Entdeckt: In einer Tatort-Folge spielt Castrop-Rauxel die Hauptrolle

mlzTatort Kirmes

Das Haus Goldschmieding, die Polizeiwache an der Bahnhofstraße, die Kirmes auf dem Festplatz an der Widumer Straße: Alle spielen eine Rolle in dem Tatort-Krimi „Der Fall Geisterbahn“.

Castrop-Rauxel

, 18.11.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Krimi „Der Fall Geisterbahn“ war der erst 16. Streifen der noch frischen Tatort-Reihe der ARD, als er am 12. März 1972 im Fernsehen lief. 1970 hatten die ARD-Sendeanstalten die Reihe mit einem Krimi aus der Feder des seinerzeit sehr prominenten Krimiautoren Friedhelm Werremeier begonnen, in dem der Hamburger Kommissar Paul Trimmel die Hauptrolle spielte: „Taxi nach Leipzig“.

Die „Geisterbahn“-Folge stammte vom damals ebenfalls bekannten Krimischreiber Hansjörg Martin. Bei der Erstausstrahlung erreichte der Film eine Einschaltquote von 59 Prozent. Eine aus heutiger Sicht gigantische Zahl für einen Film, der nicht zu den Sternstunden der Tatort-Reihe gehört.

Bemerkenswerter Film aus lokaler Sicht

Bemerkenswert ist „Der Fall der Geisterbahn“, gedreht von der Produktionsfirma Horst Film GmbH & Co. KG Berlin, allerdings bis heute aus Castrop-Rauxeler Sicht. Denn der Film spielt zwar in einer namentlich nicht genannten Stadt und der Fall wird von einem Ermittlerteam behandelt, das damals in Frankfurt angesiedelt war, ortskundige Betrachter aber stoßen im gesamten Streifen auf Drehorte aus Castrop-Rauxel.

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Im Mittelpunkt des Films, in dem Kommissar Konrad (der offenbar nie einen Vornamen erhielt), dargestellt von Klaus Höhne, zusammen mit Kriminalhauptmeister Klipp (dargestellt von Herbert Bötticher) einen Mörder jagt, steht die Geisterbahn, die dem Krimi den Namen gibt. Und die steht zweifelsfrei auf dem alten Castroper Kirmesplatz an der Widumer Straße, auf dem zusammen mit dem Castroper Marktplatz und den Verbindungsstraßen zwischen Festplatz und Markt bis zur Frühjahrskirmes 1989 der Rummel stattfand.

Bis zu 120 Schaustellerbetriebe

Und ein echter Rummel war das früher, denn laut der Internet-Seite Kirmesrummel.de waren hier früher zur Kirmes je 120 Schaustellerbetriebe vertreten. Das wird auch im Film deutlich angesichts der Menschenmassen, die sich da zwischen den Ständen, Karussells und Fressbuden drängen und etwa an einem Bierstand vorbeikommen, an dem es Union Bier gibt, „das dortmundige“, wie es auf der Werbung am Stand heißt.

Die Handlung des Films muss man nicht kennen und erzählen, der Film, der Tatort-untypisch nur 73 Minuten lang ist, wäre nicht weiter erwähnenswert. Wenn „Der Fall Geisterbahn“ nicht auf einer sogenannten „Giftschrank-Liste“ der Sendeanstalt gelandet wäre mit dem Vermerk, dass er bis auf weiteres nicht ausgestrahlt werden darf. Das gilt bis heute.

Das mag daran liegen, dass die Produktionsfirma kurz nach der Erstsendung Konkurs anmelden musste und es Zweifel an den Lizenzrechten gibt. So wird es auf Wikipedia geschildert.

Das Haus Goldschmieding spielt im Film eine kleine Rolle.

Das Haus Goldschmieding spielt im Film eine kleine Rolle. © Screenshot Thomas Schroeter

Das mag aber auch daran liegen, „dass das vielleicht nicht gerade der tollste Tatort geworden ist“, wie es Christian Bender, Pressesprecher beim Hessischen Rundfunk, vermutet. Zu klären sei das irgendwie auch nicht mehr, so Bender, „denn alle Beteiligten von damals sind irgendwie tot.“

Aus Castrop-Rauxeler Sicht bietet der Streifen neben den Kirmesszenen, auf denen sich eigentlich so mancher Castrop-Rauxeler noch wiedererkennen müsste, trotzdem so manches bildliche Schmankerl.

Polizeibulli startet an der alten Polizeiwache

Der (damals noch weiße) Polizeibulli, der im Film zum ersten Tatort gerufen wird, startet ganz eindeutig an der ehemaligen Polizeiwache an der Bahnhofstraße/Ecke Pallasstraße, wo seit Jahren das Eurostar-Hotel steht, macht eine scharfe Wendung vor dem Amtsgericht und braust dann Richtung Altstadt.

Und auch das noble Anwesen, in dem der Oberschurke des Tatorts wohnt, der ebenfalls vornamenlos bleibende Herr Zink (gespielt von Ferdy Mayne), kann man schnell als 70er-Jahre-Version des Goldschmieding-Herrenhauses identifizieren. Das kommt damals noch mit anders gestalteten Fensterläden und ohne Schlossanbau daher. Auf dem Türknauf ist allerdings als Reminiszenz an den Bauherren des Gebäudes, den Erin-Gründer Thomas Mulvany, die typische irische Harfe zu entdecken.

Ein Polizeibulli mit DO-Kennzeichen auf der Bahnhofstraße.

Ein Polizeibulli mit DO-Kennzeichen auf der Bahnhofstraße. © Screenshot Thomas Schroeter

Und so macht es schon viel Vergnügen, in dem Film zu stöbern, den man sich trotz der Giftschrank-Klassifizierung auf YouTube angucken kann. Man sieht, wie Klipp mit einem Käfer unterwegs ist, auf dem das CAS-Kennzeichen in OAS verändert wurde, sieht einen Bulli des DRK ebenfalls mit OAS-Nummernschild und kann auf dem schon erwähnten Polizeibulli ein DO-Kennzeichen erkennen.

Wiedersehen mit Zollfahnder Kressin

Man begegnet skurrilen Typen wie dem Geisterbahn-Mitarbeiter „Paganini“ (dargestellt von Kabarettist und Film-Bösewicht Rainer Basedow). Man feiert ein Wiedersehen mit Zollfahnder Kressin, gespielt von Sieghard Rupp, einem für damalige Zeiten sehr ungewöhnlichen Ermittler, der schnelle Autos und schöne Frauen liebte, in sieben Tatorten den Chefermittler gab und in anderen Tatorten kurze Gastauftritte hatte.

Man begegnet Lia Wöhr in einem Gastauftritt, einer damals im Fernsehen sehr populären Schauspielerin und Produzentin, die besonders durch ihre Unterhaltungsshow „Zum Blauen Bock“ legendär wurde, in der sie neben Heinz Schenk die Wirtin der Äppelwoistube spielte, die 208 Folgen lang in die deutschen Wohnstuben übertragen wurde.

Und man begegnet schließlich bei den Ermittlungen einer komplett namenlosen Figur, die sich gegenüber dem Kriminalhauptmeister Klipp mit den Worten „Aber ich bin Kreistagsabgeordneter“ gegenüber wichtig tun will. Ein netter kleiner Seitenhieb in einem Film, der der Fernsehnation ansonsten nicht im Gedächtnis geblieben ist.

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