Wir vermissen unseren Briefkasten, den Tante-Emma-Laden, die Sparkassenfiliale, die Eckkneipe und unser ach so beschauliches Leben in dieser bösen modernen Technikwelt. Eine Betrachtung.

Dortmund, Castrop-Rauxel

, 14.01.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Briefkasten ist weg. Nur wenige Nachrichten haben mich in den vergangenen Wochen so fassungslos zurück gelassen, so betroffen, nachdenklich, ja kummervoll verzweifelt vor der Wirklichkeit schaudern lassen. Der Briefkasten am Marktplatz ist weg. Allein das Schreiben dieser wenigen Worte bricht mir das Herz. Ist der Briefkasten um die Ecke doch eine der letzten Konstanten in unserem komplizierten Alltag.

Zuerst nahm man uns den Tante-Emma-Laden

Zuerst nahm man uns den Tante-Emma-Laden, diesen Hort wohliger Verknappung, in dem man ob seiner bescheidenden Auswahl nie das bekam, wonach es einem gerade gelüstete, der aber die wirklich wichtigen Produkte, die die Gesellschaft zusammen halten, etwa Gardinenstärke, Natronpulver und Dicke Bohnen, immer vorrätig hatte.

Danach verschwand der Milchladen an der Ecke, wo wir mit kurzen Hosen und großem Sehnen samt Kanne vorstellig wurden und die weiße Labsal erstanden, um sie anschließend nach Hause zu schleppen. Ein wahrlich unverzichtbarer Bestandteil meiner Kindheit. Ein Leben ohne war kaum denkbar.

Mein Schaffner war einfach nicht mehr da

Das moderne Leben machte aber noch immer nicht Halt vor meiner heilen Welt. Was folgte, war der Schaffner samt seines Kleingeldautomaten in Bus und Bahn. Noch als Sechsjähriger hatte ich Dienstmütze samt Zubehör zu Weihnachten bekommen, mich schon auf eine berufliche Zukunft im Beförderungswesen vorbereitet. Der Mann/die Frau waren einfach am hinteren Einstieg eine Konstante in meinem Leben. Bis sie hinweggefegt wurden aus der Realität durch den vermehrten Einsatz von Fahrscheinautomaten und automatischen (!) Türschließ- und -sicherungseinrichtungen.

Kolumne

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Der Fluch der Automation erreichte mein Alltagsleben endgültig, als meine Eltern mich eines Tages zum Zigarettenholen nicht mehr an den Schalter der nahen Eckkneipe schickten (dort hatte man noch menschlichen Kontakt beim Kauf der Ernte 23 durch das minderminderjährige Kind), sondern mir Kleingeld in die Hand drückten für den Gang zum Zigarettenautomaten am Ende der Straße, der jetzt rund um die Uhr die Sucht der Nikotinaten befriedigte. Und das waren damals gefühlt alle Erwachsenen, denn die Zigarette war seinerzeit nicht nur nicht als Lebensverkürzer bekannt, sondern festes Beiwerk jeder Büro-, Café- und TV-Diskussionsrunde. Verschwunden.

Heißmangel und Mini-Supermarkt folgten

Besser wurde das Leben auch nicht, als die ersten Heißmangeln verschwanden. Dabei kann ich mir bis heute kein erfülltes Leben ohne knallhart gestärkte Bettlaken und Tischwäsche vorstellen. Was soll ich sagen: Es blieb nicht bei diesen Fährnissen des modernen Lebens. Der kleine Selbstbedienungs-Supermarkt die Straße runter, wo der Besitzer an der Kasse saß, die Ehefrau meiner Mutter den bestellten Schulterbraten überantwortete und das Töchterlein des Chefs die schmale Obstauswahl nachräumte, teilte wenige Jahre später das Schicksal des Tante-Emma-Ladens. 300 Quadratmeter Ladenfläche? Ein Witz für die Ewig-Fortschrittsgläubigen. 500, 800, heute müssen es 1200 Quadratmeter sein, um genug Auswahl bieten zu können.

Dem Eckladen folgte die kleine Kneipe in der Straße, jene von Peter Alexander 1976 so trefflich besungene Institution, in der das Leben noch so lebenswert war. Schließlich fragte dort keiner, was du hast oder bist. Glaubt man dem großen Peter und den verklärten Erinnerungen. Es fragte niemand, so lange man seine Zeche zahlen konnte, wie ich von der besten Freundin meiner Mutter weiß, die eine solche Kneipe einst betrieb.

Schlag auf Schlag ging es weiter: Kundendienstzentrum des Energieversorgers? Weg. Telefonzelle? Geschichte. Sparkassen-Filiale? Sie wissen schon. Buchhandlung, Schuhladen, Pizzeria? Amazon, Zalando, Lieferheld. Und jetzt noch der Briefkasten am Markt...

Die Welt ist schon verdammt böse zu uns, oder?

Die Welt ist schon verdammt böse zu uns, oder? Oder sind wir es nicht vielmehr, die böse mit uns und der Welt sind? Sie ahnen es, oder? Wie oft bestellen Sie im Internet, wie viele Postkarten schreiben Sie denn so im Jahresschnitt, an wie viele Besuche auf ein Bierchen in der nächstgelegenen Kneipe können Sie sich noch erinnern? Eben. Aber großer Aufschrei, weil die Post eventuell den Briefkasten nicht mehr aufstellt (am Bennertor, 250 Meter entfernt, steht übrigens der nächste Briefkasten).

Großes Getöse, weil Sparkasse, Volksbank oder wer auch immer auf die immer seltener werdenden Besuche der Kunden in ihren Bedienungsfilialen reagieren und ihr Geschäftsstellen-Netz ausdünnen. Schnappatmung, wenn man in der Altstadt das gewünschte Produkt nicht erhält. Hallo, Leute, aufwachen, wer ist wohl der Verursacher? Meinen Sie wirklich, irgendein Unternehmen würde einen boomenden Marktsektor eindampfen? Nur so, um den Kunden zu ärgern? „Guck mal, Chef, das Geschäft mit den Briefen in Castrop-Rauxel, das knallt gerade so richtig. Vor allen Dingen am Markt. Da wär es doch ne geile Idee, das jetzt kaputt zu machen. Was meinst Du?“ „Suuper Idee, Marco, aus dir wird ein echter Kaufmann. Das ziehen wir jetzt durch. So funktioniert Marktwirtschaft.“

Die Moral von der Geschicht

Und die Moral von der Geschichte? Wenn der Briefkasten am Markt künftig vor Geschäftspost, Liebesbriefen, Ansichtskarten, Glückwunsch-Botschaften für Ihre Lieben, DIN-A4-Umschlägen mit Kinderzeichnungen für die Oma, einem Kuvert mit handschriftlichen Grüßen für den alten Schulfreund nur so überquillt, dann wird die Deutsche Post den Teufel tun, die Existenz gerade dieses Kastens jemals wieder in Zweifel zu ziehen.

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