EUV wehrt sich gegen Kritik an Klimaschutzzahlen und setzt auf Abwärme aus Abwasserkanal

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Nach den Grünen jetzt auch die Linken: Sind die Statistiken der Stadt Castrop-Rauxel zum Klimaschutz falsch? EUV-Chef Werner erklärt Hintergründe und verrät einen neuen Plan.

Castrop-Rauxel

, 13.03.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für das Aktionsprogramm Klimaschutz arbeitet der EUV jedes Jahr die Zahlen frisch auf. Doch immer wieder gibt es Kritik daran. Oft waren die Grünen Urheber dieser Kritik, jetzt sind es die Linken. Deren Ratsherr Meinolf Finke hat selbst nachgerechnet und kommt zu grundlegend anderen Zahlen als die Stadt.

Die Finke-Rechnung geht so:

Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass jeder Bundesbürger 2019 einen Treibhausgas-Ausstoß von 9,95 Tonnen durch die Inanspruchnahme von Leistungen aller Art für sein Leben verursacht hat. Die Kohlendioxid-Emissionen (CO2) machten insgesamt 811 Millionen Tonnen aus.

Die weiteren Treibhausgase Methan, Lachgas und F-Gase werden dabei in CO2-Äquivalente umgerechnet. Dies bedeutet gegenüber 1990, dem Basisjahr für Einsparungsrechnungen, eine Verringerung von 35,17 Prozent. Treibhausgasemissionen kommen aus den Bereichen Energiewirtschaft, Industrie, Gebäude, Verkehr, Militär und Landwirtschaft.

Berechnet man den Ausstoß für 2019 für jeden Bürger in Castrop-Rauxel, so ergibt das 75.438 Einwohner mal 9,95 Tonnen CO2, also 750.608 Tonnen CO2 für Castrop-Rauxel.

Michael Werner, Vorstand des EUV Stadtbetriebs, findet: Sowohl die Stadt als auch die Linke haben mit ihren Klimaberechnungen recht.

Michael Werner, Vorstand des EUV Stadtbetriebs, findet: Sowohl die Stadt als auch die Linke haben mit ihren Klimaberechnungen recht. © Tobias Weckenbrock

„Auf einem guten Weg“

Was sagt das „Aktionsprogramm Klimawandel“ der Stadt? Der Treibhausgasausstoß betrug 2017 253.000 Tonnen CO2. Das wird flankiert mit diesem Zitat: „Somit ist Castrop-Rauxel auf einem guten Weg und bereits dabei, die Ziele für 2030 zu erreichen.“ Die Differenz zur Finke-Rechnung ist immens.

Für Finke ein Problem: „Die Politik käut diese falschen Zahlen wieder“, sagt er. Seine Empfehlung: „Frühere CO2-Emissionsberechnungen, 1996 waren es 854.846 Tonnen CO2, heraussuchen, mit echten Zahlen weiterrechnen und die realen Werte benennen.“ Dann erst würde die Klimagefahr sichtbar.

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Der EUV rechnet anders. Michael Werner sagt: „Wir können nicht alle Emissionsdaten validieren. Bestimmte Zugänge fehlen uns.“ Die angenommene Zahl der Linken, abgeleitet aus Bundeserhebungen, bezögen sich auf alles: das Militär, den Konsum, die Kraftwerke, die Landwirtschaft, den Verkehr. „Wir beziehen uns auf Energiedaten.“ Wie solle man an individuelle Daten eines jeden Bürgers herankommen? Jeder könne zwar mit dem Fußabdruck-Rechner im Internet seinen CO2-Ausstoß berechnen – aber selbst wenn es jeder täte, hätte der EUV diese Daten noch nicht.

Früher habe es noch die Kohlekraftwerke Knepper und Rauxel gegeben. „Die haben wir nicht mehr. Der Bundesindex bezieht aber zum Beispiel alle noch aktiven Braunkohlekraftwerke mit ein.“

Werner: „Alle haben Recht“

Grundsätzlich sagt er: „Alle haben Recht.“ Der Stadt und dem EUV gehe es gar nicht um absolute Zahlen, sondern um die Trends. „Es muss nach unten rechts gehen“, sagt er und meint dabei die Grafik, in der dieser Trend abzulesen ist. Vom Basisjahr 1990, auf das man sich weltweit verständigt habe, müsse es nach unten rechts gehen, sprich: Die Emissionen müssen kontinuierlich sinken.

Der EUV-Stadtbetrieb hat eine große Fahrzeugflotte. Laut Vorstand Michael Werner denke man darüber nach, sich auf neue Antriebstechniken einzustellen.

Der EUV-Stadtbetrieb hat eine große Fahrzeugflotte. Laut Vorstand Michael Werner denke man darüber nach, sich auf neue Antriebstechniken einzustellen. © Tobias Weckenbrock

„Wenn ich den Trend vergleiche, liege ich von den Linken gar nicht weit weg“, sagt Michael Werner. Demnach sei der EUV bei 40 Prozent Verringerung, die Linken bei etwa 30 Prozent.

Um mehr Klarheit zu erlangen, hat der Regionalverband Ruhr das Thema an sich gezogen. Dort werde an einer neuen Berechnung gearbeitet, sagt Werner. „Dann kommt eine verdichtete neue Datenbasis“, kündigt der EUV-Chef an. Im April sollen die Zahlen vorliegen.

Er findet: „Das Thema ist in der Gesellschaft angekommen. Weltklimakonferenz, UNO-Resolution, Greta: All das könnten Faktoren sein.“ Und er meint: Es ist höchste Zeit. „Die Natur verändert sich. Wir bemerken, dass das Laub einen Monat früher fällt, weil im Sommer Wasser fehlt. Der einzelne muss weniger heizen wegen des warmen Winters. Die Frosttage wiederum fehlen uns wegen der Schädlinge, die im Winter nicht mehr erfrieren.“

Wärmeerzeugung aus Abwasserkanal

Tut die Stadt zu wenig? „Wir wollen Gründächer, wollen Flächen entsiegeln“, sagt Werner – und kündigt einen weiteren kleinen Baustein an: „Wir werden in einem Blockheizkraftwerk Wärmeenergie aus der Kanalisation gewinnen.“ Dazu wird im neu gebauten Abwasserkanal Emscher, der am Landwehrbach direkt entlang des EUV-Geländes am Westring unterirdisch gebaut wird, ein Absorber angebracht.

Dort soll aus der Abwärme aus dem Abwasser der Stadt Energie erzeugt werden, mit der der EUV das eigene Wasser erhitzt. „Hier duschen 120 Kollegen jeden Tag. So sparen wir auf Dauer etwas Gas ein.“ Der Ansatz sei: Energie sparen, um Kosten zu sparen.

Der Landwehrbach verläuft am Westring derzeit noch überirdisch. Das ändert sich aber. Dann will der EUV-Stadtbetrieb aus dem unterirdischen Abwasserkanal die Abwärme zur Energiegewinnung nutzen.

Der Landwehrbach verläuft am Westring derzeit noch überirdisch. Das ändert sich aber. Dann will der EUV-Stadtbetrieb aus dem unterirdischen Abwasserkanal die Abwärme zur Energiegewinnung nutzen. © Tobias Weckenbrock

Die Galerie Grosche im Erinpark nutze Geothermie, beim Bauprojekt Bildungscampus am Widumer Tor werde Erdwärme als Heizquelle genutzt: Zudem wolle man das Thema Wasserstoff beobachten: Es gebe auf dem Markt ein H2-Fahrzeug von MAN. „Das schauen wir uns an, denn wir haben selbst rund 100 Müllfahrzeuge“, so Werner. Man brauche dafür die Tank-Infrastruktur. Hier seien die Firma Linde (Dortmund) und die Messer Group, die auf dem Rütgers-Gelände Wasserstoff herstellt, entscheidende Akteure.

Der AGR habe zwei Dienstwagen mit Wasserstoff im Einsatz. An der Müllverbrennungsanlage gebe es eine Wasserstofftankstelle, so Werner. Castrop-Rauxel helfe der Beitritt zum H2-Netzwerk: „Da kommt Bewegung rein, das hier zusammen mit dem Kompetenzzentrum am Standort Herten zu entwickeln.“

Michael Werners Fazit: „Das Thema ist da, jede Diskussion bringt uns weiter.“ Also auch die kritischen und hinterfragenden Beiträge aus der Politik.

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