Glotzender Nachbar erleidet Herzinfarkt: Ex-Amtsgericht-Direktor erzählt von seiner Arbeit

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Ein Mann bekommt vor Gericht einen Herzinfarkt. Grund: ein Nachbarschaftsstreit. Ulrich Stein, ehemaliger Direktor des Castrop-Rauxeler Amtsgerichts, hat schon viel erlebt.

Castrop-Rauxel

, 19.10.2018, 12:06 Uhr / Lesedauer: 7 min

Ulrich Stein ist 67 Jahre alt und fit. Mit seinem Pedelec kommt er aus seiner Heimatstadt Dortmund zu unserem Termin im Amtsgericht. Dabei arbeitet er seit einigen Wochen nicht mehr hier. Der ehemalige Direktor wird gegrüßt, jeder hat ein paar freundliche Worte für ihn. Ulrich Stein ist immer noch gerne hier, sagt er. Nach acht Jahren Dienstzeit kommt er manchmal noch zur obligatorischen Kaffeepause mit seinen Kollegen. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit.

Was genau waren Ihre Aufgaben als Direktor des Amtsgerichts?

Ein Direktor eines Amtsgerichts von der Größe Castrop-Rauxels muss mindestens die Hälfte seiner Arbeit mit Rechtssachen, also Verhandlungen bestreiten. Als ich ankam, habe ich sowohl Zivilsachen als auch Familiensachen gemacht, danach nur noch Familiensachen und am Ende nur noch Betreuungssachen – also Verfahren, bei denen es darum geht, eine Regelung zur Betreuung von Menschen zu finden, die ihre Dinge nicht mehr alleine Regeln können; aus Krankheits- oder Altersgründen. Dazu gehört auch die Unterbringung in der Psychiatrie. Strafsachen habe ich früher in Dortmund gemacht, in Castrop-Rauxel nicht mehr.

Und die andere Hälfte?

Verwaltung. Das fängt an mit der Personalverwaltung, also Mitarbeitergesprächen, geht weiter übers Schreiben von Beurteilungen. Haushaltssachen sind zu regeln, Gebäudefragen und so weiter. Ich habe mir das aufgeteilt mit meiner stellvertretenden Direktorin. Da fällt sehr viel Arbeit an.

Haben Sie schon einmal eine Verhandlung geführt und haben am Ende gedacht: „Mist, vielleicht habe ich falsch entschieden, vielleicht war der Angeklagte doch unschuldig oder ich bin mir nicht so sicher“?

Ja klar. Früher bei Strafsachen vielleicht weniger. Aber ich habe vor allem in Familiensachen viele Fälle gehabt, wo ich mich gefragt habe: „Wie kannst du es überhaupt richtig machen?“ Aber das ist so im Leben. Wenn ein Richter sich nicht zugesteht, dass er auch mal falsch entscheidet, dann ist er fehl am Platz. Sorgerechtssachen für Kinder sind oft schwierig zu entscheiden und wenig justiziabel. Einen Verkehrsunfall zu entscheiden, ist einfacher. Da geht es um äußere Tatsachen – wer ist wie gefahren? In Familiensachen geht es um schwierige psychosoziale Beziehungen. Ich muss mit einer professionellen emotionalen Distanz arbeiten, aber solche Fälle nimmt man abends mit ins Bett. Nicht alle, aber die schwierigen. Grundsätzlich ist dabei Erfahrung ein ganz wichtiger Faktor.

Was hat sich in Ihrer Dienstzeit von 2010 bis 2018 hier am Amtsgericht verändert?

Die Richterzahl. Als ich ankam, gab es 8,5 Stellen, jetzt 10,5 Stellen. Wenn es ein Wirtschaftsunternehmen wäre, würde ich sagen, wir haben mehr Umsatz gemacht. Aber es liegt einerseits daran, dass sich die Personalbedarfsberechnung für die Richter etwas verbessert hat, sie haben also mehr Zeit für einen Fall. Und es liegt an den Fällen selbst. Die Zahl hat zugenommen.

Die Stadt ist also krimineller geworden?

Das kann man so nicht sagen. Ein großer Teil der Verfahren, die wir haben, sind Strafvollstreckungssachen, also ob ein Häftling vorzeitig entlassen wird oder nicht. Das ist eine Besonderheit für Castrop-Rauxel, weil es hier eine JVA gibt. Die Anträge haben zugenommen. Andere Rechtssachen haben allerdings auch ein bisschen zugenommen.

Glotzender Nachbar erleidet Herzinfarkt: Ex-Amtsgericht-Direktor erzählt von seiner Arbeit

Ulrich Stein, ehemaliger Direktor des Amtsgerichts Castrop-Rauxel hat auch eine Ausbildung zum Mediator gemacht, die ihm in seiner Arbeit viel geholfen habe. „Mich kann man kaum beleidigen“, sagt er im Abschieds-Interview. „Ich stelle nur einen Strafantrag, wenn es zu drastisch wird.“ © Iris Müller

Hat sich inhaltlich viel geändert? Gibt es heute mehr Drogenprobleme als früher zum Beispiel?

Die Problematiken haben sich ein bisschen geändert. Wir haben mehr Probleme mit Reichsbürgern. Davon gibt es in Castrop-Rauxel ja auch drei oder vier. Die kennt man mittlerweile, und sie machen immer wieder Schwierigkeiten. In den Verhandlungen geht es oft hoch her. Sie verneinen die Berechtigung des Staates und der Justiz. Das ist unangenehm. Wenn man befürchten muss, dass viele aus der Szene in die Verhandlung kommen, müssen wir auch vorsichtshalber Polizei hinzuziehen. Die Zahl der Drogendelikte ist eher rückläufig.

Wurden Sie als Richter oft beschimpft?

Ich habe mehr Zivil- und Familiensachen gemacht. Da ist das seltener. Es kommt zwar vor, aber dann kann ich ja Ordnungsstrafen verhängen. Das ist eine Frage der Erfahrung und Routine. Da muss man sich eine dicke Haut angewöhnen. Mich kann man kaum beleidigen. Ich stelle nur einen Strafantrag, wenn es zu drastisch wird.

Sie wollten als Richter nicht nur bestrafen, sondern auch vermitteln, oder?

Genau. Es gibt seit einigen Jahren die Möglichkeit einer Mediation in den Verfahren. Vor allem in Zivil- und Familiensachen. Ich habe mich vor sechs Jahren zum Mediator ausbilden lassen. Die einzelnen Richter können sagen, wenn die Parteien einverstanden sind, dass das Verfahren an den Mediator abgegeben wird. Es soll dann eine friedvolle Einigung geben, mit der alle zufrieden sind. Es wird nur vermittelt und die Beteiligten erarbeiten die Lösung selber. Man kann einen Vergleich schließen, und aus dem kann man auch vollstrecken.

Machen Sie ein Beispiel.

Bei einem Nachbarschaftsstreit einigen sich die Parteien, dass der Nachbar die Hecke auf eine bestimmte Höhe schneidet. Und wenn er es nicht einhält, kann man, genauso wie bei einer Entscheidung des Zivilrichters, mit diesem Vergleich zum Gerichtsvollzieher gehen.

Bei solchen Nachbarschaftsstreitigkeiten, denken Sie da nicht manchmal: „Das ist doch lächerlich!“? Als erwachsene Menschen muss man sich doch einigen können, wer die Hecke auf welche Höhe schneidet.

So ist das Leben. Das kennt man doch aus dem Alltag. Oft geht es gar nicht um die Positionen. Der Mediator unterscheidet ja zwischen Positionen und Interessen. Wenn die Position ist, dass der andere mir die Hecke schneiden muss, ist das Interesse vielleicht ein ganz anderes. Das Interesse kann sein, ihn zu ärgern oder sich zu rächen für etwas anderes.

Das Gute an der Mediationsausbildung ist, dass man Gerichtsverhandlungen, vor allem Familiensachen, oft mit mediativen Elementen verhandeln kann, zumindest in Ansätzen. Man lernt, Sichtwechsel vorzunehmen, sich also in Andere hineinzuversetzen. In Familiensachen zum Beispiel kann man sagen: „Wenn euer Kind jetzt da hinten sitzt und mitkriegt, wie ihr euch hier streitet: Versetzt euch mal seine Lage und überlegt, ob das letzten Endes gut ist für euch.“ Da kommt bei manchen dann ein Nachdenken. Man kommt sich von den Positionen her näher und versteht den anderen.

Nochmal gefragt: Schlagen Sie nicht manchmal die Hände über dem Kopf zusammen, über was hier gestritten wird?

Ja, das kann man so sagen. Was auch zugenommen hat, sind sogenannte Gewaltschutzverfahren – mit Stalkern zum Beispiel. Heutzutage kann man auch über die Neuen Medien stalken. Oft bei Trennungen. Da hört einer nicht auf, dem anderen Nachrichten zu schicken. Da fragt man sich manchmal auch: „Haben die sie noch alle?“ Aber man muss auch das verhandeln. Da muss man als Richter Gelassenheit bewahren.

Zweifeln Sie manchmal an der Gesellschaft, wenn Sie hier Jahrzehnte gearbeitet haben?

Nein, gar nicht. Jeder Streit kann ja auch eine andere, positive Seite haben, die Versöhnung. Gerade in Castrop-Rauxel haben viele Streitigkeiten dazu geführt. Oft haben die Parteien ein Einsehen. Einigungen sind möglich. Und das ist das Schöne; man hat als Richter ja die Aufgabe, auch wenn es verrückte und lächerliche Streitigkeiten gibt, die Leute zu versöhnen.

Wozu braucht man aber eine Person von außen? Fühlt es sich nicht manchmal so an, als ob die Kinder streiten und Papa Richter muss helfen?

Manchmal hat man den Eindruck, die wollen die Regelung von oben. In Familiensachen brauchen die Beteiligten oft einen Pflock, der in den Boden gehauen wird, durch das Gericht, damit sie wieder ein bisschen Orientierung haben. Die Kinder sind oft froh, wenn da jemand ist, der in dem Familien-Chaos Orientierung gibt. Die Kinder werden ja auch fast immer angehört.

Die Kinder sind aber oft instrumentalisiert, oder?

Wenn man ein bisschen Erfahrung hat, kriegt man das schnell raus. Ich habe immer gerne die Kinder angehört.

Warum haben Sie die Familien- und Betreuungsverfahren gereizt?

Weil es da unmittelbar um die Lebensprobleme von Menschen geht. Die Rahmenbedingungen kann ich verbessern, zum Beispiel, indem ich einen Betreuer bestelle, der die Sachen dann regeln kann. Bei Familiensachen geht es auch um Lebensbiografien, in die man unmittelbar eingreift. Da hat man eine große Verantwortung. Das habe ich gerne gemacht. Das betrifft die Menschen oft existenziell. Wenn man einen Verkehrsunfall falsch entscheidet, zahlen letztlich die Versicherungen bei dem einen oder dem anderen mehr oder weniger.

Vor Gericht wird doch gelogen ohne Ende, obwohl man das gar nicht darf, oder?

Das kommt drauf an. Zeugen dürfen nicht lügen, aber der Angeklagte darf lügen. Der Staat muss ihm ja die Straftat beweisen. In Familien- und Zivilsachen gibt es auch eine Wahrheitspflicht, aber natürlich lügen die Leute da. Die Wahrheit ist ja auch immer eine Frage der Wahrnehmung. Es gibt subjektiv verschiedene Wahrheiten. Man muss sich davon lösen, dass man als Richter immer die objektive Wahrheit herausfindet. Oft kommt ein Phantom-Sachverhalt heraus, den man dann feststellt. Der liegt irgendwo dazwischen.

Erinnern Sie sich an einen besonders verrückten Fall?

In einer Zivilrechtsverhandlung eines Kollegen ging es neulich um einen Nachbarschaftsstreit, da hat jemand vor Aufregung einen Herzinfarkt bekommen. Da ging es emotional ganz hoch her. Die Verhandlung musste Wochen später fortgeführt werden. Es ging darum, dass dieser Nachbar dem anderen angeblich ständig aufs Grundstück geguckt hat, und der das nicht wollte. Wie das am Ende ausgegangen ist, weiß ich nicht mehr genau.

Neuer Direktor

Lutz Grimm leitet das Amtsgericht

Glotzender Nachbar erleidet Herzinfarkt: Ex-Amtsgericht-Direktor erzählt von seiner Arbeit

Lutz Grimm, Direktor des Amtsgerichts Castrop-Rauxel. © Iris Müller

Geboren im Jahr 1973 in Bochum-Wattenscheid, hat Lutz Grimm, der Nachfolger von Ulrich Stein, in seiner Laufbahn unter anderem für das Bundesamt für Verfassungsschutz, am Landgericht Dortmund und im Justizministerium des Landes NRW gearbeitet. Zuletzt hat er seit 2015 das Amtsgericht Herne-Wanne geleitet. Neben seiner Tätigkeit in Rechtssprechung und Verwaltung widmet sich Lutz Grimm als Dozent der Fortbildung von jungen Richtern. Darüber hinaus nimmt er seit 2011 einen Lehrauftrag der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer wahr.

Was empfinden Sie als gerecht beziehungsweise ungerecht?

Das ist eine philosophische Frage. Es gibt Gerechtigkeit in der Sache, aber auch eine Verfahrensgerechtigkeit. Wir sind in gewisser Weise Kulturschaffende: Wir halten eine Rechtskultur aufrecht und sollten sie möglichst sogar verbessern. Dabei kommt es darauf an, dass jeder möglichst gleich viel angehört wird, also das Recht hat, zur Sprache zu kommen, dass jedem zugehört wird und dass jeder bei der Entscheidung ausreichend berücksichtigt wird. Das ist das Wichtigste, was wir in der Justiz machen. Die Leute ernst nehmen, aktiv zuhören, höflich behandeln. Was dann hinterher rauskommt, ist oft beeinflusst durch Lügen oder durch nicht ausreichende Beweisbarkeit. Wenn jemand hier rausgeht und sagt: „Ich bin zu meinem Recht gekommen, auch wenn ich in der Sache nicht einverstanden bin“, dann ist das in der Sache vielleicht nicht immer gerecht, aber die Person fühlt sich mit ihrem Anliegen ausreichend wahrgenommen.

Wann wurden Sie persönlich das letzte Mal ungerecht behandelt?

Da habe ich keine besonderen Erinnerungen. Als Fußballfan hat man manchmal Probleme mit der Gerechtigkeit. Ich bin Hardcore-BVB-Fan. Fußball ist ein Spiegelbild des Lebens. Manchmal muss man sich schämen, weil man so viel Glück hatte, wie der Schiedsrichter entschieden hat. Umgekehrt ist man völlig fertig, weil man benachteiligt wurde.

Was haben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg gegeben? Was gibt es als Nächstes am Castrop-Rauxeler Amtsgericht zu tun?

Der Gerichtsbetrieb läuft hier sehr gut. Die Stimmung ist gut. Es ist ein Gericht, wo man schön arbeiten kann, wo es Spaß macht. Kleinere Probleme gibt es immer. Was schön ist: Die Menschen in Castrop-Rauxel, wie im Ruhrgebiet auch, sind viel kompromissfähiger und offener als andere.

Was sich ändern müsste ist eine rein bauliche Frage. Das Amtsgericht ist Anfang der 70er-Jahre gebaut worden. Für das Personal, das mehr geworden ist, ist eigentlich nicht genug Platz. Es gibt eine Hausmeisterwohnung, die leer steht. Diese Räume müssten dem Gericht zugeschlagen werden. Die müssen renoviert und baurechtlich umgewandelt werden. Aber es ist ein mühsames Geschäft, das zu regeln. Das zieht sich jetzt schon weit über ein Jahr hin. Das läuft über den Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes und über das Oberlandesgericht. Von dort werden die Mittel bewilligt.

Wie war der Schritt in die Pension für Sie persönlich?

Ich hätte mit 65 Jahren und fünf Monaten gehen müssen, habe aber noch bis 67 verlängert, weil es mir vor allem in den letzten Jahren viel Spaß gemacht hat. Aufzuhören fiel mir etwas schwer. Ich würde mir gerne eine Nebentätigkeit suchen, die mich auch in Zukunft ausfüllt, aber das lasse ich noch auf mich zukommen. Jetzt fahre ich viel Rad und gehe ins Fitness-Studio.

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