Die Intensivstation im St.-Rochus-Hospital ist nahezu voll ausgelastet. © Ekkehart Reinsch
Coronavirus

Enkelin nach Corona-Tod der Oma (91) im Rochus in Trauer – und sauer

Auch in Castrop-Rauxel sind Menschen zuletzt am Corona-Virus gestorben. Die Enkelin einer Verstorbenen ärgert sich über Begleitumstände. Das Rochus verweist auf den Schutz anderer Patienten.

Dieser Tod trifft zurzeit viele Menschen, vor allem die über 80 Jahren: Menschen in diesem Altersspektrum sind besonders anfällig für Covid-19, hier ist die Sterberate hoch. Jetzt traf es eine 91-jährige Castrop-Rauxelerin. Sie war schon an einer Lungenentzündung erkrankt, hatte seit zwei Jahren Krebs mit schlechter Prognose und kam am Montag (23.11.) akut ins St.-Rochus-Hospital.

Am Sonntag (29.11.) starb sie dort, nachdem sie zuvor positiv auf Covid-19 getestet worden war. Laut ihrer Enkeltochter musste die Familie sie in ihrem Sterben allein lassen.

Die 44-jährige Enkelin aus Castrop-Rauxel klagt in ihrer Trauer: „Niemand durfte meine Oma sehen! Das ist eine menschliche Katastrophe!“ Eine Frau, die drei Kinder groß gezogen und den Krieg überlebt habe, habe es verdient, würdevoll zu sterben. „Das ist momentan nicht gegeben.“

Sie findet: Jeder Angehörige sollte selbst entscheiden, ob er sich in Gefahr bringen will und eine Quarantäne in Kauf nimmt. Es gebe ja Schutzmöglichkeiten für Ärzte, warum dann nicht auch für Angehörige, die ihre Verwandten in den letzten Lebenstagen begleiten wollen?

„Sind an vorgegebene Regelungen gebunden“

Die Katholische St.-Lukas-Gesellschaft antwortet schriftlich sehr ausführlich auf die Schilderung dieser Umstände. Sprecher Holger Böhm erklärt: „Bei Besuchen von Patienten in Krankenhäusern sind wir an die von Bund und Land vorgegebenen Regelungen zur Verhinderung der Verbreitung von Corona gebunden, die uns auf lokaler Ebene durch Vorgaben und Absprachen mit dem Gesundheitsamt binden.“

Was bedeutet das genau? Im Rochus gilt ein grundsätzliches Besuchsverbot, mit ganz wenigen Ausnahmen. „Allein aus unserem Selbstverständnis heraus nutzen wir alle realisierbaren Möglichkeiten, um die Härten des strikten Besuchsverbotes zu mildern und lassen über Ausnahmeregelungen Besuche bei Schwerstkranken und sterbenden Patienten sowie von Vätern im Rahmen der Geburtsbegleitungen zu“, sagt Holger Böhm.

Dieser Zettel mit den Besuchsbestimmungen hängt an der Tür zum zentralen Treppenhaus im Rochus-Hospital. Sieben Menschen starben hier seit Ausbruch der Pandemie an oder mit Covid-19.
Dieser Zettel mit den Besuchsbestimmungen hängt an der Tür zum zentralen Treppenhaus im Rochus-Hospital. Sieben Menschen starben hier seit Ausbruch der Pandemie an oder mit Covid-19. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Falls zu erwarten sei, dass ein Corona-Patient stirbt, darf er Böhm zufolge von einer Person besucht werden, sogar unabhängig davon, ob sich diese Person selbst in Quarantäne befindet. Böhm: „Die Angehörigen müssen zurzeit leider unter sich klären, wer den sterbebegleitenden Besuch übernehmen soll.“ Es darf nur einer.

Darüber hinaus gelten für die Krankenhaus-Gesellschaft Informationsbeschränkungen nach dem Willen des Patienten und/oder in Bezug auf gesetzliche Betreuer. Böhm: „Dies führt im Einzelfall dazu, dass nur benannten Bezugspersonen Kontakt und Information ermöglicht werden darf. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht jedem Angehörigen in jeder Situation immer gewährt werden kann, was er oder sie meint, beanspruchen zu können.“

Krankheitsverlauf nicht vorhersehbar

Die Ärzte könnten den Krankheitsverlauf eines Patienten nicht immer vorhersehen, sondern nur einschätzen. Bei schwer erkrankten, betagten Patienten könne ein unvorhersehbarer Verlauf nicht ausgeschlossen werden. „Unsere Ärzte und Pfleger tun alles, was in ihrer Macht steht, um unerwartete Situationen zu vermeiden und auskunftsberechtigte Angehörige auf dem Laufenden zu halten“, sagt Holger Böhm.

Als Krankenhaus könne man aber nicht öffentlich, sprich unserer Redaktion gegenüber, Auskünfte zu einzelnen Patienten geben. „So können wir uns auch zu dem von Ihnen angesprochen Fall nicht konkret äußern“, sagt Holger Böhm.

Sieben Menschen starben im Rochus bisher an Covid-19

Das Rochus-Hospital als eines der beiden Castrop-Rauxeler Krankenhäuser hatte nach eigenen Angaben seit Beginn der Pandemie sieben Todesfälle zu verzeichnen, die auf eine Sars-CoV-2-Infektion zurückzuführen sind. Mit Stand 2.12.2020, 9 Uhr, sind aktuell zehn Covid-19-Patienten im Rochus, keiner von ihnen auf der Intensivstation.

Bei jedem Fall bewege man sich in einer komplexen Sachlage. Man versuche, alle Patienten im Rochus-Hospital bestmöglich zu versorgen. Dabei würden Angehörige und Betreuungspersonen einbezogen, „soweit uns dies irgend möglich ist und es dem Willen des Patienten sowie den gesetzlichen Vorgaben entspricht“.

„Im Einzelfall für manche schwer zu ertragen“

Gleichermaßen habe man „großes Verständnis, dass die konkreten Umstände im Einzelfall für manche Angehörige schwer zu ertragen sind“. Böhm sagt: „Corona stellt uns alle vor ganz besondere Herausforderungen. Neben dem Schutz- und Kontaktbedürfnissen des Patienten dürfen wir nie die Schutzbedürfnisse anderer Patienten und unseres Personals aus den Augen verlieren. Wir müssen darauf achten, nicht selbst zu einer Verbreitungsquelle zu werden.“

Nicht immer schafften es Angehörige laut Böhm, diese Aufgabe zu respektieren. Das müsse aber „trotz aller Betroffenheit“ sein. „Die Sicherheit unserer Patienten und Mitarbeiter hat für uns oberste Priorität. Die Schutzmaßnahmen dienen dazu, Corona-Infektionen unserer oft schwer und mehrfach erkrankten Patienten zu verhindern.“

Einschränkungen für Besucher und Personal sowie die Hygiene- und sonstige Schutzmaßnahmen dienten einzig und allein dazu, eine Verbreitung von Corona im und durch das Krankenhaus oder seine Mitarbeiter zu unterbinden und so eine sichere Versorgung im Krankenhaus sicher zu stellen.

Für die 44-jährige Angehörige der am Sonntag verstorbenen Frau bleibt die Lage unverständlich. Sie hat uns am Donnerstag gesagt: „Ich glaube nicht, dass ich eine Gefahr geworden wäre, wenn ich mich an die Regeln gehalten hätte und mich dort wie ein Arzt oder eine Krankenschwester geschützt hätte.“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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