EUV heizt bald mit innovativer Idee: Energie aus dem Abwasserkanal

mlzKlimaschutz

Der EUV Castrop-Rauxel hat einen neuen Plan für das Erhitzen seines Wassers: Er will ein Kraftwerk bauen, das aus Abwasser Energie gewinnt. Aber keine Wasserkraft. Die Idee ist raffinierter.

Castrop-Rauxel

, 02.04.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wasserkraft ist keine neue Idee. Aber bei diesem Projekt geht es nicht um Energiegewinnung aus der Fließgeschwindigkeit: Am Abwasserkanal Emscher will der EUV Castrop-Rauxel die Abwärme des Abwassers nutzen und damit selbst heißes Wasser erzeugen.

Die Idee ist raffiniert: Menschen gehen baden oder duschen, kochen Kartoffeln oder lassen Spülwasser ablaufen. Dabei gerät warmes Wasser in die Kanalisation. Was geschieht mit dieser Wärme? Bisher geht sie verloren: Sie verdampft, das Wasser kühlt ab und fließt zur Kläranlage. Man könnte die Wärmeenergie aber nutzen.

Das Betriebsgelände des EUV - die Abkürzung steht für Entsorgung, Umweltschutz, Versorgung - liegt am Westring. Direkt entlang fließt der Landwehrbach, ein Zufluss der Emscher. Der enthält nicht nur Regen-, sondern auch Schmutzwasser aus der Kanalisation: ein Mischwassersammler.

Der Landwehrbach verläuft am Westring derzeit noch überirdisch. Das ändert sich aber. Dann will der EUV-Stadtbetrieb aus dem unterirdischen Abwasserkanal die Abwärme zur Energiegewinnung nutzen.

Der Landwehrbach verläuft am Westring derzeit noch überirdisch. Das ändert sich aber. Dann will der EUV-Stadtbetrieb aus dem unterirdischen Abwasserkanal die Abwärme zur Energiegewinnung nutzen. © Tobias Weckenbrock

Das Prinzip geht bald nicht mehr auf: Die Emscher und ihre Zuläufe sollen frei von Schmutzwasser sein. Beim EUV wird der Bach von der Emschergenossenschaft so umgebaut, dass er unterirdisch in einem Abwasserkanal verläuft.

Abwasser nie unter 10 Grad

Da auch der EUV auf seinem Gelände umbaut, ist laut Ilias Abawi, Sprecher der Emschergenossenschaft, nun die EG-Tochterfirma Betrem beauftragt, sein Konzept der Energiegewinnung einzusetzen. „Der Abwasserstrom weist im Jahresverlauf eine recht gleichbleibende Temperatur zwischen 10 und 20 Grad auf“, sagt Abawi. Das reicht für „Aquathermie“.

In einer Broschüre der Gesellschaft Betrem geht das innovative Prinzip der Aquathermie hervor: Ein Wärmetauscher und eine Wärmepumpe sorgen dafür, dass aus der Energie aus etwa 15 Grad warmem Abwasser Heizungswasser auf 65 Grad erhitzt werden kann. Bei der Rückführung ist es 9 Grad kälter.

In einer Broschüre der Gesellschaft Betrem geht das innovative Prinzip der Aquathermie hervor: Ein Wärmetauscher und eine Wärmepumpe sorgen dafür, dass aus der Energie aus etwa 15 Grad warmem Abwasser Heizungswasser auf 65 Grad erhitzt werden kann. Bei der Rückführung ist es 9 Grad kälter. © Betrem

Nirgendwo in Deutschland sei die Dichte von Kanälen und potenziellen Abnehmern so hoch wie im Ruhrgebiet, so Abawi. Allein beim Emscher-Umbau seien rund 400 km Kanalabschnitte neu gebaut worden. Eine Aquathermieanlage besteht aus zwei Herzstücken – dem Wärmetauscher (WT) im Kanal und der Wärmepumpe (WP) in der Energiezentrale – sowie den Leitungen. Betrem baut und betreibt die Wärmetauscher in den Kanälen und die Nahwärmeleitungen.

2009 war das erste Projekt dieser Art in Bochum die Versorgung des Nordwestbades. Nach Neuordnung der Zuständigkeiten nahm Betrem Ende 2018 ein erstes, vom Bundesumweltministerium gefördertes Projekt in Dortmund in Betrieb: die Versorgung des Seniorenwohnheims Westholz. „Betrem entwickelt derzeit eine Reihe von Projekten mit unterschiedlichen Größenordnungen“, so Abawi. Darunter das beim EUV.

Die Energie soll laut EUV-Chef Michael Werner unter anderem dazu genutzt werden, das eigene Frischwasser auf ca. 60 Grad zu erhitzen. Müllabfuhr, Kanal- und Straßenreinigung: „Bei uns wird viel geduscht“, erklärt er.

Die Abwasserkanäle, die der EUV in Castrop-Rauxel selbst bearbeitet und verantwortet, haben eine Länge von 270 Kilometern. Das Potenzial sei also da, so Werner. Strategie des Stadtbetriebes ist es, mit einzelnen Projekten selbst im Umweltschutz voran zu gehen. Idee dahinter: Privatleuten zu zeigen, was möglich ist, Anreize dazu geben, selbst aktiv zu werden.

Anlage könnte auch Kosten sparen

Konkret bringt das auf Dauer wohl auch Kosten-Einsparungen mit sich. Die Grazer Energie Agentur aus Österreich hat Berechnungen vorgelegt, nach denen die Kosten für den Aufbau einer Abwasser-Wärmepumpe deutlich höher sind als die für konventionelle Heizanlagen. Die Betriebskosten liegen aber um 30 Prozent niedriger. Nach rund acht Jahren hätten sich die Mehrkosten amortisiert.

„Somit sind die Kosten über den gesamten Lebenszyklus niedriger als bei konventionellen Anlagen“, schlussfolgert der deutsche Anlagenbauer Huber auf seiner Website, auf der er für seine Wärmepumpen-Technik wirbt. Die EG-Tochtergesellschaft Betrem schreibt in einer Broschüre: „Wenn wir nur 10 Prozent der potenziellen Wärmeentzugsleistung des Kanalnetzes von 88,3 MW nutzen, können wir damit den Wärmebedarf einer Mittelstadt mit ca. 30.000 Einwohnern decken.“

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt