Henrichenburg: Nahversorgung top, doch der Straßenlärm trübt die Stimmung etwas

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Dieser Stadtteil war immer anders. Henrichenburg liegt an der Grenze zum Münsterland. Wer dort wohnt, weiß das. Und viele wissen seine Vorzüge zu schätzen, wie im Stadtteilcheck herauskommt.

Henrichenburg

, 21.03.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist eine Liebeserklärung. Ans Dorf, wie die Alteingesessenen Henrichenburger gerne sagen. „Wir fühlen uns hier einfach wohl, besser geht’s nicht“, bestätigen Heike Roß und ihr Mann Holger Bönke-Roß. Zu den Alteingesessenen zählen sich die Beiden freilich nicht. Eher ist der Ruhrpott ihr Zuhause. Seit sie mit den beiden Kindern, Jean (fast 7) und Tochter Kim (16), Im Brendick wohnen, seien sie aber zu Hause angekommen. In der kleinen, vor zehn Jahren errichteten Siedlung im Schlagschatten der Autobahn, wo die Familie seit 2015 wohnt, als Heike Roß‘ Vater das Haus in einer Zwangsversteigerung erwarb, sei alles gut. Hier herrsche gelebte Nachbarschaft. Man kenne sich, man passe auf, man sei in einem guten nachbarschaftlichen Kontakt, sagt Holger Bönke-Roß (52).

Ihr Grundstück ist klein. Sehr klein. „Geeignet, um Kurzpassspiel zu üben“, sagt Holger Bönke-Roß und lächelt. Aber fürs Grillen und die beiden von den Vorbesitzern übernommen Apfel- und Pflaumenbäume reiche der Platz allemal. Henrichenburg als Wohnort sei optimal. Die Infrastruktur passe einfach. Sohn Jean, der in diesem Sommer in die Grundschule Alter Garten eingeschult worden sei, fühle sich sehr gut aufgehoben dort. Und Tochter Kim, die den bilingualen Zweig an der Realschule in Waltrop besuche, habe kurze Wege, die problemlos zu bewältigen seien.

Gewiss: Die kleine Straße Im Brendick stand immer mal wieder im Fokus. „Uns ficht das nicht an“, sagt Holger Bönke-Roß. Es gab das Theater um die vielen Korrekturen des städtischen Bebauungsplans, als erkannt wurde, dass nicht ausreichend an Parkplätze gedacht worden war. „Ein bisschen halten wir hier als Negativ-Beispiel her“, sagt Holger Bönke-Roß, der ursprünglich aus Erkenschwick kommt. „Wenn wir es grüner hätten haben wollen, hätten wir uns ein neues Zuhause in Becklem gesucht“, sagt Heike Roß (48). Sie stammt aus den Aapwiesen, wo ihre Eltern wohnen.

Die Autobahn A2 schneidet Henrichenburg und ist mit ihrem Lärmpegel als sechsspurige Straße, als eine der Ost-West-Hauptverkehrsachsen Mitteleuropas, nur an wenigen Stellen nicht zu hören.

Die Autobahn A2 schneidet Henrichenburg und ist mit ihrem Lärmpegel als sechsspurige Straße, als eine der Ost-West-Hauptverkehrsachsen Mitteleuropas, nur an wenigen Stellen nicht zu hören. © Schlehenkamp

Der Autobahnlärm, den beim Stadtteilcheck dieser Zeitung viele Leute beklagen, vermittele ihr eine Art Heimatgefühl. „Es kommt immer darauf an, wie der Wind steht“, sagt sie. Vor dem Haus sei es manchmal grauslich, hinter dem Haus kaum wahrnehmbar. „Es ist auch ein vertrautes Gefühl, wenn ich des Abends im Bett liege“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich fühle mich komisch ohne die Geräuschkulisse.“ Und klar sei, dass die B 235 als Hauptverkehrsache nachmittags zum Stoßverkehr dicht sei. „Das weiß ich und versuche dann, dort nicht unterwegs zu sein“, sagt sie.

Bei der Frage nach der Lebensqualität in Henrichenburg zeigt der Daumen nach oben. Und was ist mit der Kirmes und dem Schützenfest? Und dem Schiffshebewerk? Hochgehaltene Tradition, sagen beide. Es gehöre dazu – auch wenn das Hebewerk auf Waltroper Stadtgebiet liegt.

Die Einkaufsmöglichkeiten werden mit der Top-Note bewertet.

Die Einkaufsmöglichkeiten werden mit der Top-Note bewertet. © Volker Engel

Das wurde positiv bewertet


Nahversorgung:
Das ist das große Pfund, mit dem Henrichenburg wuchert. Zehn von zehn möglichen Punkten, dank der vor zehn Jahren errichteten Neuen Mitte und des Hedi II an der Freiheitstraße schräg gegenüber. Aber: Es gibt auch eine kritische Stimme, die auf einen fehlenden Zebtrastreifen vor Auffenbergs Café hinweist.

Gesundheit: Auch hier ist der Ortsteil mit neun Punkten gut aufgestellt. Fachärzte, Allgemeinmediziner und therapeutische Praxen fänden sich vor Ort, sagt Heike Roß. Und Ickern mit mehreren Arztpraxen, wen man denn noch mehr Auswahl wolle, sei schließlich auch nicht weit.

Der Rhein-Herne-Kanal und der Landschaftsarchäologische Park sind beliebte Ziele für Spaziergänge. Vom Dorf aus ist man schnell in der Natur.

Der Rhein-Herne-Kanal und der Landschaftsarchäologische Park sind beliebte Ziele für Spaziergänge. Vom Dorf aus ist man schnell in der Natur. © Tobias Weckenbrock

Grünflächen: Hier landet Henrichenburg bei neun von zehn möglichen Punkten in der Stadtteilwertung. Der Durchschnitt liegt in der Stadt ebenfalls bei neun. Für das Ehepaar Bönke-Roß hat Henrichenburg durchaus Vorzeigecharakter. Der Landschaftsarchäologische Park sei ganz gewiss ein Identifikationsmerkmal und auch für kleine Kinder ein netter Ausflugsort. Und was das Radfahren angeht, seien reichlich Grünflächen vorhanden und Touren umsetzbar: in die Ickerner Heide, zum Kanal, in Richtung Waltrop.

Gastronomie: „Alles vorhanden, was das Herz begehrt“, sagt Holger Bönke-Roß. Sie hätten in Henrichenburg wirklich eine sehr gute Auswahl unter Restaurants, die alle gut und unterschiedlich aufgestellt seien, findet er. Acht Punkte stehen hier für Henrichenburg auf der Checkliste, im Stadtdurchschnitt sind es dagegen nur sechs.

Familienfreundlichkeit: Zwei Kindergärten gibt es. Beide seien sehr beliebt und geschätzt, meint Heike Roß. Dazu eine Grundschule mit einem sehr engagierten Kollegium – Sohn Jean gefällt die Schule auf jeden Fall prima. „Der Sport auch“, sagt er. Nicht nur in der Schule, sondern auch beim KC Grün-Weiß, wo er mit seinen Freunden aus Kindergartentagen in einer Mannschaft spielt.

Allerdings muss man dazu um die Ecke. Trainiert wird in den Aapwiesen. Und selbst ein Fitnessstudio muss man in Henrichenburg nicht suchen. „Da trainiert mein Papa fleißig, und der ist immerhin schon 80“, sagt Heike Roß. Der Spielplatz am Pothhof sei auch okay. Lohnendes Ziel ganz in der Nähe ist für sie auch die Kleingartenanlage an der Borghagener Straße.

Dieses Bild kennen die Henrichenburger auch: Sich nachmittags von Datteln aus in den Ortskern zu bewegen, ist kein Spaß.

Dieses Bild kennen die Henrichenburger auch: Sich nachmittags von Datteln aus in den Ortskern zu bewegen, ist kein Spaß. © Thomas Schroeter

Das wurde negativ bewertet


Verkehrsbelastungt:
Fünf Punkte von zehn, der Durchschnitt auf Stadtebene liegt bei sieben. „Wir sind hier nicht am Arm der Welt“, sagt Heike Roß. Auch wenn es schön wäre, wenn der Öffentliche Nahverkehr mehr ausgebaut würde, und er vor allem preiswerter würde, damit er eine echte Alternative wäre, um das Auto stehen zu lassen. Mehrere Leserinnen und Leser stört in unserer Umfrage, an der insgesamt über 1300 Castrop-Rauxeler teilnahmen, der Lärm der Autobahn. Der Lärm soll deutlich mehr geworden sein, finden mehrere Hinweisgeber. Oder anders ausgedrückt: Je mehr Verkehr auf der A 2, desto größer der Lärmpegel. Jetzt sei er sogar noch stärker wahrnehmbar, weil das Laub noch fehlt und etliche Bäume gefallen sind“, findet Josef Berkel, ortsansässiger Ratsherr der CDU.

„Wir haben beim Lärmaktionsplan der Stadt u.a. die Überprüfung der Höhe der Lärmschutzwände verlangt“, sagt Marcus Pelzing, Ratsherr der SPD. Und was sagt die zuständige Behörde? „Die in der Planfeststellung prognostizierten Lärmwerte sind noch nicht erreicht“, heißt es auf Anfrage. Die Lärmschutzwände seien bis zu 7,50 Meter hoch. Oder mit anderen Worten: Es passiert erst einmal gar nichts. Es geht um rund 25 Millionen Fahrzeugen pro Jahr und Fahrtrichtung auf der A 2.

Angebote für Jugendliche: Fünf von zehn möglichen Punkten. Für die 16-jährige Kim ist ihre Freizeitgestaltung aber kein Problem. Sie geht in Waltrop zur Schule und hat darum viele Kontakte in die Nachbarschaft. Eine zeitlang besuchte sie zum Beispiel die Pfarrdisco in Waltrop.

Stadtteilchronik

Besiedlung schon in vorchristlicher Zeit
Der trockengelegte Dortmund-Ems-Kanal am Oberwasser des Schiffshebewerks, fotografiert im Februar 1972.

Der trockengelegte Dortmund-Ems-Kanal am Oberwasser des Schiffshebewerks, fotografiert im Februar 1972. © Helmut Orwat


  • Die Burg Henrichenburg an der Emscher und Besitzer Arnold von Henrikenburg sind im Jahr 1263 in Akten belegt.
  • Die Henrichenburger Lambertuskirche, heute Maximilian-Kolbe-Haus, ist das älteste Gebäude der Stadt. Sie wurde 1630 erbaut und 1904 als Pfarrkirche vom Neubau abgelöst. Bekannter ist nur das Schiffshebewerk.
  • Henrichenburg wurde erst bei der kommunalen Neugliederung 1975 eingemeindet.
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