"Gelähmter" schnorrt Hilfeleistung und rennt davon

In Castrop-Rauxeler Krankenhaus

Ein Mann im Rollstuhl bittet eine Krankenschwester in einem Castrop-Rauxeler Krankenhaus um Hilfe beim Toilettengang und sagt, er sei gelähmt. Die Schwester hilft ihm. Später kann der Mann plötzlich laufen. Die Krankenschwester fühlt sich gedemütigt - und richtet per Offenen Brief einen Appell an den Mann.

CASTROP-RAUXEL

, 27.12.2016, 17:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hier gelangen Sie sofort zum Offenen Brief der Krankenschwester.

Anna Schmidt* ist Krankenschwester in Castrop-Rauxel. In welchem der beiden Krankenhäuser sie arbeitet, will sie an dieser Stelle nicht stehen haben. Sie wusste lange nicht, ob sie sich mit ihrer Geschichte überhaupt an die Öffentlichkeit wenden soll. „Aber was mir passiert ist, das war einfach zu dreist“, sagt sie. 

Was auf der Station passiert ist, schildert die Krankenschwester wie folgt: Der Rollstuhlfahrer, den Anna Schmidt auf Ende 30 schätzt und der sich offenbar eingenässt hatte, habe um Hilfe beim Toilettengang gebeten. Habe ihr gesagt, dass er noch nicht lange im Rollstuhl sitze und allein auf dem WC noch nicht zurechtkomme.

Mann behauptete, er sei querschnittsgelähmt

„Er gab sich als inkontinent aus“, sagt Anna Schmidt. „Er sagte, dass er querschnittsgelähmt sei und weder gehen noch stehen könne" – und dass ihm zu Hause eine Pflegekraft beim Wechseln der Inkontinenzhosen helfen würde.

„Als gewissenhafte Krankenschwester habe ich dir geholfen, deine durchnässten Hosen zu wechseln“, schreibt Anna Schmidt in ihrem Offenen Brief an den „Patienten“. Obwohl viel los gewesen sei. „Ich verspreche dir, das hätten alle meine anderen Kolleginnen und Kollegen genau so getan. Im Grunde eine nette Geste, und anscheinend vollkommen selbstverständlich.“

Schmidt: "Ich dachte, ich hätte eine Fata Morgana gesehen"

Der „Patient“ habe sich dann höflich bedankt und sei in seinem Rollstuhl – einem privaten Rollstuhl – davongerollt. Anna Schmidt war in Gedanken schon wieder ganz woanders, sagt sie, als sie den „Patienten“ plötzlich wiedersah. Nicht im Rollstuhl sitzend – sondern rennend.

„Ich war ein bisschen platt“, sagt Anna Schmidt. „Ich dachte, ich hätte eine Fata Morgana gesehen. Der angeblich querschnittsgelähmte Mann konnte plötzlich rennen. Er ist auf ein Fahrrad gestiegen und davongebraust.“

Der Fremde habe sie ausgenutzt, sagt Anna Schmidt. „Er hat mich gedemütigt und wütend gemacht. Meine Hilfsbereitschaft für seine Vorlieben zu missbrauchen war nicht korrekt.“

Vortäuschen einer Behinderung strafbar?

Und dann? Anna Schmidt hat die Polizei informiert, „aber man sagte mir, dass man nicht rauskommen könne. Dass dafür keine Kapazitäten da seien.“ Man habe ihr geraten, Anzeige zu erstatten – aber dazu konnte sich Anna Schmidt „irgendwie nicht durchringen“. Sie sagt, dass sie sich blöd vorkam. Und „widerlich“.

Ob das Vortäuschen einer Behinderung „lediglich moralisch verwerflich oder strafrechtlich relevant“ ist, konnte Polizeisprecher Michael Franz nicht sagen. „Das würde die Staatsanwaltschaft prüfen, wenn die Krankenschwester Anzeige erstatten würde.“

Anzeige erstattet hat Anna Schmidt nicht, aber sie hat den Vorfall an die Stationsleitung weitergegeben – und auch ans andere hiesige Krankenhaus. „Unter uns Kollegen haben wir lange darüber gesprochen“, sagt sie. „Alle sind baff.“

*Name von der Redaktion geändert

 

Im folgenden der Offene Brief der Krankenschwester im Wortlaut:

„Lieber ‚Patient‘,

als du vor einigen Wochen mit deinem Rollstuhl unsere Station befahren hast und nach einem behinderten gerechten WC gefragt hast, wusste ich nicht, dass ich mich 15 Minuten später von dir gedemütigt und misshandelt fühlen würde.

Du hast um Hilfe gebeten, da du noch nicht so lang im Rollstuhl sitzt und allein auf dem WC nicht zurechtkommst. Du seist querschnittsgelähmt, kannst weder gehen noch stehen. Das war deine Aussage. Als gewissenhafte Krankenschwester habe ich dir geholfen, deine durchnässten Hosen zu wechseln. Ich verspreche dir, das hätten alle meine anderen Kolleginnen und Kollegen genau so getan. Im Grunde eine nette Geste, und anscheinend vollkommen selbstverständlich.

Dass du direkt danach aus dem Krankenhaus gerannt bist, auf dein Fahrrad gesprungen und weg gefahren bist hat mich gedemütigt und wütend gemacht. Meine Hilfsbereitschaft für deine Vorlieben zu missbrauchen war nicht korrekt. Ganz zu schweigen davon, dass du dich an unserem Badezimmerschrank bedient hast.

Gerade jetzt zu Weihnachten werde ich nachdenklich. Anstatt unsere Arbeit zu schätzen, wird sie für selbstverständlich hin genommen.

Ich als Krankenschwester spreche allen anderen Pflegekräften, ob im Altenheim, Krankenhaus oder in der ambulanten Pflege meinen größten Respekt aus. Ihr seid großartig und schafft jeden Tag Außerordentliches. Ohne euch würde das ganze System nicht funktionieren.

Danke an alle Kollegen, die jeden Tag ihr Bestes geben. Einen guten Rutsch ins neue Jahr wünsche ich euch, und lasst euch nicht unter kriegen!“

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