Fünf Gründe, warum die Mülltonnen der Supermärkte trotz Spenden an die Tafel so voll sind

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Im Supermarkt ist alles frisch. Es gibt kleine Ecken mit reduzierter Ware. Was geschieht abends mit abgelaufenen Lebensmitteln? Warum geht nicht alles zur Tafel, sondern viel in den Müll?

Castrop-Rauxel

, 15.06.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer schon einmal kurz vor Ladenschluss im Supermarkt war, der weiß: Es ist immer noch alles da. Manchmal ist die Obst- und Gemüseabteilung etwas abgegrast, aber in der Regel bekommt man alles, was auf dem Einkaufszettel steht. Das ist praktisch. Was passiert aber mit den Lebensmitteln, die trotz einer Preisreduzierung keiner kaufen wollte? Was passiert, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist? Was kann wo noch gespendet werden und was landet in der Tonne? Wir haben uns umgehört.

Alle Supermarktketten betonen, dass es nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten kritisch ist, überschüssige Lebensmittel wegzuwerfen, sondern es stelle auch ein wirtschaftliches Verlustgeschäft dar. Und das im doppelten Sinne: Wer nicht verkauft, verdient nicht. Wer viel wegwirft, muss hohe Müllgebühren zahlen.

Logistik ist das A&O

Im ersten Schritt legen also alle Supermarktketten großen Wert auf die Logistik. Real-Pressesprecher Frank Grüneisen erklärt, was damit gemeint ist: „Ziel ist es, die Warenversorgung an die tatsächliche Nachfrage der Kunden anzupassen, hohe Lagerbestände zu vermeiden und so die Verderbsquote zu minimieren.“ Bei den voll automatischen Bestellabläufen werde die tatsächliche Kundennachfrage je Artikel berücksichtigt. Der Computer erkennt also, wenn sich der Milchvorrat dem Ende zuneigt und bestellt automatisch die Menge nach, die in den nächsten Tagen gebraucht wird.

Das hört sich zunächst logisch an, doch auf den Kunden ist nicht immer Verlass. Mal ändert sich der Geschmack, mal die Ernährungsgewohnheit, mal zieht er um oder geht plötzlich woanders einkaufen. Feiertage, Brückentage, Ferienzeit und die Wetterlage müssen kalkuliert werden. Rewe-Sprecher Thomas Bonrath: „Moderne Prognosesysteme - teilweise unter Berücksichtigung der Wettervorhersage - und automatisierte Bestellverfahren, unterstützt durch die kaufmännische Erfahrung der Mitarbeiter, ermöglichen eine bedarfsgerechte Versorgung der Märkte mit frischer Ware.“ Letztlich kommt es auch auf den Standort an: Ein Supermarkt im Vorort, wo viele Familien einkaufen, wird anders bestückt als einer in der City, wo viele in der Mittagspause auf ein schnelles Essen hoffen.

Verkauft werden darf auch nach Ablauf des MHD

Auch wenn alle ihr Bestes geben, wird nicht alles verkauft, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abläuft. Was viele nicht wissen: Auch nach Ablauf des MHD dürften die Artikel theoretisch noch verkauft werden, wenn sie entsprechend gekennzeichnet sind. Der Händler muss allerdings kontrollieren, ob die Ware noch einwandfrei ist. Es dürfen keine Gesundheitsgefahren bestehen. Das ist den Einzelhändlern zu riskant, also sortieren sie aus - und zwar möglichst schon vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Bonrath: „Die Mitarbeiter kontrollieren nach festgelegten Intervallen täglich die Mindesthaltbarkeitsdaten der Produkte. Produkte, die das Mindesthaltbarkeitsdatum in wenigen Tagen erreichen, werden preisreduziert angeboten.“ So handhaben es die meisten Einzelhändler - in speziellen Körben liegt reduzierte Ware, sowohl frische als auch abgepackte. Bei Aldi gibt es zudem die Aktion „Brot vom Vortag“, bei der die Produkte pauschal für 50 Cent angeboten werden.

Nicht einwandfreie Ware für Convenience-Produkte

Waren, die den optischen Erwartungen der Verbraucher weniger entsprechen, qualitativ aber einwandfrei sind, werden in vielen Edeka-Märkten für frisch zubereitete Convenience-Produkte, wie etwa Salate, verwendet. Dazu zählt der Apfel mit der Delle und die krumme Möhre.

Im nächsten Schritt bietet real als bisher einziger Einzelhändler in Castrop-Rauxel Teile der Ware, die auf der Kippe steht, bei „Too good to go“ an: Über eine Smartphone-App kann der Einzelhändler gefüllte Einkaufstüten für wenig Geld anbieten, die dann von Nutzern abgeholt werden.

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Außerdem spenden fast alle Supermärkte in Castrop-Rauxel an die Tafel. Wohl bemerkt fast. Nicht alle. In Castrop-Rauxel holt der Fahrer an jedem Werktag - bis auf samstags - Lebensmittel für Bedürftige ab. Sonja Kling, Lidl-Pressesprecherin: „Die Mengen der abgegebenen Waren können variieren. Besonders groß ist die Nachfrage nach lang haltbaren Lebensmitteln wie Mehl, Nudeln und Konserven.“ Es gehe darum, dass noch essbare Lebensmittel nicht abgeschrieben und weggeworfen werden.

Osterhasen kommen mit Verzug bei der Tafel an

Doch auch hier gibt es Regeln: Alkohol und Tabak wird nicht von der Tafel angenommen. Osterhasen und Weihnachtsmänner kommen mit ein bis zwei Wochen Verzug bei der Tafel an, mit Eierlikör gefüllte Schokolade oder Schnapspralinen hingegen nie.

Nina Diring, Sprecherin des Caritasverbandes, erklärt, dass auch abgelaufene Lebensmittel angenommen werden. Die Ware werde vom Team sortiert, nicht mehr genießbare Artikel weggeworfen. Diring: „Erdbeeren, die schon laufen können, geben wir nicht mehr weiter.“ Auch aufgerissene Packungen landen im Müll. Nicht nur die Supermärkte schmeißen Lebensmittel weg, sondern letztlich auch die Tafel.

Darum sind die Supermarkt-Tonnen voll

Warum sind die Müllcontainer der Supermärkte also trotz aller Bemühungen voll?

1. Die Tafel holt nicht an allen Tagen Ware ab und nimmt keine alkoholhaltigen Produkte an.

2. „Grundsätzlich werden nur Waren abgegeben, die uneingeschränkt genießbar sind“, erklärt Real-Sprecher Frank Grüneisen. Beschädigte und verdorbene Artikel sind nicht mehr verkehrsfähig und werden auch nicht mehr gespendet. Das ist bei Obst und Gemüse relativ oft der Fall.

3. Wenn Lebensmittel beim Transport beschädigt oder beim Hersteller nicht ordnungsgemäß verpackt wurden, landen sie in der Tonne.

4. Es kann vorkommen, dass ein Hersteller einen Rückruf für ein Produkt aussendet. Dann muss es vom Einzelhändler entsorgt werden.

5. Wenn kühlpflichtige Lebensmittel mit laufendem Mindesthaltbarkeitsdatum in der Tonne landen, kann es sein, dass Mitarbeiter diese Produkte am falschen Platz in den ungekühlten Regalen gefunden haben. Jemand nimmt zum Beispiel einen Frischkäse aus der Kühlung und entscheidet in der Nudelabteilung, dass er den doch nicht möchte - und stellt ihn zwischen Schmetterlingsnudeln und Lasagneblättern ab. Thomas Bonrath, Rewe-Sprecher: „Als Lebensmittelhändler stehen wir in der Verantwortung und Pflicht, Produkte, deren Kühlkette unterbrochen wurde, auszusortieren. Auch bei noch laufendem Mindesthaltbarkeitsdatum, da diese Herstellergarantie nur unter der Prämisse der Einhaltung der Kühlkette gegeben wird.“

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Wie viel sie wirklich wegschmeißen müssen, beziffert niemand. Bonrath sagt: „Im Durchschnitt werden 99 Prozent der Waren im Markt verkauft oder der Rest größtenteils an Sozialeinrichtungen kostenlos abgegeben.“ Die an die Tafeln abgegebenen Mengen werden bei Rewe nach Angaben aufgrund des organisatorischen Aufwandes und der dezentralen, genossenschaftlichen Unternehmensstruktur ebenso nicht erfasst wie die Mengen, die entsorgt werden müssen. Auch die anderen Supermarktketten machen keine Angaben dazu, wie viel Müll in der Tonne landet.

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