Gefilmter Missbrauch von Mädchen (11) aus Habinghorst: Prozess steht auf der Kippe

mlzLandgericht Bochum

Die Erkrankung einer Schöffin sorgt im Prozess um den gefilmten Missbrauch eines elfjährigen Mädchens aus Castrop-Rauxel für Termin-Nöte. Dauert der Ausfall länger an, droht das Prozess-Aus.

Bochum/Datteln/Castrop-Rauxel

, 05.12.2019, 19:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Betäubt, erniedrigt und gefilmt: Der Prozess um das schreckliche Missbrauchs-Schicksal eines Mädchens aus Castrop-Rauxel und zahlreicher weiterer Opfer wird aktuell von sorgenvollen Nachrichten überschattet. Weil eine Schöffin derzeit offenbar so schwer erkrankt ist, dass ihr eine Teilnahme an der Verhandlung gegen den angeklagten Briefzusteller (55) aus Datteln unmöglich ist, mussten am Bochumer Landgericht seit vergangenen Freitag bereits drei planmäßige Sitzungstage aufgehoben werden. Aktuell steht als nächster Fortsetzungstermin der 18. Dezember auf dem Plan.

Spätestens Anfang Januar 2020 muss der Prozess fortgesetzt werden

Fakt ist: „Unendlich“ darf der seit dem 9. August laufende Strafprozess nicht unterbrochen werden. Üblicherweise darf zwischen zwei Fortsetzungstagen maximal ein Zeitraum von drei Wochen liegen. Nach insgesamt zehn Sitzungstagen darf eine Hauptverhandlung auch mal „bis zu einem Monat unterbrochen werden“, heißt es in § 229 Absatz 2 der Strafprozessordnung.

„Im Krankheitsfall einer Richterin oder eines Richters gibt das Gesetz darüber hinaus die Möglichkeit auf maximal sechs weitere Wochen Unterbrechung her“, erklärt Gerichtssprecher Volker Talarowski.

Juristisch sei hier von einer „Fristhemmung“ die Rede. Danach müsse entweder zwingend weiterverhandelt werden. Andernfalls werde die Verhandlung ausgesetzt und müsse mit einer neuen Besetzung - drei Berufs-, zwei Laienrichter (Schöffen) - von vorne beginnen. Für den Prozess um den gefilmten Missbrauch eines elfjährigen Mädchens aus Habinghorst bedeutet das: Spätestens Anfang Januar 2020 muss die Verhandlung fortgesetzt werden - oder das Verfahren „platzt“.

„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist“

Die Bochumer Staatsanwaltschaft wirft dem angeklagten Dattelner sexuellen Missbrauch in 62 Fällen vor. Im Falle einer Verurteilung geht es auch um Sicherungsverwahrung. Der 55-Jährige soll über Jahre hinweg Frauen und Kinder am Rande von Übernachtungsbesuchen durch in Getränke gemischte Betäubungsmittel wehrlos gemacht, sie dann missbraucht und gefilmt haben. Während der sexuellen Handlungen soll der 55-Jährige häufig auch mit Messern oder Nadeln hantiert und Verstümmelungen im Brust- und im Intimbereich angedeutet haben.

Auch ein Mädchen aus Castrop-Rauxel war in die Fänge des Dattelners geraten.

Die Eltern hatten letztlich sogar die Ermittlungen gegen den Angeklagten in Gang gesetzt. Die Elfjährige hatte kurz der Jahreswende 2018/2019 im Haushalt des Briefzustellers übernachtet. Tags darauf war das Mädchen diesmal aber völlig neben der Spur bei seinen Eltern in Habinghorst aufgetaucht.

Immer wieder habe die Elfjährige seltsam die Augen verdreht und gerufen: „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“

Beruhigungsmittel im Blut gefunden

Später habe sich das Mädchen erinnert, dass es tags zuvor vom Angeklagten einen Milchshake von McDonalds bekommen habe, der „ganz bitter geschmeckt“ habe. Tags darauf bekamen die Eltern schreckliche Gewissheit: Im Blut der Elfjährigen wurden massiv erhöhte Werte eines starken Beruhigungsmittels entdeckt.

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Der Briefzusteller ist nahezu voll geständig. Der Prozess findet mit Blick auf den Opferschutz fast ausnahmslos nicht-öffentlich statt.

Schon im September hatte es am Bochumer Landgericht Unruhe wegen eines Schöffen gegeben. Weil der Laienrichter eine parteiische Entgleisung über den Angeklagten fallen gelassen haben soll („Schon nach den ersten 30 Sekunden war mir klar, dass der lügt“), stand seine Ablösung per Befangenheitsantrag im Raum.

Am Ende hatte sich aber der Angeklagte ausdrücklich für ein Weiterverhandeln eingesetzt.

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