„Für mich ist das Jahr tot“ – Hotels und Gastronomien warten weiter

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Die Maßnahmen gegen das Coronavirus wurden verlängert. Gastronomen und Hoteliers in Castrop-Rauxel warten weiter darauf, öffnen zu dürfen und fragen sich, wie lange sie das noch durchhalten.

Castrop-Rauxel

, 17.04.2020, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die neuen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung bedeuten für einige Branchen eine Lockerung. Gastronomen profitieren von diesen Neuerungen allerdings nicht. Sie dürfen in ihren Restaurants, Gaststätten, Imbissen, Bars und Kneipen weiterhin keine Gäste empfangen. Auch die Betten in den Hotels bleiben leer. Sie alle hatten mit einem Auge auf den 20. April geschielt, aber eben nur geschielt.

„Ich dachte mir schon, dass das nicht klappt und ich glaube auch nicht an den neuen Termin Anfang Mai“, sagt Zeki Bayirli, Inhaber des Hotel Daun an der Bochumer Straße. In seinem Hotel kommen normalerweise vor allem Mitarbeiter von Firmen unter, die auf Dienstreise oder für Tagungen in Castrop-Rauxel sind. Da auch die abgesagt sind, fehlen ihm die Kunden.

170 Euro statt 17.000 Euro Einahmen

„Das Hotel ist tot. Unsere Gastronomie ist sowieso tot. Für mich ist das Jahr schon tot“, sagt Bayirli. Im April 2019 habe er in den ersten zehn Tagen 17.000 Euro Umsatz gehabt, sagt er. In diesem Jahr seien es im gleichen Zeitraum 170 Euro gewesen. Lange kann er das nicht mehr tragen: „Zwei, drei Monate kann ich noch überleben, danach weiß ich selbst nicht weiter. Anfang Juni müsste es wieder losgehen, damit ich wenigstens meine Kosten decken kann. Danach muss ich wahrscheinlich Insolvenz anmelden.“

Auch in der Hotel-Gastronomie bleiben die Herdplatten gerade kalt. Außerhausverkauf bietet er nicht an. „Für ein paar Gerichte, die ganze Küche anzuwerfen, das lohnt sich für mich nicht“, sagt der Hotelier.

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Der Liefer- und Abholdienst hält das Restaurant „Tante Amanda“ von Franz-Josef „Bubi“ Leuthold über Wasser, sagt er. Das und ein Überbrückungskredit. Er glaubt ebenfalls nicht an das neue Datum am 4. Mai. „Wir sind froh, wenn es an Pfingsten weitergeht.“

Franz-Josef „Bubi“ Leuthold von Tante Amanda sagt: „Wir sind froh, wenn es an Pfingsten weitergeht.“

Franz-Josef „Bubi“ Leuthold von Tante Amanda sagt: „Wir sind froh, wenn es an Pfingsten weitergeht.“ © Volker Engel

„Politiker können auch nur von Woche zu Woche gucken“

Dass er mit der Ungewissheit leben muss, wirft er der Politik aber nicht vor: „Die Politiker können auch nur von Woche zu Woche gucken.“ Ganz verstehen könne er die Regelungen aber trotzdem nicht. „Wir haben in unserem Restaurant ein riesiges Platzangebot mit unserem Biergarten. Da könnten wir es schon einrichten, dass genug Abstand gehalten wird.“

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Auch Nadja Wischermann, Junior-Chefin der Kulisse, findet gerade bei dem guten Wetter könne man die Außengastronomie unter gewissen Auflagen öffnen. Der Außerhausverkauf von Speisen sichert der Kulisse gerade wenigstens einen Teil der Einnahmen, sagt Wischermann. „Den Großteil macht aber der Verkauf von Getränken aus. Der fällt komplett weg.“ Sie rechne gerade aus, wie lange es noch möglich ist, unter diesen Umständen weiterzumachen.

Die Ungewissheit erschwert die Planung der Gastronomen

„Wir versuchen die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter zu sichern. Bei unseren Festangestellten klappt das, aber unsere Aushilfen können wir nicht bezahlen“, sagt die Gastronomin. Dass man nicht wisse, wie es weitergehe, erschwere alles. Sie würde sich Maßgaben wünschen, könne aber verstehen, „dass man gerade peu à peu vorgeht“, sagt sie. „Ich finde, die Politik macht gerade eigentlich eine gute Arbeit. Auch von den Politikern in unserer Stadt fühle ich mich gut informiert.“

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Der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) geht da ganz anders mit der Politik ins Gericht. „Die Pressekonferenz der Bundeskanzlerin war eine herbe Enttäuschung. Dass eine Branche mit 2,4 Millionen Beschäftigten in Deutschland mit keinem Wort erwähnt wird, ist ein Schlag ins Gesicht“, sagt Lars Martin, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Dehoga Westfalen.

Dehoga fordert Soforthilfen

Zeki Bayirli vom Hotel Daun findet noch deutlichere Worte: „Man muss es so sagen: Mittelständische Unternehmen haben die Arschkarte.“ Aber auch er ist nicht sauer auf die Politik. Das wichtigste für ihn wäre, dass alles schnell wieder anlaufe und die Politik den Banken Druck mache, dass sie schneller Kredite vergeben.

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Lars Martin von der Dehoga findet, dass die Hotel- und Gastronomie-Branche auf jeden Fall weitere finanzielle Hilfen braucht, sagt aber: „Das dürfen keine Kredite, sondern müssen Soforthilfen sein.“ Das bisher bereitgestellte Geld sei aufgebraucht. „Der Kostenapparat eines Pachtbetriebs ist immens“, so Martin.

Wie hoch die laufenden Kosten eines Restaurant-Betriebs sind, weiß Marlen Kempf als Inhaberin des Parkbad Süd. Sie habe für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet, sei aber guter Dinge, dass sie alle weiter beschäftigen können wird, sagt sie und ergänzt: „Ich denke, dass wir das trotz des späteren Datums irgendwie schaffen werden. Es ist ja Land in Sicht. Ich bin eigentlich ganz optimistisch.“

„Gesundheit steht über allem“

Die letzte Verlängerung hat allerdings gezeigt, dass das Land schnell wieder außer Sichtweite geraten kann. Falsch findet sie die Entscheidung aber nicht: „Man sollte lieber noch die Füße stillhalten. Gesundheit steht über allem. Finanzielle Aspekte sollten nicht im Vordergrund stehen.“ Gleichzeitig hingen daran aber auch Existenzen, gibt Kempf zu bedenken. Sie wünscht sich deshalb einen konkreten Fahrplan der Politik, um die Gastronomien schrittweise wieder an die Öffnung heranzuführen.

Kempf bleibt positiv: „Ich habe festgestellt, dass Leute, die sonst nicht unbedingt bei uns ins Restaurant kommen würden, jetzt auch Essen bestellen“, sagt sie und blickt in die Zukunft: „Wahrscheinlich behalten wir den Lieferservice in irgendeiner Form bei.“

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