in der Vergangenheit haben jedenfalls das gleiche Ergebnis erbracht: Wenn man kleinen Kindern die Wahlplakate von Kandidaten gezeigt hat, waren die Kinder oft nah am eigentlichen Wahlergebnis. Wir wollten wissen, ob da auch für die Castrop-Rauxeler Bürgermeister-Kandidaten was dran sein könnte.

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In einer Grundschule haben wir also einen Versuch mit rund 75 Kindern der ersten Klasse gemacht. Die Kinder können noch nicht lesen und wissen deswegen nicht, was auf den Plakaten steht. Um auszuschließen, dass die Kinder die Plakate schon von der Straße kennen, sind wir in eine Lüner Grundschule gegangen. Die Kinder sind also so unvoreingenommen wie möglich.

Vier tapfere Männer stehen zur Wahl

Um den Kindern die Bedeutung ihrer Entscheidung zu verdeutlichen, haben wir ihnen zunächst ein Märchen erzählt; ein Märchen über ein Land ohne König. Weil es keinen König gibt, streiten die Menschen über den Verlauf einer Straße und darüber, wem welches Grundstück gehört.

Als das Land schließlich angegriffen wird, entscheiden sich die Menschen in der Geschichte, einen König zu wählen. Vier tapfere Männer stellen sich zur Wahl: So haben wir das Experiment eingeleitet.

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An der Tafel wurden die Plakate der Kandidaten eingeblendet, jedes Kind bekam eine Kopie der Bilder. Nun sollten die Kinder entscheiden, wer der beste König ist. Die Entscheidung fiel also nach dem ersten optischen Eindruck.

Die Kinder waren sich in allen drei Klassen unabhängig voneinander einig: Der neue König für „das Land ohne König“ war in allen Klassen der amtierende Bürgermeister: Rajko Kravanja (SPD) mit 39 Stimmen. Dahinter liegt Nils Bettinger mit 13 und Oliver Lind mit 12 Stimmen. Die wenigsten Kinder entschieden sich für Manfred Fiedler, er erhielt nur 6 Stimmen. Nachdem die Kinder all ihre Stimmzettel abgegeben haben, haben wir die Geschichte zu Ende erzählt. Egal wer gewonnen hätte, natürlich wäre das Märchen mit jedem König gut ausgegangen.

Auf ihrem eigenen, kleinen Wahlzettel haben sich die Kinder dann für einen Kandidaten entschieden.

Auf ihrem eigenen, kleinen Wahlzettel haben sich die Kinder dann für einen Kandidaten entschieden. © Claudia Varga

Anschließend haben wir die Kinder gefragt, warum sie diesen oder jenen Kandidaten ausgewählt haben. Moritz* begründete die Entscheidung für Kravanja so: „Der ist so schön und sieht schlau aus.“ Linda hat ihr Kreuz bei Manfred Fiedler (Grüne/FWI/Linke) gemacht: „Der hat auf dem Bild so ein nettes Lächeln.“

Das Gesicht entscheidet

Für die Kinder spielte besonders der Gesichtsausdruck eine Rolle. Kein Kind begründete seine Entscheidung mit dem Hintergrund oder der Wahl der Kleidung. Mia hat Oliver Lind (CDU) gewählt: „Der sieht irgendwie stark aus, wie ein König“, erklärt die Sechsjährige.

Ihre Entscheidung begründeten die Kinder fast immer mit dem Aussehen und Gesichtsausdruck der Kandidaten.

Ihre Entscheidung begründeten die Kinder fast immer mit dem Aussehen und Gesichtsausdruck der Kandidaten. © Claudia Varga

Luca hat sich für den FDP-Kandidaten Bettinger entschieden: „Der sieht gut aus und hat ein nettes Lächeln.“

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Aber woher wissen Kinder, wer eine Wahl gewinnen könnte? Rajko Kravanja ist immerhin der Amtsinhaber und seine Chancen wiedergewählt zu werden, stehen nicht schlecht. Tragen Kinder offener als Erwachsene Entscheidungen nach außen, die im Unterbewusstsein getroffen werden?

Da Mario Rommel keine Plakatwerbung im eigentlichen Sinne aufgehängt hat, haben wir ihn im Experiment nicht berücksichtigt. Uns ging es darum, den Effekt der Plakate auf der Straße zu ergründen.

Die Universität Lausanne, die in einer Studie zu ähnlichen Ergebnissen kam, erklärt in einer Pressemitteilung: „Zwar treten später auch andere, rationalere Argumente auf den Plan, doch bleibt das Fundament unserer Entscheidungen das gleiche – selbst dann, wenn wir glauben, diese vollkommen bewusst zu treffen.“

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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