Eine Brücke kann so viel mehr sein als ein simples Bauwerk

mlzKolumne „Schroeter denkt“

Wie viel Brücke braucht eine Stadt? Ich meine nicht die elenden Beton-Funktionsteile. Was ich meine, das sind diese Brücken, an denen das Auge hängen bleibt, die nicht nur Sinn verströmen.

Castrop-Rauxel

, 04.03.2019, 16:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie wissen schon: Eine Rialtobrücke in Venedig, der Ponte Vecchio in Florenz, die Golden-Gate-Bridge in San Francisco, die Manhattan Bridge in New York oder die Millenium Bridge in London. Das sind der Definition nach auch nur Bauwerke, die uns die Fahrt oder den Gang von Punkt A nach Punkt B ermöglichen.

Aber vielmehr sind sie Augenweiden, Fotomotive, Anziehungspunkte, Orte für Verabredungen oder romantische Treffen. Das sind sie nicht geworden, weil sie möglichst preiswert, nüchtern und rational einen Bogen schlagen über den Fluss oder die Bucht, die sie überspannen. Nein, das sind sie geworden, weil sie Flair haben, weil sie uns anlocken mit ihren kühnen Schwüngen, ihrer verspielten oder atemberaubenden Architektur.

Architektur muss über das „praktisch“ hinaus wirken

Sie sind Meisterwerke einer Architektur, die mehr will, als Funktion zu liefern. Im Jahr 2019, in dem landauf und landab der 100. Geburtstags des Bauhauses, jener 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten Schule für Kunst und Architektur, gefeiert wird, darf man sich auch in einer Stadt wie Castrop-Rauxel Gedanken über eine Architektur machen, die über das Adjektiv „praktisch“ hinausgeht.

Und da sind wir beim „Sprung über die Emscher“, den Stadt und Emschergenossenschaft mit einem kräftigen Geldpaket aus Berlin realisieren wollen. Das Brückenbauwerk soll laut Ausschreibung wesentlicher Bestandteil des „Emscherlandes 2020“ werden, in dem die Städte rechts und links der Emscher und eben die Emschergenossenschaft ein neues, zugleich urbanes wie wieder natürliches Emschertal präsentieren wollen. Das soll Naherholungsgebiet für die vielen Menschen im Ruhrgebiet sein, aber auch Touristen von außerhalb anlocken, die bei uns immer noch an tief fliegende Briketts denken.

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Die Brücke soll die dicht besiedelten nördlichen Stadtteile Castrop-Rauxels an den geplanten Natur- und Wasser-Erlebnis-Park und den neu entwickelten Landschaftsraum an der Emscher anbinden. Die Brücke und der „Platz der Schichten“, an dem man zugleich den Dreckwasserkanal tief in der Erde, die wieder saubere Emscher, den Kanal und eben die Brücke quasi schichtweise übereinander erfahren soll, werden mit gedeckelten 6,9 Millionen Euro kalkuliert.

Viel Geld, keine Frage. Würde nicht ein simples Brückchen ohne Schnickschnack den Zweck erfüllen, fragen viele Menschen, die die Berichterstattung über das „Emschersprung-Projekt“ verfolgen. Muss eine 600 Meter lange und 2,50 Meter breite Brücke für einen Geh- und einen Radweg so teuer sein? Haben wir nicht andere Probleme in Castrop-Rauxel? Könnte das Geld nicht sinnvoller investiert werden?

Was ist mit dem Krickesteg und der Bennetorbrücke?

Man könnte, um nur beim Thema Brücken zu bleiben, doch gut Geld für alle die maroden oder halbmaroden Brücken nutzen, die es wie überall in der Region auch in Castrop-Rauxel gibt. Denke man nur an den Krickesteg, jene ebenfalls nicht nur funktional gehaltene Fußgängerbrücke vom Einkaufszentrum Widumer Platz in den Erin-Park. Der Steg ist dringend sanierungsbedürftig, Geld dafür im Haushalt aber quasi nicht vorhanden.

Das Geld für den Emschersprung ist da. Für diesen Zweck. Punkt.
THOMAS SCHROETER

Denke man an die gar nicht mehr existente Bennertor-Brücke ebenfalls in der Altstadt. Die musste abgerissen werden, weil sie komplett durch war. Ein Neubau aber ist, zunächst geplant und priorisiert, inzwischen zu den Akten gelegt worden, weil kein Geld da ist. Dabei klagen nach wie vor viele Menschen, die aus Dorf Rauxel in die Altstadt wollen, darüber, dass diese fußläufige Verbindung in Verlängerung der Kolpingstraße zur Lutherkirche wirklich fehle.

Mehrere Brücken bauen, in Sozialprojekte investieren?

Ich gestehe: Auch mir wäre es ein Herzensanliegen, diese Brücke zu realisieren. Denn über sie bin ich Jahre lang von den kostenlosen Parkmöglichkeiten an Kolping- und Thomasstraße bequem zu meinem Arbeitsplatz gekommen. Also: Könnte man nicht einfach die 7 Mille für den Emschersprung nehmen, davon ein normales Brückchen über die Emscher bauen, die Bennertor-Brücke neu bauen und auch noch den Krickesteg auf Vordermann bringen? Oder das Geld sogar für ein Sozialprojekt nutzen?

Tja, kann man eben nicht. Das ist die Krux mit Fördermitteln. Ob von Land, Bund, EU oder woher auch immer: Fördermittel sind fast immer zweckgebunden einzusetzen. In diesem Fall eben für den Emschersprung. Darüber kann man jetzt lange lamentieren, die Sinnhaftigkeit solcher Fördermittel hinterfragen, Berlin für bekloppt und weltfremd halten oder sogar den Wutbürger heraus hängen lassen. Allein, es wird nichts nutzen.

Bloß nicht den Anlassbezug bei einer Förderung kippen

Anlassbezogene Förderung hat es immer schon gegeben, wird es immer geben, muss es auch immer geben. Denn sonst würden, Bananenrepubliken lassen grüßen, Gelder in vielen Städten dazu genutzt, klamme Kassen aufzufüllen und eigene Unzulänglichkeiten zu kaschieren.

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Das Geld für den Emschersprung ist da. Für diesen Zweck. Punkt. Also sollte es eingesetzt werden, um Castrop-Rauxel einen echten Mehrwert zu schaffen. Man sollte es nutzen, um den Sprung nun zu einem echten Wurf zu machen, eine Brücke zu realisieren, die einen Wow-Effekt auslöst. Eine Brücke, die man seinen Gästen zeigen möchte, für die man Werbung machen kann, auf der man sich mit seiner Freundin verabredet, um eine herrliche Radtour an der blauen Emscher oder am Kanal entlang zu machen.

Wäre aus Stadtsicht doch auch schön, wenn man den Emschersprung eines Tages architektonisch in einem Atemzug mit der Millenium Bridge nennen würde, oder? Man darf ja noch spinnen.

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