Herr Doktor, muss ich die vielen Tabletten wirklich alle nehmen?

Medizin vor Ort

Gerade ältere Patienten bekommen viele Medikamente. Zum Teil von verschiedenen Ärzten. Was man dabei als Patient und als Arzt beachten muss, darüber schreibt Dr. Holger Gespers vom EvK.

Castrop-Rauxel

, 06.07.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Herr Doktor, muss ich die vielen Tabletten wirklich alle nehmen?

Patienten bekommen oft viele Medikamente von verschiedenen Ärzten. Und sind oft ratlos. © Laurentiu Iordache

Dr. Holger Gespers, Facharzt für Innere Medizin/Gastroenterologie/Geriatrie und Chefarzt der Abteilung für Innnere Medizin/Altersmedizin am Evangelischen Krankenhaus (EvK), schreibt in Teil drei der Medizin-Kolumne „Medizin vor Ort“ über die Notwendigkeit, die Medikation genau zu überprüfen:

Herr Doktor, muss ich die vielen Tabletten wirklich alle nehmen? Diese Frage wird uns Ärzten insbesondere in der Altersmedizin immer wieder gestellt. Wie wir alle wissen, nimmt die Lebenserwartung in den Industrieländern zu.

Erkrankungszahl hängt oft mit dem Alter zusammen

Das Auftreten von Erkrankungen ist in den meisten Fällen in Verbindung mit dem Alter zu sehen. Je älter wir werden, desto mehr Erkrankungen treten auf, und es kommt zur Verordnung von vielen Medikamenten zur Behandlung und Linderung von Symptomen und Erkrankungen.

Die Behandlung von Erkrankungen wird nach wissenschaftlichen Kriterien festgelegt. Für viele Erkrankungen gibt es Leitlinien, welche als Behandlungsstandard genutzt werden.

Mehrere Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen beteiligt

An der Behandlung von mehreren Erkrankungen eines Patienten sind oft mehrere Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen beteiligt. Hierdurch kommt es zu vielen Verordnungen (Polypharmazie), welche aber nicht zwingend unter den Ärzten abgesprochen sind. Hieraus resultieren Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Medikationen, welche für den Patienten auch schädlich oder gefährlich sein können.

Herr Doktor, muss ich die vielen Tabletten wirklich alle nehmen?

Dr. Holger Gespers ist Chefarzt der Abteilung für Innnere Medizin/Altersmedizin am EvK. © Volker Beushausen

Um sich der Aufgabe der optimalen Behandlung eines Patienten stellen zu können, bedarf es einer guten Kenntnis vieler Details und der Erstellung eines

Behandlungsplans unter Berücksichtigung aller behandelten Erkrankungen.

Es muss geprüft werden, welche Medikation der Patient erhält, ob er zusätzlich frei verkäufliche Substanzen einnimmt, ob er die Medikation überhaupt einnimmt, ob er sie verträgt, ob sie für ihn geeignet ist etc.

Manchmal kann weniger auch mehr sein

Nur bei sorgfältiger Prüfung dieser und vieler weiterer Fragen lässt sich ein für den einzelnen Patienten geeigneter Behandlungsplan erstellen. In diesem kann dann auch das Weglassen von Medikamenten begründet erfolgen, denn neuere Untersuchungen sprechen dafür, dass auch das Weglassen einer Medikation zu einer Besserung des Zustandsbildes führen kann.

Eine einfache Antwort auf die eingangs gestellte Frage gibt es also nicht. Aber die Frage sollte unbedingt gestellt und geprüft werden und ja: Manchmal kann weniger auch mehr sein.

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