Flüchtlinge in Habinghorst: Bilanz nach drei Monaten

Leiter der Zeltstadt im Interview

Vor drei Monate kamen die ersten Flüchtlinge in die Castrop-Rauxeler Zeltstadt an der Habinghorster Straße. Im Interview spricht Einrichtungsleiter Horst Kreienkamp über die Entwicklungen in der Zeltstadt, Streit unter den Bewohnern und das erste Baby in der Notunterkunft.

CASTROP-RAUXEL

, 08.04.2016, 06:09 Uhr / Lesedauer: 2 min
In der Zeltstadt in Habinghorst leben viele Flüchtlinge unterschiedlicher Nationalitäten zusammen.

In der Zeltstadt in Habinghorst leben viele Flüchtlinge unterschiedlicher Nationalitäten zusammen.

Herr Kreienkamp, die Großwetterlage im Hinblick auf die Flüchtlinge hat sich derzeit ein wenig beruhigt. Schlägt sich das auch bei Ihnen nieder?  Wir haben zurzeit 203 Bewohner. Die bislang höchste Zahl war 252. Diese Entwicklung ist der Familienzusammenführung geschuldet. Das heißt, es wird über die zentralen Unterbringungseinheiten geforscht, ob schon Angehörige im Bundesgebiet sind. Ist das der Fall, werden wir informiert. Demjenigen, der als erster in Deutschland war, werden die Verwandten zugeordnet und von diesem Standort auch das Asylverfahren bearbeitet. Wir hatten in jüngster Zeit einen Transport nach Köln, einen nach Iserlohn, einen nach Bottrop und einen nach Hamm.

Gab es auch den umgekehrten Weg, dass Flüchtlinge zu Ihnen gekommen sind? Wir hatten die Situation, dass ein allein reisender 13-Jähriger in Altena angekommen war, der dort in der Obhut der Jugendhilfe war. Dessen Mutter war hier bei uns. Den haben wir von Altena hierhin geholt und zu seiner Mutter gebracht. Das ist allerdings bislang ein Einzelfall.

Kalkulieren Sie mit 200 bis 250 als konstante Zahl von Flüchtlingen oder gehen Sie von Abweichungen nach oben oder unten aus? Wir würden es gerne wissen, wissen es aber leider nicht. Wir müssen uns natürlich darauf einstellen. Wir haben eine Personenkalkulation und wir haben Zulieferer. Auch der Caterer muss kalkulieren. Das erfordert natürlich eine gewisse Flexibilität. Wir sind ungefähr 75 Betreuungspersonen ohne Sicherheits- und Reinigungskräfte. Und deshalb versuchen wir auch immer nachzufragen, wie die Entwicklung ist. Aber zurzeit kann es uns keiner sagen. Die Verfahren haben sich allerdings dahingehend geändert, dass unsere Einrichtung länger genutzt wird, also die Verweildauer höher ist als ursprünglich vorgesehen. Das ist erforderlich zur Entlastung der Kommunen.

Was heißt das konkret? Ursprünglich ist man von zwei, drei Wochen ausgegangen. Wir hatten Anfang Januar den ersten Schwung und die zweite Marge ist jetzt seit Februar hier. Nach außen gedrungen ist bislang nichts Negatives über die Zeltstadt. Entspricht das auch der Realität? Es gibt Einzelfälle, in denen es nicht stressfrei und ruhig abläuft. Das ist so. Wo viele junge Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, gibt es immer Spannungen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre nicht so. Wir versuchen, das hier intern zu regeln, im Zweifel ziehen wir aber auch die Polizei hinzu. Wenn sich jemand nicht richtig benimmt, wird er in eine andere Einrichtung verlegt. Wir versuchen, die Streithähne zu trennen und meistens erledigt sich das dann rasch von alleine.

Vertragen sich bestimmte Nationalitäten nicht? Eigenartigerweise nicht. Wenn, dann gibt es zumeist Streit innerhalb einer Nationalitätengruppe.

Es hat den Anschein, dass die auf 1000 Personen ausgelegte Anlage überdimensioniert ist. Oder ist es gut, dass man noch so viele Reserven vorhält? Das ist schwer zu sagen. Wir sind froh, dass wir die Räumlichkeiten haben und deshalb großzügig mit der Belegung der einzelnen Parzellen sein können. So können wir zum Beispiel die Nationalitäten trennen. Wir haben die vier Unterbringungseinheiten. Die erste nutzen wir für allein reisende Frauen mit Kindern. Das ist ein Phänomen der letzten Zeit. Wir haben Frauen, die sind mit drei Kindern hier. Wir haben jetzt auch den ersten Säugling hier. Ein Mädchen, das am im Rochus-Hospital geboren wurde. Wir haben eine große Halle, wo nur Familienverbände untergebracht sind und wir haben eine Halle mit Alleinreisenden. Und wir haben zusätzlich die Möglichkeit eines Isolierbereichs, falls der Verdacht auf eine ansteckende Krankheit besteht. Diesen Komfort hätten wir natürlich nicht bei einer Vollauslastung.

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Das heißt, die Überdimensionierung wirkt sich günstig aus? Auf jeden Fall. Man kann den Familien mehr Freiraum geben und man kann verschiedenes Konfliktpotenzial ausschalten.

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