Erste Fahrradstraße könnte ein Meilenstein für den Radverkehr in Castrop-Rauxel werden

mlzSerie Radverkehr

Von der gegenwärtigen Situation des Alltagsradfahrens in Castrop-Rauxel ist kein Mensch begeistert. Wir haben den Ratsparteien fünf Fragen zur Zukunft des Rades gestellt.

von Dieter Duewel

Castrop-Rauxel

, 30.03.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Politik in unserer Castrop-Rauxel ist sich einig: Die Bedingungen für das Alltagsradfahren sind alles andere als optimal und müssen verbessert werden.

Wir haben die im Rat vertretenen Parteien fünf Fragen dazu gestellt, wie sie die Bedingungen für Fahrradfahrer in der Europastadt einschätzen und welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um den Radverkehr zu fördern.

? Wie beurteilen Sie die gegenwärtigen Bedingungen für Fahrradfahrer in Castrop-Rauxel?

Nach Auffassung von Bündnis 90/Die Grünen sind die Alltagsradwege in Castrop-Rauxel nahezu unbrauchbar, vor allem die Wege entlang der Hauptverkehrsachsen an der Bochumer Straße, der Dortmunder Straße, der Bahnhofstraße sowie der B235.

Ratsmitglied Bert Wagener kritisiert die dortige Verkehrsführung: „Solange der Autoverkehr Vorrang hat, locken wir niemanden auf das Rad.“ Positiver sieht er das Freizeitradnetz, das dank der Aktivitäten des RVR (Regionalverband Ruhr) und des Kreises deutlich attraktiver geworden ist.

Auch die SPD sieht Handlungsbedarf. Die Bedingungen für Radfahrer seien zwar in den letzten Jahren verbessert worden, so Ratsmitglied Dirk Kienast, sie erreichen aber nicht die Qualität, die eine moderne Radfahrerstadt benötigt. Er führt dieses u.a. auf die Beschränkungen zurück, denen die Stadt unterliegt: „Durch die verschiedenen Straßenbaulasten, die zum größten Teil in der Hand des Landes oder des Kreises liegen, haben wir nur begrenzten Einfluss auf die Radinfrastruktur.“

FDP und FWI halten die Situation für Radfahrer ebenfalls für ausbaufähig. Hilde Krusch von der FWI bemängelt, dass stellenweise „Radwege einfach aufhören oder umgeleitet werden.“ Sie fügt hinzu: „Die Fahrradschutzstreifen verwirren oft Radfahrer, aber auch Autofahrer.“ FDP-Fraktionsvorsitzender Nils Bettinger wünscht sich neben der Verbesserung der Radwege auch eine bessere Infrastruktur, wie etwa Ladesäulen für Pedelecs oder mehr Radabstellplätze.

Was ist eine Fahrradstraße?

  • Radfahrer sind hier tonangebend. Mit der Einrichtung von Fahrradstraßen haben Städte und Gemeinden die Möglichkeit, Straßen für den Radverkehr zu reservieren. Die gesamte Fahrbahn wird zum Radweg erklärt, der Radverkehr ist die bestimmende Verkehrsart.
  • Laut Straßenverkehrsordnung dürfen Kraftfahrzeuge ausnahmsweise Fahrradstraßen benutzen, sie müssen aber ihre Geschwindigkeit dem Radverkehr anpassen und dürfen nicht schneller als 30 km/h fahren.
  • Solche Straßen bieten Radfahrern besonderen Schutz aber auch Komfort, z.B. dürfen sie nebeneinander fahren, wodurch gemeinsame Fahrten attraktiver werden.

? Sind Sie der Meinung, dass dem Radverkehr mehr Bedeutung geschenkt werden sollte, wie z.B. auf den beiden wichtigen Nord-Süd-Achsen B235 und Wartburg-/Bahnhofstraße?

Wie wir bereits im ersten Teil unserer Serie über das Fahrradfahren in Castrop-Rauxel berichteten, ist es gegenwärtig sehr schwierig für Radfahrer, über die Nord-Süd-Achse der B235 beispielsweise aus den nördlichen Stadtteilen zum Stadtmittelpunkt zu gelangen. Hilde Krusch (FWI) weist darauf hin, dass durch einen fahrradfreundlichen Ausbau dieser Strecke der Radverkehr eine Alternative zum Autoverkehr bedeuten würde.

Deutlicher wird Bert Wagener (Bündnis 90/Die Grünen) in diesem Zusammenhang: „Wenn es nicht gelingt, gerade die Alltagsfahrten im Stadtgebiet mit dem Rad zurückzulegen, läuft was schief. Bei den meisten Fahrten mit dem Pkw werden nicht mehr als 10 Kilometer zurückgelegt. Das sind eigentlich typische Radstrecken.“

Für SPD und FDP ist es ebenfalls dringend notwendig, dass das Angebot für Radfahrer auf den Nord-Süd-Achsen erweitert wird. Sowohl Nils Bettinger (FDP) als auch Dirk Kienast (SPD) begrüßen daher das Konzept „Fahrradstraße Lange Straße“, das die Politik bereits auf den Weg gebracht hat. „Diese Fahrradstraße könnte ein Meilenstein für die weitere Entwicklung auf der B235 im Norden der Stadt sein,“ so Kienast. Nils Bettinger weist darauf hin, dass man aber darauf achten sollte, dass eine solche Radstraße „logisch an bestehende Netze anknüpfen muss“.

? Wenn ja, welche Maßnahmen müssten aus Ihrer Sicht ergriffen werden, um den Radverkehr zu fördern?

SPD und Grüne sind sich einig, dass die bisherige Benachteiligung von Fahrradfahrern gegenüber dem motorisierten Individualverkehr (MIV) deutlich vermindert werden muss. Dazu Bert Wagener: „Nur so können wir die Menschen überzeugen, das Rad zu nutzen. Die Bevorzugung des MIV macht den Menschen Angst, wenn sie sehen, wie viel Raum dem PKW eingeräumt wird und wie viel dem Radverkehr.“ Auch Dirk Kienast sieht das Problem der Verteilung des vorhandenen Verkehrsraums für die Verkehrsteilnehmer: „Die Benachteiligung von Fußgängern, Radfahrern und ÖPNV ist nicht akzeptabel.“

Erste Fahrradstraße könnte ein Meilenstein für den Radverkehr in Castrop-Rauxel werden

Die Lange Straße in Habinghorst. Sie soll zur ersten Fahrradstraße der Stadt werden, in der Autos nur Gäste sind, Räder generell Vorrang haben. © Dieter Düwel

Um das Fahrradfahren im Alltag attraktiver zu machen, sollten nach Auffassung der Grünen die Abstellmöglichkeiten für Fahrräder zahlreicher und sicherer werden. „Die immer hochwertiger werdenden Räder müssen auch sicher aufbewahrt werden können. Eigentlich müssten die Radstationen flächendeckend ausgebaut werden,“ fordert Bert Wagener, der außerdem Bedarf für den Ausbau des Ladestationsnetzes für E-Bikes und Pedelecs sieht, „z.B. mit der Möglichkeit, sein E-Bike an Laternen aufzuladen.“

Dieser Forderung schließt sich die FDP an. Nils Bettinger: „Neben der Einrichtung von Ladestationen und mehr Abstellmöglichkeiten, halten wir auch bessere Straßenmarkierungen sowie bauliche Hilfen, wie z.B. Absenkungen in Kreuzungsbereichen, für sinnvoll.“

Der FWI ist vor allem daran gelegen, in neuen Wohngebieten für Fahrradfahrer eine Anbindung an die umliegenden Straßen zu schaffen. Hilde Krusch fügt ein konkretes Anliegen hinzu: „Für den Neubau der Bladenhorster Kanalbrücke haben wir einen Fahrradweg gefordert, die Mehrkosten soll die Stadt Castrop-Rauxel tragen.“

? Wie beabsichtigen Sie, diese Maßnahmen politisch umzusetzen?

Neben den üblichen Anträgen und Nachfragen an die Verwaltung von Stadt und Kreis zur Förderung von mehr Engagement im Bereich des Alltagsradfahrens, haben die Grünen und die FDP recht konkrete Strategien entwickelt, wie die Bedingungen für Radfahrer im Stadtgebiet verbessert werden könnten. Bert Wagener hält es für wichtig, die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren: „Wir planen Radtouren durch das Stadtgebiet und wollen Verbesserungspotenziale aufzeigen. Dabei sollten die neuen Mobilitätsstudien des RVR genutzt werden, um auf lokaler Ebene Schlüsse daraus zu ziehen.

Radabstellplätze sollen in Bebauungspläne eingearbeitet werden, das Netz der Radstationen aufgebaut und die Chancen der E-Mobilität hinsichtlich der E-Bikes aufgezeigt werden.“

Mobilitätsstudien des RVR

  • Im September 2018 legte der Regionalverband Ruhr (RVR) die regionalen Ergebnisse einer bundesweiten Mobilitätsstudie des Bundesverkehrsministeriums vor. Hier die wichtigsten Ergebnisse:
  • 58 Prozent aller Wege werden in der Metropole Ruhr mit dem Pkw zurückgelegt. Der Umweltverbund aus Öffentlichen Personennahverkehr mit Bussen und Bahnen, Fahrrad und zu Fuß hat einen Anteil von 42 Prozent am Verkehrsaufkommen.
  • Vor allem die Bevölkerung von 30 bis 64 Jahren nutzt intensiver das Auto. Bei jüngeren Menschen, und in den Großstädten verliert das Auto insgesamt Anteile an andere Verkehrsträger.
  • Weniger als ein Zehntel der Befragten ist mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln unterwegs, obwohl den meisten die komplette Mobilitätspalette aus Fahrrad, ÖPNV und Pkw zur Verfügung steht.
  • Zwei Drittel besitzen ein Fahrrad, ein Fünftel nutzt ein ÖPNV-Ticket im monatlichen Abonnement und 85 Prozent haben einen Führerschein. Neun von zehn haben mindestens gelegentlich Zugang zu einem Pkw.
Nils Bettinger weist daraufhin, dass die FDP bereits die Weichen für die Förderung des Radverkehrs gestellt hat: „Wir haben an dem Mobilitätskonzept ‚Castroper Altstadt‘ mitgearbeitet, das in den nächsten Monaten fertiggestellt wird. Sobald das Konzept vorliegt, wird die FDP-Fraktion weitere Anträge daraus ableiten.“

  • Bis dahin strebt man die Förderung folgender konkreter Maßnahmen an: Markierung von Schutzstreifen und Parkständen auf der Dortmunder Straße (Höhe Querungsinsel Adlerstraße bis Kreisverkehr Neuroder Platz);
  • Einrichtung einer Fahrradstraße über Wewelingstraße/Ringelrodtweg als Umgehung der Pöppinghauser Straße;
  • Einrichtung eines Radwegs und von Radfahrstreifen sowie der Bau einer Querungsinsel auf der Oststraße zwischen Grutholzstraße und Überführung BAB 42;
  • Markierung von Schutzstreifen und der Bau von zwei Querungsinseln auf der Ickerner Straße/Uferstraße in Höhe Emscherradweg und Emscherstraße.

? Halten Sie es für wünschenswert, dass sich Castrop-Rauxel um die Aufnahme in die „Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW“ bewirbt? Wenn ja, mit welchen Maßnahmen müsste eine solche Bewerbung unterstützt werden?

Einhellig sind die Parteien der Meinung, dass eine Aufnahme in die AGFS sinnvoll und wünschenswert ist. Die SPD sieht darin den Vorteil, dass Verwaltung und Politik gefordert werden, die finanziellen Mittel zur Umsetzung von Ideen und Vorhaben bereitzustellen. In der FDP wurde bereits einstimmig der Beschluss gefasst, dem Energiebeirat zu empfehlen, bis zu € 50.000 für die Erstellung eines Mobilitätskonzepts für die Bewerbung um die Mitgliedschaft in der AGFS zu gewähren. „Mit diesem Konzept ist es möglich, weiterhin Mittel aus den Landesfördertöpfen zu erhalten“, weiß Nils Bettinger.

Bert Wagener von den Grünen stellt klar, dass die Aufnahme in die AGFS nur der erste Schritt sein kann: „Die Mitgliedschaft allein verbessert noch nicht die Situation vor Ort. Eine Vernetzung mit anderen Kommunen muss her. Ich gehe aber davon aus, dass das Aufnahmeverfahren noch in diesem Jahr startet.“

HINWEIS: Von der CDU und den Linken haben wir auf unsere Fragen keine Antworten bekommen.

Was ist die AGFS und welche Ziele verfolgt sie?

  • Die „Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW“ verfolgt das Ziel, die Städte und Gemeinden Nordrhein-Westfalens durch optimale Bedingungen für Nahmobilität attraktiver zu gestalten.
  • Die AGFS verfolgt die Idee einer „gesunden Stadt“, in der Nahmobilität die „Basismobilität“ ist, also ein Großteil der persönlichen Alltags- und Freizeitwege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad abgewickelt.
  • In NRW berechtigt die Aufnahme als Mitglied in der AGFS zum Tragen des Titels „Fahrradfreundliche Stadt“.
  • Die Aufnahme erfolgt für sieben Jahre, danach findet eine erneute Prüfung statt.
  • Derzeit gibt es in NRW 75 Mitgliedskommunen.
Lesen Sie jetzt