„Ich wäre fast gestorben, da entschied ich, mein Land zu verlassen“

mlzFlucht nach Deutschland

Najim ist 2015 als Geflüchteter nach Castrop-Rauxel gekommen. Fünf Jahre später spricht er darüber, wie schwierig es ist, Kontakt zu knüpfen, über Schlägertrupps und Todesangst.

Castrop-Rauxel

, 21.11.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Einmal wäre ich fast gestorben, sagt Najim ruhig. „Nach diesem Moment habe ich entschieden, mein Land zu verlassen.“ Er ist Anfang 20, als er durch die Straßen Aleppos geht und ihm plötzlich eine Explosion Schutt und Dreck entgegenschleudert. „Ich bin wie verrückt gerannt“, erinnert sich Najim. Fünf Minuten versteckt er sich in einem Haus, dann rennt er weiter nach Hause. Ein paar Meter neben ihm ist eine Mörser-Granate eingeschlagen, das realisiert er erst dort.

Zwischen Leben und Tod liegen manchmal nur ein paar Schritte. Viele Menschen in Syrien kennen, was Najim gefühlt hat. Todesangst. Mehr als vier Jahre lang ist die Metropole Aleppo hart umkämpft, bis Ende 2016 Regierungstruppen die Kontrolle zurückgewinnen. Der Kampf um Aleppo macht die Stadt zur Ruine und zum Massengrab tausender Syrer, schreibt der Tagesspiegel aus Berlin.

Raus aus dieser kaputten Stadt

Seine Kinder müssen raus aus dieser kaputten Stadt, raus aus diesem kaputten Land, entscheidet der Vater von Najim. Er verkauft sein Auto, um das Geld für die Flucht von Najim und seinem Bruder zusammenzubekommen. Im September 2015 kommen die beiden Söhne in Deutschland an. Die Eltern bleiben in Aleppo. Dort leben sie auch heute noch. Najim will deshalb auch nicht, dass sein richtiger Name in diesem Artikel zu lesen ist.* Er will nicht, dass seine Eltern Probleme bekommen.

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Nicht noch mehr, als ohnehin schon. „Wir sprechen miteinander, wenn meine Eltern Elektrizität und Internet haben. Im Viertel gibt es einen Generator, der sechs Stunden am Tag an ist. Sie versuchen, uns mindestens einmal in der Woche zu kontaktieren.“

Er vermisse sie, sagt er. „Es ist schwierig für mich, dass sie noch da sind.“ Die Versorgungslage ist schlecht, das Coronavirus macht sie noch schlechter, oder wie Najim sagt: „Die Situation ist einfach scheiße dort, kein Geld, keine Freiheit, jetzt noch die Krankheit.“

Seine Eltern dürfen am Telefon nicht über Politik sprechen. Sie müssen Sorge haben, dass ihr Telefon abgehört wird. Najim kann in Deutschland sagen, was er denkt. „Assad ist ein krimineller Diktator“, sagt er. „Vielleicht hat er sich selbst nicht die Hände schmutzig gemacht, aber er hat die Befehle gegeben.“

FÜNF JAHRE ALS GEFLÜCHTETER MENSCH IN CASTROP-RAUXEL

Geflüchtet sind Menschen schon immer. Aus Deutschland heraus und nach Deutschland herein. Im Zuge des Syrienkrieges suchten 2015 viele Menschen in der Bundesrepublik Schutz. Von Strömen, von Wellen, von Flut war die Rede. Manchmal schien es in dieser Zeit, als sei vergessen worden, dass dort keine Naturgewalt über die Gesellschaft hereinbricht, sondern Menschen kamen, die Sicherheit nach einer langen Flucht suchten. Deutschland zeigte sich hilfsbereit. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Aber wie ist es den Menschen ergangen, die nach Deutschland geflüchtet sind? Wie haben sie die fünf Jahre seitdem erlebt? Wir haben fünf Geflüchtete getroffen, die seit fünf Jahren in Castrop-Rauxel leben. Sie haben uns von ihrem Leben in Deutschland und der Europastadt erzählt.

Schlägertrupps mischen sich unter die Demonstranten

Einmal sei sein Vater verhaftet worden, weil er die Regierung kritisiert habe, erzählt der junge Syrer. Die Familie bezahlt Geld, der Vater kommt wieder frei. „Mit Geld kannst du in Syrien alles machen. Du kannst dort ein König werden“, sagt Najim.

Syrien ist ein korruptes Land. Im Korruptionswahrnehmungsindex 2019 von Transparency International belegt Syrien den drittletzten Platz von 180 aufgeführten Ländern. Es ist nur ein Grund von vielen, der die Menschen 2011 auf die Straßen treibt. Nach der blutigen Niederschlagung von Protesten in Qamischli und in Daraa weiten sich diese auf andere Städte aus. Auch in Aleppo fordern die Menschen Freiheit und Demokratie.

Dem damals jugendlichen Najim gefällt, wofür die Menschen demonstrieren. Nach dem Freitagsgebet läuft er das erste Mal mit. Die Demonstrationen werden größer. Schlägertrupps, die nicht offiziell zur Regierung gehören, mischen sich unter die Demonstranten, danach sind immer mehr Geheimdienst-Mitarbeiter auf den Straßen zu sehen. Die Lage eskaliert im ganzen Land. Der Bürgerkrieg entflammt.

„Ich hatte vorher eine schöne Kindheit, bin zur Schule gegangen, habe Fußball gespielt“, sagt Najim auf einer Couch in Castrop-Rauxel sitzend. „Alles war sehr normal.“ Vom Moment an, als der Krieg ausbricht, ist es das nicht mehr. Plötzlich ist Angst normal. Er rennt nicht mehr einem Ball auf einem Fußballplatz hinterher, er rennt um sein Leben, weil eine Granate neben ihm einschlägt.

„Man stirbt besser beim Versuch, als auf das Sterben zu warten“

Najim macht sich Gedanken, was er für die Flucht mitnimmt. Er packt einen Schlafsack, ein T-Shirt, eine dünne Jacke und eine kurze Hose ein. Sollte das Boot, in das er mit seinem Bruder steigt, untergehen, ist es besser weniger Sachen dabei zu haben, denkt er sich. Sonst wird das Schwimmen schwieriger.

„Mir war klar, dass das Risiko besteht, nicht anzukommen“, sagt Najim. Nach Syrien zurückzukehren sei für ihn aber keine Option gewesen. „Man stirbt besser beim Versuch, als dazusitzen, nichts zu machen und auf das Sterben zu warten“, sagt er. „Viele Leute haben es über das Meer geschafft. Warum hätten wir es nicht schaffen sollen?“

Bei einem ersten Versuch seien er und sein Bruder von der türkischen Polizei verhaftet worden. Am nächsten Tag durften sie wieder gehen. Als er dann erneut im Boot saß und sie losfuhren, habe er keine Angst gehabt, sagt der Syrer. Vorne im Boot hätten kleine Kinder gesessen und geschrien, „aber ich hatte das Gefühl im Herzen, dass wir es schaffen würden.“

Sie schaffen es nach Griechenland und irgendwann nach Deutschland, wo er und sein Bruder auf ihre Verteilung warten. „Wir wussten nicht, wo es für uns hingeht. Das war wie Lotto spielen“, sagt Najim. Wohin er kommt, entscheidet auch über seine Zukunft. Najim will studieren, wird er irgendwo auf dem Land untergebracht, wird das schwierig für ihn.

Najim hat Glück in der Lotterie des Lebens

Mit Castrop-Rauxel fallen die Lottokugeln deshalb ganz gut für den jungen Syrer. Gerade hat sein zweites Semester in einem Ingenieurs-Studiengang begonnen. Bevor er nach Deutschland gekommen ist, habe er gedacht, dass hier alle Menschen Ingenieure und Maschinenbauer seien, sagt Najim und lacht. „Aber das stimmt natürlich nicht.“

Der Kontakt zu den anderen Studierenden sei nicht nur wegen Corona schwierig, sagt Najim. Weil viele jünger als er sind, findet er nur schwierig Anschluss, auch weil bei Erstsemester-Veranstaltungen Alkohol ein wesentlicher Bestandteil ist. Najim trinkt als Muslim nichts. „Ich hatte in Syrien viele Freunde, aber hier gar keine. Das finde ich komisch.“

Fragt man ihn, was er glaube, woran das liege, sagt er: „Vielleicht an mir. Wenn ich Arabisch spreche, ist es sehr einfach für mich, Scherze zu machen. Da bin ich sehr locker, aber wenn ich Deutsch spreche, habe ich immer dieses Stocken. Nicht alle Leute haben die Geduld zuzuhören.“ Najim ist das C1-Sprachniveau zertifiziert worden. Im europäischen Referenzrahmen für Sprachen ist es das Zweithöchste. Anders ausgedrückt, er spricht ziemlich gut Deutsch.

Das verdankt er auch einem Ehepaar, das in der Kirche Deutschunterricht für Geflüchtete gegeben hat. Sonst sei es schwierig gewesen, ins Gespräch zu kommen. „Die Menschen in Deutschland sind vorsichtig, sie sprechen nicht unbedingt mit Leuten, die sie nicht kennen.“ In Syrien sei es lockerer, dort könne man sofort mit jedem Scherze machen. „Das macht man hier nicht.“

Mittelfinger als Willkommensgruß

Es könne auch daran liegen, dass die Deutschen Ausländern nicht sofort vertrauen würden, glaubt er. „Als ich neu hier war, bin ich auf dem Bürgersteig gegangen. Ein Autofahrer hat mir einfach den Mittelfinger gezeigt“, erzählt Najim und lacht, obwohl es gar nicht witzig ist. „Ich wusste nicht warum. Es ist kein gutes Gefühl, wenn man sich nicht willkommen fühlt.“

Er wolle aber, dass man ihn nicht falsch verstehe. Er habe viele freundliche Menschen kennengelernt. „Schlechte Erfahrungen bleiben natürlich häufig im Gedächtnis, die guten überwiegen aber deutlich.“ Ob Deutschland und Castrop-Rauxel in diesen fünf Jahren nun aber schon zu seiner Heimat geworden seien, sei schwer zu sagen.

„Ich dachte erst, ich bleibe eine kurze Zeit hier, arbeite, studiere und gehe dann nach Syrien zurück, wenn die Lage besser ist. Aber ich weiß jetzt, ich werde in naher Zukunft nicht mehr in Syrien leben“, sagt Nijam. Vielleicht werde Deutschland seine Heimat, wenn er hier noch länger lebe und eine Familie habe. „Ich hoffe, dass es Syrien bald besser geht. Ich lese viel über die Situation dort und spreche mit Freunden. Ich kann nicht optimistisch sein, was die Zukunft von Syrien angeht.“

Er denke im Alltag aber nicht allzu viel an den Krieg. „In Deutschland hat man immer etwas zu tun: Lernen, arbeiten, einkaufen, Papieranträge ausfüllen“, sagt Najim. „Ich konzentriere mich lieber auf die Zukunft hier.“

*Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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