Munira Soufan floh vor fünf Jahren nach Deutschland. Seit 2015 lebt sie mit ihrer Familie in Castrop-Rauxel und erzählt, wie sie diese Zeit erlebt hat. © Lukas Wittland
Flucht nach Deutschland

Fünf Jahre in Castrop-Rauxel: „Es ist normal, wenn die Leute uns nicht mögen“

Munira Soufan floh 2015 mit ihrer Familie aus Syrien. Seit fünf Jahren lebt sie in Castrop-Rauxel und erzählt von der Gewalt in ihrer Heimat, der Ablehnung hier und ihrem großen Traum.

Munira Soufan ist keine Frau, die lange Zeit verschwendet. Sie fängt sofort an zu reden. „In meiner Seele habe ich viele Sachen versteckt. Es tut gut, darüber zu reden“, sagt sie. Munira Soufan sitzt auf einer Bank im Castroper Stadtgarten und blickt aufs Wasser. So wie sie Deutsch spricht, ahnt man nicht, dass sie erst seit fünf Jahren in dieser Stadt lebt.

Damals floh die 37-Jährige mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland und kam in der Europastadt unter. Ihr gefalle es gut hier, sagt Munira Soufan. Als das Gespräch im Stadtgarten stattfindet, ist es noch warm. Kleine Spatzen zwitschern und Gänse quaken. Munira Soufan trägt ein graues Kopftuch, aus dem sie freundlich heraus lächelt. Über ihrer Schulter hängt eine modische Handtasche.

Sie erzählt, dass sie vor ein paar Wochen zum Vorarbeiten für einen Hauswirtschaftsdienst eingeladen worden war. Sie sollte Menschen Essen bringen, die sich selbst nicht mehr gut versorgen können. Ein Job, für den man täglich Auto fahren muss.

Dass sie abgelehnt wird, liegt auch an ihrem Kopftuch, glaubt sie

„Eigentlich war alles gut, aber das Fahren ist noch nicht so leicht für mich“, sagt sie. Die 37-Jährige hat erst in Deutschland ihren Führerschein gemacht. Sie bekommt den Job nicht. „Jetzt suche ich eine andere Stelle“, sagt sie. Es klingt nicht resigniert. Eher so, als müsste man einfach nur oft genug an Türen rütteln, irgendeine wird sich schon öffnen.

Es ist nicht die erste Absage, die sie verkraften muss. In Syrien hat die Mutter 18 Jahre lang als Friseurin gearbeitet. Hier will sie niemand einstellen. Am Telefon seien alle zunächst immer sehr freundlich gewesen und hätten gesagt, dass sie gerne vorbeikommen könne, erzählt sie. „Als ich dann da war, hieß es immer, wir brauchen niemanden, entschuldigen Sie.“ So läuft es bei jedem Friseur-Salon, bei dem sie es probiert. Sie glaubt, es liegt am Kopftuch.

Munira Soufan bei einem ersten Gespräch im Büro der Caritas am Lampertusplatz.
Munira Soufan bei einem ersten Gespräch im Büro der Caritas am Lambertusplatz. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

In ihrer Zeit in Deutschland hat sie häufig gemerkt, wie die Leute sie wegen ihres Hidschāb kritisch beäugen. „Manchmal, wenn ich Danke sage, machen die Leute so.“ Sie verdreht die Augen und macht eine abfällige Geste mit der Hand, als würde sie eine lästige Fliege verscheuchen und sagt dann: „Es ist ja nicht unser Land. Ich finde, es ist normal, wenn die Leute uns nicht mögen.“

Dass man sie nicht mag, sage ihr niemand direkt. Es sei eher ein Gefühl. „Die Menschen in Deutschland mögen andere Menschen nicht einfach so. Ich verstehe das“, sagt sie, als verstünde sie es wirklich. „Aber mir ist das egal, ich versuche weiter mich immer mit allen Leuten gut zu verstehen und den Leuten zu zeigen, dass wir gut sind.“ Sie macht eine längere Pause.

Die Maschinengewehre rattern jeden Tag in den Bergen

„Die Leute in Syrien sind sehr hilfsbereit, da helfen sich die Nachbarn untereinander, aber in Deutschland braucht man keine Hilfe. Hier wird schon so viel geholfen, von der Caritas, von der Diakonie.“ Wenn in Syrien etwas passiert, werde dort nicht direkt ein Krankenwagen gerufen. „Wenn das Kind krank ist und man kein Auto hat, dann fragt man den Nachbarn, ob er fahren kann. Das ist alles ganz anders hier.“

Munira Soufan hat mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt Damaskus gelebt. Ihr ältester Sohn ging gerade ein paar Monate zur Schule, dann kam der Krieg und ihr Sohn ging nicht mehr hin. Zu dieser Zeit wurde auch Munira Soufans erste Tochter geboren. In den umliegenden Bergen ratterten die Maschinengewehre der Rebellen und der Regierungstruppen. Jeden Tag. Frieden kennt ihre Tochter erst, seitdem sie in Deutschland ist. An Silvester fürchtet sie sich vor den Raketen und Böllern.

Im Oktober 2013 explodierte in Suq Wadi Barada, einem Nachbardorf, eine Autobombe, als die Menschen nach dem Freitagsgebet aus der Moschee strömten. 40 Menschen wurden getötet, darunter drei Kinder. Dutzende andere werden verletzt. Alle zwei, drei Monate flüchteten Munira Soufan und ihre Familie vor dem Krieg in ein anderes Dorf. Dann nach Aleppo. Doch die Terrororganisation IS bedrohte die Stadt. Nach zwei Monaten zog die Familie weiter in Richtung der türkischen Grenze.

„Die sind grausam, wir müssen hier weg“

Doch auch dort war der IS. Als sie auf einem Flohmarkt etwas für ihre Kinder kaufen wollte, schlug ein Islamist auf sie ein, weil sie sich nicht komplett verschleiert hatte. Ihre Kinder standen daneben. „Die sind grausam, wir müssen hier weg“, sagte sie zu ihrem Mann. Am nächsten Tag floh die Familie in die Berge und von da aus weiter in die Türkei.

„Wenn es keinen Krieg in unserem Land gäbe, wären wir nicht nach Deutschland gekommen. Wir wären lieber in unserem Land, mit unserer Familie geblieben“, sagt die 37-Jährige. „Ich kannte viele Leute dort. Mein Bruder, meine Nachbarn …“, sie macht eine Pause. „Manche Leute denken, wir sind gekommen, weil wir dort kein Geld oder kein Haus haben. Wir hatten alles. Dann kam der Krieg.“

Als Friseurin habe sie in Syrien viel Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Als sie vor fünf Jahren nach Deutschland kommt, fühlt sie sich zunächst einsam. „Manchmal habe ich auf der Straße angefangen zu weinen“, sagt sie. Jetzt kenne sie hier viele Menschen und fühle sich wohl.

Ein großer Wunsch

Und als hätte jemand einen Beweis dafür gefordert, läuft in diesem Moment eine Frau vorbei, mit der sie ihre Ausbildung zur Hauswirtschaftskraft gemacht hat. „Ich war mir von hinten jetzt nicht ganz sicher, aber ich sach, die kennste doch“, sagt die Kollegin in feinstem Ruhrpott-Deutsch und lacht. Munira Soufan lächelt und sagt: „Das ist meine Freundin.“

Beide Frauen unterhalten sich kurz. Die Freundin erzählt, sie habe jetzt eine Stelle gefunden. Munira Soufan entgegnet, sie hoffe auch bald Arbeit zu finden. „Ich hoffe, das klappt alles. Alles Gute dir“, sagt die Freundin der Syrerin. Als die Frau nicht mehr zu sehen ist, sagt Munira Soufan: „Mein größter Wunsch wäre es, einen Friseur-Salon für Frauen mit Kopftuch zu eröffnen.“

Eigentlich sei ihr aber egal, was sie mache. Die Hauptsache sei, sie finde Arbeit. Was sie ansonsten für Wünsche habe? „Ganz normale“, beantwortet sie die Frage. „Dass es den Kindern gut geht, dass sie in der Schule viel lernen und dass ich ihnen bei ihren Aufgaben helfen kann.“

„Meine Seele tut dann wieder weh“

Sie mache glücklich, wenn andere glücklich sind. „Wenn die Menschen wieder gesund sind und wenn unser Land wieder aufgebaut ist.“ Wenn sie jemanden aus Syrien treffe, würde sie schon über die Situation im Land sprechen, ansonsten versuche sie es auszublenden. „Wir können ja von hier aus nichts machen“, sagt Munira Soufan.

„Wenn mein Mann Nachrichten schaut oder sich etwas auf Facebook ansieht, höre ich das manchmal im Hintergrund.“ Sie sage ihm, dann er solle es ausmachen. „Ich kann das nicht hören. Ich denke dann wieder daran, wie es dort war. Meine Seele tut dann wieder weh.“

Auch wenn sie an ihre Familie in Syrien denke, an ihre Mutter, die sie seit sechs Jahren nicht gesehen hat. Sie wünsche sich nichts mehr, als sie wieder in den Arm zu nehmen, sagt Munira Soufan: „Sie fehlt mir.“

FÜNF JAHRE ALS GEFLÜCHTETER MENSCH IN CASTROP-RAUXEL

Geflüchtet sind Menschen schon immer. Aus Deutschland heraus und nach Deutschland herein. Im Zuge des Syrienkrieges suchten 2015 viele Menschen in der Bundesrepublik Schutz. Von Strömen, von Wellen, von Flut war die Rede.

Manchmal schien es in dieser Zeit, als sei vergessen worden, dass dort keine Naturgewalt über die Gesellschaft hereinbricht, sondern Menschen kamen, die Sicherheit nach einer langen Flucht suchten. Deutschland zeigte sich hilfsbereit. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“

Aber wie ist es den Menschen ergangen, die nach Deutschland geflüchtet sind? Wie haben sie die fünf Jahre seitdem erlebt? Wir haben fünf Geflüchtete getroffen, die seit fünf Jahren in Castrop-Rauxel leben. Sie haben uns von ihrem Leben in Deutschland und der Europastadt erzählt.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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