Happy Birthday vom Pflege-Team und 100 rote Rosen zum 100. Geburtstag

mlzRunder Geburtstag

Ein 100. Geburtstag ist an sich etwas Besonderes. Wenn ein ganzes Pflegeteam mit Liedern und Rosen im Gepäck vorbeikommt, wird er noch spezieller. Und die Jubilarin? Freut sich aufs Stammlokal.

Castrop-Rauxel

, 06.06.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer an diesem Samstagvormittag durch die Castrop-Rauxeler Straße fährt, deren Name auf Wunsch der wichtigsten Person des Tages nicht genannt worden soll, der weiß entweder Bescheid oder er wundert sich: Denn während auf der Straße und den Bürgersteigen nichts los ist, drückt sich unvermittelt ein gutes Dutzend Menschen an einer Hauswand herum.

Unauffällig sind diese Menschen allerdings nicht. Wer hinschaut, sieht Luftballons und Blumen. Sie wollen auch gar nicht allzu heimlich auftreten, nur für den Moment muss es sein: Die Frauen und Männer wollen erst in wenigen Minuten gesehen werden. Denn ihr Besuch bei Josefa Schween soll eine Überraschung werden.

Und so stehen sie auch nicht vor Josefa Schweens Haus, sondern beim Nachbarn an der Hauswand. Dort können sie nicht gesehen werden, falls Josefa Schween aus dem Fenster schaut. Alle tragen Mund-Nase-Schutz, ein junger Mann schleppt 100 rote Rosen, andere halten ein Transparent.

Warten auf den großen Auftritt: Damit sie nicht gesehen werden, versammeln sich die Pflegekräfte an der Wand des Nachbarhauses.

Warten auf den großen Auftritt: Damit sie nicht gesehen werden, versammeln sich die Pflegekräfte an der Wand des Nachbarhauses. © Matthias Langrock

Das Signal zum Aufbruch kommt von einer Mitverschwörerin: Josefa Schweens Tochter Mechthild. Sie wohnt im Haus nebenan, geht jetzt zu ihrer Mutter und soll dafür sorgen, dass die Jubilarin ans Fenster kommt. Dann erst soll beginnen, wozu die jungen Menschen am Samstagmorgen gekommen sind: ein wahrer Gratulationsreigen.

Josefa Schween wird heute nämlich genau 100 Jahre alt. Und die Frauen und Männer arbeiten beim ambulanten Pflegedienst Miteinander-Füreinander, der Josefa Schween betreut. Heute sind sie vor allem zum Gratulieren gekommen, inklusive ihrer Chefin Ortrud Bartling.

Happy Birthday, Josefa Schween

Es ist genau 10.08 Uhr, als sich das Fenster der Hochparterre-Wohnung öffnet und Josefa Schween herausschaut, mit einem Krönchen auf dem Kopf. „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“, singen die Pflegekräfte. Applaus. „Einmal Happy Birthday“, ruft jemand und prompt wird auch das gesungen. „Zum Geburtstag viel Glück“ rundet das Ständchen ab.

Es wird applaudiert, gerufen. Die Luftballons werden aufgelassen. Der junge Mann mit den 100 roten Rosen geht ins Haus, übergibt den riesigen Blumenstrauß, die anderen Mitarbeiter folgen.

„Vor einem Jahr haben wir ihr gesagt: Wenn Sie 100 werden, kriegen Sie von uns 100 rote Rosen“, berichtet André Schulz, Ansprechpartner vor Ort. Und beschreibt eine geistig vollkommen fitte Dame, die jeden Morgen ihre Zeitung liest und jeden Abend Quiz-Sendungen im Fernsehen schaut. Noch gestern, so erzählt es Schulz, hat Josefa Schween ihren Pfleger gefragt: „Willst du ne junge Frau ins Bett bringen? Morgen bin ich ne alte Frau.“

Das Team des Castrop-Rauxeler Pflegedienstes Miteinander-Füreinander gratulierte Josefa Schween zum 100. Geburtstag.

Das Team des Pflegedienstes Miteinander-Füreinander gratulierte Josefa Schween zum 100. Geburtstag. © Matthias Langrock

Auch der Journalist darf in die Wohnung - und trifft dort auf eine 100-Jährige, die André Schulz‘ Beschreibung alle Ehre macht. Nicht aus Castrop-Rauxel komme sie, nein. Erst 1950 habe es sie aus Greven im Münsterland hier hin gezogen, „wegen der Liebe“. „Ich bin ein münsterländischer Dickkopf, na sicher“, sagt sie - und wenn sie es nicht sagen würde, dann würde man es ihr anhören.

„Heimat ist Heimat“

Dazu passt, dass Josefa Schween auch nach sieben Jahrzehnten im Ruhrgebiet keinen Hehl daraus macht, sich hier nicht so richtig heimisch zu fühlen. Ihr Herz schlägt immer noch für das Münsterland: „Heimat ist Heimat“, sagt sie.

Zurückgegangen nach Greven ist sie aber nie, auch nicht, nachdem ihr Mann gestorben war - 40 Jahre ist das nun her. Sein Elternhaus steht nebenan, das Haus, in dem Josefa Schween jetzt wohnt, haben die beiden selbst gebaut. Die zweite Tochter hat es noch weiter weg vom Münsterland gezogen, sie wohnt nun in Düsseldorf. Aber es gibt noch genug Familie in Greven, eine große Foto-Collage auf dem Geschenke-Tisch beweist es.

Den Humor hat sie offenbar nie verloren

Und wie geht es ihr heute? „Der Rücken ist kaputt“, sagt Josefa Schween und seufzt. Deswegen habe das Coronavirus sie nicht sonderlich eingeschränkt. Unternommen habe sie schon vorher nicht mehr viel.

Aber ihren Humor, den hat sie offenbar nie verloren: „Vielleicht finde ich noch nen Mann“, sagt sie plötzlich. „Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.“ Gelächter. Da wendet sich Josefa Schween an André Schulz: „Machen wir nicht viel Spaß?“, fragt sie rhetorisch. „Wir reden ja viel Blödsinn. Das Leben ist ernst genug.“

Ernst wird sie dann aber doch noch: „Nach dem Tod von meinem Mann habe ich nie nach nem anderen gesucht. Wollte ich auch nicht.“ Pause. „Aber ich verurteile es auch nicht, wenn es einer tut. Die Menschen sind verschieden.“

Erdbeerkuchen zum runden Geburtstag

Doch genug der ernsten Themen an dem rundesten aller Geburtstage. Was sie heute noch vor hat? „Ich hab mir Erdbeerkuchen gewünscht“, sagt Josefa Schween. Den wird sie am Nachmittag bestimmt bekommen, bei ihrer Tochter und Enkel Simon. Mittelfristig hat sie noch ein anderes Ziel. Sie möchte wieder essen gehen - in ihrem Lieblingslokal. Das steht nicht in Castrop-Rauxel, sondern in Greven. Heimat ist eben Heimat.

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