Mit einem Bypass wird der gestörte Lymphabfluss im Bein behoben. Diese Operation kann nicht in vielen Kliniken gemacht werden. Notwendig ist dafür ein spezielles Mikroskop, wie es das St.-Rochus-Hospital Castrop-Rauxel besitzt. © Tobias Weckenbrock
St.-Rochus-Hospital

Exklusiver Einblick: Arzt operiert mit Supermikro-Anlage haardünne Gefäße

Mikrochirurgische OPs sind das Spezialgebiet von Dr. Andrej Ring. Nach Krebs oder Unfällen ist das Fachwissen des Castrop-Rauxelers gefragt. Der Chefarzt am Rochus zeigt uns, was er dann tut.

Uwe Krampe ist 51 Jahre alt und arbeitet als Zimmermann. Nach einem Motorradunfall mit mehreren Brüchen vor einem Jahr: Er kann bis heute nur eingeschränkt arbeiten. Seine Narbe am Oberschenkel macht Probleme. Wenn er Treppenstufen nimmt oder etwas hebt, dann das: „Mein Oberschenkel wird steinhart.“ Er hat große Schmerzen. Uwe Krampe setzt all seine Hoffnung in das Castroper St.-Rochus-Hospital und Dr. Andrej Ring (44).

Ring ist Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie am „Rochus“. Er ist Fachmann für rekonstruktive Lymph- und Supermikrochirurgie. Patienten, denen bei einer Krebsoperation Lymphknoten entnommen werden, kann er helfen: Bei ihnen kann die Lymphe nicht abfließen. Sie leiden unter Lymphödemen. Aber auch Unfall-Patienten wie Uwe Krampe kann er helfen. Ein Spezial-Mikroskop hat er für den mikrochirurgischen Eingriff zur Verfügung.

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OP im Rochus-Hospital

„Im Umkreis von 100 Kilometern gibt es kein Krankenhaus, auch keine Uni-Klinik, die diese Möglichkeiten hat“, sagt Andrej Ring selbstbewusst. Er hat sich in Taiwan, Japan und den USA fortgebildet. Dort seien anders als hier solche Operationen Standard. „90 Prozent der Chirurgen hier haben Lymphgefäße nie gesehen“, sagt der Chirurg. Kein Wunder: Jedes ist dünn wie ein Haar und durchsichtig, genauso wie die Lymphe, die darin durch den Körper fließt.

Uwe Krampe hat lange vergeblich nach Hilfe gesucht

Auch Uwe Krampe, der in Oelde wohnt, kam eher zufällig auf das Rochus-Hospital. Er suchte nach Lösungen bei mehreren Ärzten. „Es hieß, das gibt sich mit der Zeit“, sagt er. Aber das tat es nicht.

Ein Arzt am Krankenhaus in Oelde, von dem er sich schließlich Linderung erhoffte, hatte kurz zuvor bei einer Fortbildung Andrej Ring und seine OP-Methoden kennengelernt. Krampe nahm Kontakt auf.

Nun ist er hier und optimistisch: „Ich rechne damit, dann fast schmerzfrei zu sein“, sagt er bei einem Vorgespräch, bei dem wir dabei sein können. Denn er hat uns erlaubt, auch bei seiner Operation live dabei zu sein.

Das nächste Mal, dass wir Uwe Krampe wiedersehen, ist im OP. Er ist in Narkose, über einen Schlauch bekommt er warme Luft zugeleitet. Die Ärzte Andrej Ring und Pascal Kirchhoff operieren, dazu kommen Pfleger, die „instrumentieren“, also alle Werkzeuge anreichen, und Anästhesist Dr. Ernst Noe mit einer Anästhesiepflegerin. Sie überwachen die Narkose und die Vitalwerte des Patienten.

Die Atmosphäre ist ruhig. Jeder weiß, was zu tun ist. Oberarzt Sebastian Bushart ist diesmal Beobachter am Rande. Er erklärt uns, was passiert. Er ermahnt uns auch, wenn wir dem sterilen Bereich zu nahe kommen.

„Auf die Lymphgefäße verschwendet man nur zwei Tage während des Medizinstudiums“, sagt Dr. Andrej Ring, während er zum OP-Tisch geht. Dabei haben die Lymphgefäße eine wichtige Funktion: Sie transportieren Gewebsflüssigkeit von unten im Körper in Richtung Herz, bis sie in die Venen, also in den Blutkreislauf, geleitet wird.

50 Prozent der Frauen haben nach Brustkrebs-OP Lymphödeme im Oberarm

Werden Lymphgefäße verletzt oder abgeklemmt, kommt es zu Staus, die schmerzen können. Bei Brustkrebs-Patienten zum Beispiel in der Brust oder in den Armen. Experten schätzen, dass bis zu 50 Prozent der Frauen nach der Operation an Lymphödemen des Oberarms und bis zu 30 Prozent an chronischen Lymphödemen in der Brust leiden.

Bei Uwe Krampe sind Oberschenkel und der Bauch betroffen. Andrej Ring geht davon aus, dass die Narbe im Oberschenkel, die sich deutlich nach innen zieht, für die Stauung mitverantwortlich ist. „Die Lymphgefäße sind vom Narbengewebe eingeschnürt“, sagt er.

Deshalb löst er die alte Narbe auf und ersetzt sie durch eine Z-Plastik. „Z wie Zorro“, sagt er unter dem Mundschutz und schmunzelt. „Z wie zufriedener Patient“, sagt Sebastian Bushart. Wie auch immer: Ring greift zum Skalpell, schneidet, verschiebt Hautlappen.

Geruch nach verbrannter Haut durchdringt den Operationssaal

Andrej Ring zeigt uns alles ausführlich. An dieser Stelle weiß ich, warum mein Foto-/Video-Kollege und ich im Vorfeld mehrfach darauf hingewiesen wurden, wir sollten uns einfach auf den Boden legen, wenn es uns schwindlig wird. Es stinkt nach verbranntem Fleisch, wenn Ring mit einer Art Lötkolben angegriffene Blutgefäße verschweißt und so bei der Arbeit Blutungen stoppt. „So riecht der Mensch“, sagt Andrej Ring und lacht.

Doch die faszinierende Technik lenkt schnell ab: Jetzt kann man gut auf dem Bildschirm verfolgen, was der Chefarzt und sein Kollege durch ein riesiges Mikroskop sehen, das nun mit einem weiten Ausleger über den Patienten geschoben wird, frisch und komplett überzogen mit einer sterilen Schutzfolie.

Einen fluoreszierenden Farbstoff hat er zu Anfang der OP zwischen die Zehen von Uwe Krampe gespritzt. Jetzt weiß man, warum: Im OP ist es nun dunkel. Die Ärzte sehen mithilfe einer Infrarotkamera, wo die Lymphbahnen genau im Bein verlaufen und wie weit sie die Flüssigkeit im Körper transportieren. Die Stelle unterhalb des Knies markiert Andrej Ring mit einem Stift auf der Haut.

Lymphgefäß wird mit Vene verbunden: Ein Bypass entsteht

Jetzt muss er ein Lymphgefäß auf eine Vene umleiten, sodass die Flüssigkeit direkt in das venöse Blut gelangen kann: über einen Bypass. Durch das Mikroskop schauend, arbeiten sich die beiden Ärzte langsam voran. Einstellungen werden per Fußpedal verändert. Erst finden sie ein Lymphgefäß, dann eine Vene.

Das erfordert eine ruhige Hand. Vor allem, als sie mit einer winzigen Nadel und einem Faden, dünner als ein Haar und mit bloßem Auge fast nicht zu erkennen, beides verbinden. Vier bis sechs Knoten machen sie. Kaum zu glauben, dass dafür überhaupt Platz ist.

Zum Schluss wird noch einmal der fluoreszierende Farbstoff eingesetzt: Wir sehen, wie sich die Flüssigkeit langsam ihren neuen Weg bahnt vom Lymphgefäß bis in die Vene. Dann muss der Chirurg nur noch die rund zwei Zentimeter große Wunde schließen. Fertig. OP beendet.

Eine Woche später ist Uwe Krampe wieder zu Hause. „Das Bein wird nicht so schnell dick“, erzählt er am Telefon. Noch bekommt er Lymphdrainage, in einigen Tagen werden die Fäden gezogen. Uwe Krampe sagt: „Ich bin sehr zufrieden.“

Bald kann schon während der Krebs-Operation eingegriffen werden

Seine Operation ist ein Beispiel, was Supermikro-Chirurgie kann. In Verbindung mit Krebsoperationen verpflanzt Andrej Ring auch Lymphknoten. Muss ein Operateur während einer Brustkrebs-OP Lymphknoten in der Achsel entfernen und Lymphbahnen durchtrennen, kann Ring mithilfe des Mikroskop-Systems sehen, wo die Lymphbahnen im Arm gestört sind.

Noch behebt Chefarzt Ring diese Störungen bei einer weiteren Operation. In Zukunft, sagt er, könnte dies gleichzeitig mit der eigentlichen Krebs-OP geschehen. Andrej Ring sagt: „Nächstes Jahr werden wir das machen.“

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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