SPD-Vizechefin und Mutter sagt: „Für mich war immer klar, dass ich arbeiten gehe“

mlzGülsah Malkus-Peter

Gülsah Malkus-Peter erzählt im Interview, welche Themen als stellvertretende SPD-Stadtverbandsvorsitzende, als Zweifach-Mami und als Leiterin einer Jugendhilfeeinrichtung auf sie zukommen.

Castrop-Rauxel

, 20.01.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie haben Urlaub, aber das Tablet ist immer in greifbarer Nähe.

Ich gucke schon zwischendurch in meine beruflichen E-Mails und beantworte sie auch, wenn ich Urlaub habe. Wenn ich im März in den Mutterschutz gehe, möchte ich das eigentlich nicht machen. Aber mal sehen, wie das klappt.

Dann haben Sie erstmal Zeit für die Familie...

Ja, aber nach dem Mutterschutz im November möchte ich gerne wieder arbeiten. Wie viele Stunden, weiß ich noch nicht, das wird sich zeigen. Ich bin ein Kind der 80er-Jahre. Heute verdienen Frauen häufig ihr eigenes Geld, haben auch technische Berufe. Das war in den 80er-Jahren noch undenkbar. Für mich war immer klar, dass ich arbeiten gehe. Ich will meinen Mann nicht nach Geld fragen müssen, wenn ich zum Beispiel neue Schuhe kaufen möchte und langfristig muss ich auch an meine Rente denken.

Ich kann Frauen verstehen, die sich „nur“ um Kind und Kegel kümmern, aber das wäre nichts für mich.

Sich nur auf Haushalt und Erziehung zu konzentrieren, wäre also eher nichts für Sie?

Ich kann Frauen verstehen, die sich „nur“ um Kind und Kegel kümmern, aber das wäre nichts für mich. Ich könnte keine Hausfrau sein. Ich hatte jetzt drei Wochen Urlaub und freue mich wieder auf die Arbeit. Der Alltag tut uns allen gut.

Ihr Pensum ist ja aber trotzdem hoch: Ein Vollzeit-Job, das Engagement in der Partei, Kindererziehung, usw.

Ja, aber mich stresst das nicht. Aber Gaby Schulte hat mich auch schon gefragt, wann ich eigentlich schlafe. Das ist alles eine Frage der Organisation.

Und wie kriegen Sie diese Organisation hin?

Ich habe meine Familie als Background und mein Arbeitstag ist zum Glück flexibel gestaltbar. Ich versuche schon, meine Tochter von der Kita abzuholen, aber wenn es auf der Arbeit brennt, brennt es. Ab und an gehe ich zu Fraktionssitzungen. Da muss ich in meiner Position nicht hin, aber mich interessiert häufig, was da besprochen wird. Es gibt aber auch viele Abendveranstaltungen, da muss ich mich dann einfach gut mit meinem Mann absprechen. Und es gibt Tage, da geht die Familie einfach vor. Ich weiß aber, dass es ohne meine Eltern, die mit im Haus wohnen, nicht klappen würde.

Jetzt zu Ihrer Funktion als stellvertretende Stadtverbandsvorsitzende. Wie geht es in der SPD weiter?

Wir machen im ersten Quartal 2019 mit dem Vorstand die Jahresplanung. Die Vorsitzenden treffen sich schon früher zusammen und besprechen eine Tagesordnung. Jetzt bereiten wir uns zunächst auf den Europawahlkampf vor.

Es war meinem Mann und mir immer wichtig, dass unsere Tochter zweisprachig aufwächst.

Stichwort Europa: Gibt es die EU-Verdrossenheit beim Bürger, von der jetzt alle reden?

Wir müssen schon überlegen, wie wir den Wählern das Thema EU und die anstehenden Wahlen näherbringen. Es ist surreal und nicht greifbar für sie. Wir müssen verdeutlichen, dass es immer mehr einen Rechtsruck gibt in Europa und wir diesen mit unserer Stimme bei der Wahl aufhalten müssen. Doch Europa ist wichtig. Es gibt immer mehr europäische Gesetze, die auch in Deutschland umgesetzt werden müssen. Das müssen wir erklären.

Haben die Bürger die Schnauze voll von der EU?

Ich denke, vielen bildungsschwachen Menschen ist Europa egal. Die müssen um ihre Existenz kämpfen und wollen vor allem bessere Verhältnisse in ihrer eigenen Stadt. Und vielen Leuten ist nicht bewusst, was die Europäische Union bedeutet. Das muss mehr in den Fokus gerückt werden, auch in der Schule. Auf der anderen Seite glaube ich, dass der Mittelstand schon sauer ist, weil ihm immer in die Tasche gegriffen wird.

Was sind denn Ihre Themen innerhalb der Partei?

Mir liegt vor allem der Bereich Soziales am Herzen, Familie, Kinder und Jugend und der Arbeitsmarkt. Das passt auch zu meiner privaten Situation.

Und was ist mit Integration?

Das gehört ja immer auch zum Bereich Soziales. Aber mein Fokus ist das nicht mehr, auch wenn ich selbst bi-national bin. Und ich engagiere mich in der Kreis AG Migration und Vielfalt, bin dort aber nicht die Quoten-Türkin, denn ich bin Deutsche.

Gülsah Malkus-Peter ist 37 Jahre alt. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter (5). Im Mai kommt ihr zweites Kind zur Welt. Sie arbeitet als Einrichtungsleiterin im ambulanten Jugendhilfezentrum von Via Ruhr (Verein für integrative Arbeit) in Bochum - in Vollzeit. Bei der SPD ist sie stellvertretende Stadtverbandsvorsitzende.

Aber Integration ist ja trotzdem ein Thema, das Ihnen immer wieder begegnet. Auch beruflich.

Ja, und es ist schon viel passiert in dieser Richtung. Was wir aus der Vergangenheit gelernt haben: Wer spät die Sprache lernt, hat schlechtere Chancen. Aber wir haben viele Angebote dafür. Und ja, es gibt diese Flüchtlingswelle und wir müssen eine Antwort darauf finden, aber die dritte Generation ist gut integriert. Die Kinder gehen aufs Gymnasium, studieren, haben gute Jobs. Dennoch zeigen die Statistiken, dass Kinder mit ausländischem Namen es in der Schule schwieriger haben. Für viele ist es das Gefühl, als müssten sie mehr machen, sich mehr zeigen etc.

Welchen Wert hat denn Ihr türkischer Background bei Ihrer Tochter?

Es war meinem Mann und mir immer wichtig, dass unsere Tochter zweisprachig aufwächst. Sie geht jetzt so natürlich damit um, es spielt keine Rolle für sie. Kinder sind da einfacher, haben keine Vorurteile. Wir feiern aber bei uns zu Hause auch Weihnachten mit Tannenbaum und Ostern, also christliche Feiertage. Darauf hat schon meine Mutter viel Wert gelegt.

Also gab es auch in Ihrer Kindheit deutsche und türkische Traditionen?

Ja, ich schaffe ganz gut den Spagat zwischen den Kulturen. Türkisch habe ich nur zu Hause geredet. Wenn ich auf der Straße auf Türkisch angesprochen wurde, habe ich auf Deutsch geantwortet. Dass meine Zweisprachigkeit eine Schlüsselkompetenz ist, habe ich natürlich erst viel später verstanden.

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