Eine Bedarfsanalyse empfiehlt den Bau von 160 Wohnungen

mlzBezahlbarer Wohnraum

Im Bauausschuss gab es erschreckende Zahlen zum bezahlbaren Wohnraum. 39 Prozent der Menschen haben wenig oder kein Geld für die Miete. Neue und vor allem bezahlbare Wohnungen müssen her.

Castrop-Rauxel

, 08.04.2019, 05:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es passierte im Schnelldurchgang, was im Bauausschuss am 28. März nach einer erneut aufreibenden Diskussion um die alte Eiche und das Neubaugebiet an der Heerstraße ganz schnell noch behandelt wurde. Dabei ist das Thema bezahlbarer Wohnraum nach allgemeiner Einschätzung eines der wichtigsten überhaupt auf der Agenda unserer Stadt.

Schon seit Jahren taucht in jeder politischen Diskussion zum Thema Wohnen und Bauen die Zahl von 300 fehlenden Wohneinheiten auf. Die Herkunft dieser Quantifizierung ist allerdings offiziell nie kommuniziert worden. Gleichwohl gehörte sie in der Meinungsfindung zur Gründung einer neuen städtischen Wohnungsbaugesellschaft auch immer dazu.

40 Seiten Analyse zum Wohnraum

Von der GeWo II ist bekanntlich eine Stadtentwicklungsgesellschaft übrig geblieben. Und für die soll die Analyse zum Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum auch Richtschnur sein – so will es die Politik. In Auftrag gegeben hat die Stadt die Untersuchung an die InWIS Forschung und Beratung GmbH aus Bochum.

Projektleiter Michael Neitzel stellte die 40-seitige Analyse vor. Ganz grob zur Orientierung: Allgemein ist im Kreis Recklinghausen die Durchschnittsmiete jetzt von 5,50 auf 6 Euro pro Quadratmeter angestiegen. „Auch bei Ihnen in Castrop-Rauxel ist das so“, sagte Neitzel, der mit einem ersten Überblick zum Thema auch bereits bei der Sondersitzung des Bauausschusses im Dezember vertreten war.

Seinerzeit ging es um die von der CDU initiierte Aufstellung eines qualifizierten Mietspiegels. Was als bezahlbarer Wohnraum gilt, darüber gibt es freilich laut Neitzel keine konkrete Definition. Der Volksmund spreche von einem Drittel des Nettoeinkommens, es gebe aber auch Leute, bei denen die Mietpreisbelastung oberhalb von 40 Prozent liege (laut einer EU-Konvention die Grenze) und sogar Werte von 55 Prozent kämen vor.

36.000 Haushalte

In unserer Stadt, so eine der Basis-Infos, gibt es rund 36.000 Haushalte – 21.438 Mieter und 14.554 Menschen gehören die eigenen vier Wände auch tatsächlich. Also etwa ein Verhältnis von 60:40. Die erschreckende Nachricht: Rund 39 Prozent aller Haushalte (8349) gelten als Bezieher von Niedrigeinkommen – bezogen auf das Jahr 2017.

6762 sind Bezieher von Mindestsicherung, 515 Haushalte bekommen Wohngeld, rund 1072 sind Haushalte unter der Armutsrisikogrenze ohne Mindestsicherung oder Wohngeld. Das sind zum Teil geschätzte Zahlen. Aber: In unserer Stadt leben rund 6385 Haushalte unterhalb der Armutsgrenze, bei 45,1 Prozent dieser Haushalte betragen die Wohnkosten mehr als 40 Prozent.

23.000 Mietwohnungen

„Die Problematik wird noch verschärft“, sagt Neitzel, „wenn Haushalte aus einkommensstärkeren Schichten Wohnraum im Niedrigpreissektor anmieten wollen und mit Haushalten, die über nicht viel Geld verfügen, um günstigen Wohnraum konkurrieren.“ Die Erfahrung laute, wer mehr Geld verdiene, werde als Mieter lieber genommen.

Dem Mietwohnungsmarkt sind unterm Strich 22.986 Wohnungen zuzurechnen. Davon sind laut Neitzel 21.438 Wohnungen bewohnt, 1548 stehen leer. Und noch ein paar Zahlen: 15.312 Wohnungen (66,6 Prozent) gehören zum unteren Preissegment, 7291 (31,7 Prozent) zum unteren mittleren Preissegment und 383 (1,7 Prozent) zum mittleren und hohen Preissegment. Aus dem Abgleich der Wohnungsbestandsdaten mit der Zahl der Haushalte wurde eine rechnerische Leerstandsquote von 6,7 Prozent ermittelt.

Nicht alle Vermieter wollen vermieten

Aber: Viele private Vermieter wollten den Wohnraum auch gar nicht vermieten, sagt Neitzel. Besonders hohe Konzentrationen an Bewohnern mit Transferleistungen weisen die Bezirke Deininghausen und Bövinghausen auf, der Anteil liegt dort bei über 25 Prozent. Auch die Bezirke Castrop, Rauxel-Süd, Schwerin und Habinghorst weisen mit 20 bis 25 Prozent einen hohen Anteil an Leistungsempfängern nach dem Sozialen Gesetzbuch II aus.

Beim Blick auf die statistischen Bezirke wird auch deutlich, dass Deininghausen zum Zeitpunkt der Untersuchung ein durchschnittliches Mietniveau von unter 5 Euro pro Quadratmeter aufweist. Kleinräumige Teile von Bladenhorst, Rauxel-Nord, Habinghorst und Henrichenburg-West liegen übrigens auch bei durchschnittlich unter 5 Euro.

Henrichenburg-West gilt als der teuerste Bezirk, mit einem durchschnittlichen Angebotspreis von über 6 Euro. Aktuell gibt es dort in der jüngsten Entwicklung aber Bewegung nach oben. Noch eine Zahl: Im Bezirk Castrop, in dem zum Zeitpunkt der Analyse der Durchschnittspreis bei 5,51 Euro pro Quadratmeter lag, werden 585 von insgesamt 1689 Wohnungen im unteren Preisdrittel angeführt.

Gespräche mit Vonovia

Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass in allen Segmenten „gemäßigte Neubauaktivitäten“ sinnvoll seien und nennt auch eine Größenordnung: 40 bezahlbare Wohnungen mehr für Drei- und Mehrpersonenhaushalte und 120 Wohnungen mehr für Ein- und Zwei-Personen-Haushalte, macht unterm Strich also den Neubau von 160. Wohnungen.

Planungs- und Bauordnungsamtschef Philipp Röhnert betonte, in Deininghausen mit der Vonovia im Gespräch zu sein. „Auch im vollsanierten Zustand wird es in dem Quartier mehrere Hundert Wohnungen geben unter 6 Euro Mietpreis pro Quadratmeter.“ Als Castrop-Rauxeler Ortsteil würde Deininghausen aufgewertet.

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