Ickerner Straße: Gegenwart und Vergangenheit einer Einkaufsstraße

mlzIckerner Straße, Teil 1

Zwischen Knoten und Markt gibt es kaum Leerstand. Stattdessen siedeln sich Händler aus der Umgebung hier an. Großen Anteil daran hat der Stadtteilverein Mein Ickern. Wir haben uns umgehört.

Ickern

, 20.03.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

In Castrop-Rauxel gibt es drei große Einzelhandelsbereiche, in denen die Menschen ihre Freizeit verbringen und ihre Erledigungen tätigen: Die Altstadt in Castrop, die Lange Straße in Habinghorst und die Ickerner Straße. Die Altstadt steht durch ihren Zentrumscharakter im Fokus. Die Lange Straße hat in den vergangenen Jahren unter anderem mit der Verkehrsproblematik immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das Westring-Center und die Siemensstraße sind eher ausgelagerte Zentren, die für Pkw-Kunden gemacht sind.


Aber die Ickerner Straße? Die fliegt meistens eher unter dem Radar. Dabei scheint sie mehr als gut zu funktionieren, wenn man sich das Ergebnis unseres Stadtteilchecks anguckt: Da erhielt die Kategorie Nahversorgung von den Ickernern glatte 10 Punkte. Bestwert! Grund genug, sich die Ickerner Straße einmal genauer anzuschauen und mit Ickernern darüber zu sprechen.

„Wir sind alle Ickerner“

Ganz am südlichen Ende der Straße, nahe des Ickerner Knotens, findet man in der Nummer 10 eine kleine Boutique. „Chic & Leger“, 2016 eröffnet, ist die Herzensangelegenheit der Familie Hundt. Die Geschwister Martin und Sonja Hundt sind eigentlich beruflich stark eingebunden und sehen sich deshalb nur sehr selten. Trotzdem haben sie sich vor einigen Jahren ganz zufällig vor dem damals noch leeren Ladenlokal getroffen, um dieses unabhängig voneinander zu besichtigen. Da fiel der Entschluss, einen gemeinsamen Familienladen zu eröffnen. „Der Laden ist uns allen ans Herz gewachsen“, so Sonja Hundt heute. Sogar ihre Tochter Mandy Overwaul hilft inzwischen im Laden mit. „Mein kleiner Sohn sieht sich auch schon die Kasse an und sagt: ‚Das muss ich lernen!‘“, sagt Overwaul und lacht dann auf. Hundt glaubt zwar, dass man mit einem solchen Laden woanders mehr Geld verdienen könne, doch das sei ihr egal, denn: „Wir sind alles Ickerner!“

Sonja Hundt (r.) und ihre Tochter vor der Boutique Chic & Leger.

Sonja Hundt (r.) und ihre Tochter vor der Boutique Chic & Leger. © Jacqueline Meyer

Das familiäre Gefühl überträgt sich offenbar auch auf die Kunden, mit denen sogar ab und zu ein Kaffee im Laden getrunken werde. „Das ist wie die Lindenstraße“, sagt Sonja Hundt. Die Boutique ist für die Familie extrem wichtig. „Der kleine Laden lässt einen nicht mehr los, er gehört einfach zur Familie.“, Dabei legt Sonja Hundt ein strahlendes Lächeln auf.

Sieglinde Ochmann, die seit 20 Jahren in Ickern lebt, ist zwar der Meinung, dass es zu wenig Kleidungsgeschäfte gibt. „Wenn ich mir speziell etwas kaufen will, fahre ich in den Ruhrpark.“ Allerdings findet sie, dass das Angebot bereits besser geworden ist und es inzwischen mehr Geschäfte gibt.

Familientradition in Ickern

Am anderen Ende der Straße, gegenüber vom Marktplatz, liegt Foto Sümpelmann. Das Fotogeschäft hat eine Historie, die über 100 Jahre zurückreicht. Gegründet an der Emscherstraße, übernahm Drogist August Sümpelmann Ende 1953 das Ladenlokal an der Ickener Straße, in dem sich das Geschäft heute immer noch befindet. Zur Drogerie kam einige Jahre später eine Fotoabteilung dazu, initiiert durch Sümpelmanns Sohn Rudolf. Anfang der 1980er-Jahre verabschiedete sich die Familie dann vom Drogeriesortiment, um sich ausschließlich auf die Fotografie zu konzentrieren.

Heute führt Roland Sümpelmann das Geschäft in dritter Generation. Die Familie verbindet viel mit dem Stadtteil Ickern, weil schon August Sümpelmann dort wohnte. Obwohl Roland Sümpelmann dort nicht mehr lebt, habe er nach wie vor einen starken Bezug zu Ickern. Er ist nämlich mit dem Laden groß geworden. „Da war ich noch so ein kleiner Dötz“, erinnert der Geschäftsmann sich zurück.

Vielfältiges Angebot

Neu an der Ickerner Straße, Hausnummer 29, findet man den Concept-Store Styleline, der erst im April 2018 eingezogen ist. Die Idee des Concept-Stores stammt aus Holland und will mehrere Bereiche ansprechen: Zu finden sind dort unter anderem Feinkost, Blumen und Wohnaccessoires.

Lisa Grein in ihrem Concept-Store Styleline.

Lisa Grein in ihrem Concept-Store Styleline. © Jacqueline Meyer

Es ist aber auch möglich, dort eine Tasse Kaffee zu genießen. „Heute muss man einfach mehrere Bereiche anbieten“, sagt Geschäftsinhaberin Lisa Grein. Das sei wichtig, weil dem Kunden so ein angenehmes Einkaufserlebnis mit Wohlfühlmoment geboten werde. „Wir wurden hier sehr gut angenommen“, erzählt Lisa Grein, die selbst in Ickern wohnt. Sie habe auch schon Stammkunden gewinnen können.

„Die Leute kommen gerne“

Ein paar Hausnummern weiter, Nummer 57, findet sich das „Zwergenland“, eine Second-Hand-Boutique mit Kinderartikeln. Bunte Schaufenster begrüßen den Kunden. Kinderkleidung und Spielzeug können gekauft und in Kommission gegeben werden. Was nicht verkauft wird, spendet Inhaberin Ulrike Pallasch, die seit 2005 in Ickern lebt, an ein Kinderheim. Vor neun Jahren eröffnete Pallasch das Geschäft, denn „an der Ickerner Straße gab es nichts für Kinder“.

Ulrike Pallasch zwischen ihren Kinderartikeln.

Ulrike Pallasch zwischen ihren Kinderartikeln. © Jacqueline Meyer

Die Kunden seien von der Geschäftsidee begeistert und besuchten das Zwergenland gerne. „Viele Leute haben Angst, dass ich irgendwann gehe“, berichtet die 64-jährige Ulrike Pallasch schmunzelnd. Das habe sie aber in naher Zukunft nicht vor. In ihrem Alter überlege sie schon, eines Tages aufzuhören. In diesem Fall wünscht sie sich aber, dass es eine Nachfolgerin (oder auch gern einen Nachfolger) in ihrem Laden gibt.

„Das hat Pottcharakter“

Doch an der Ickerner Straße wird nicht nur verkauft. „Dat Ickerner Eck“, Hausnummer 3, ist eine Anlaufstelle der Diakonie für Menschen mit sozialen Schwierigkeiten, beispielsweise Obdachlosigkeit, Sucht oder Einsamkeit. Zum Angebot der Anlaufstelle gehören eine Waschmaschine und ein Trockner. Hier kann man telefonieren, ins Internet gehen oder die Tageszeitung lesen.

Hanna Röszmann im Eingang zum „Ickerner Eck“.

Hanna Röszmann im Eingang zum „Ickerner Eck“. © Jacqueline Meyer

Einmal die Woche gibt es einen Frühstücktermin für kleines Geld und einen Kochkurs, der alle zwei Wochen stattfindet. Außerdem dient „Dat Ickerner Eck“ als Ort des sozialen Austauschs und als Kontaktvermittlung zum ambulant betreuten Wohnen. Der Name der Anlaufstelle soll einen lokalen Bezug zum Stadtteil Ickern herstellen. „Das hat hier Pottcharakter“, sagt Diakonieangestellte Hanna Röszmann.

Griechenland in Ickern

Einer der echten Treffpunkte an der Ickerner Straße ist das Grillhaus Elia, Hausnummer 45. „Elia“ ist griechisch und bedeutet Olivenbaum. Dieser gilt in Griechenland als Zeichen des Lebens. Die Schwiegereltern des jetzigen Inhabers, Emmanuel Giannakopulos, eröffneten vor fünf Jahren die Gaststätte, nachdem sie bereits seit über 35 Jahren Erfahrungen als Gastronomen gesammelt hatten.

Die Ickerner beschreibt Giannakopulos als „ganz tolle Menschen auf Augenhöhe“. Im Grillhaus treffen sich regelmäßig einige Vereine zum Stammtisch. „Wir wurden sehr gut angenommen und man versteht sich mit den Nachbarn“, erzählt Giannakopulos. Er bedauert, dass einige Ladenlokale noch leer stehen, denn er empfindet die Ickerner Straße als „tolle Einkaufspassage“, an der sich aus seiner Sicht in den letzten Jahren viel ins Positive gewandelt hat.

Die Geschichte der Handelsstraße in Ickern

Und wie war das früher? In den vergangenen 100 Jahren hat sich an der Ickerner Straße viel verändert. Der Zweite Weltkrieg und eine zunehmende Bedeutung der Straße als Einkaufsstraße sorgten für einen teils raschen Wandel. Heute prägen zahlreiche Supermärkte, Bekleidungsgeschäfte und viel Gastronomie die Straße, die bis 1926 noch Dorfstraße hieß und auch so wirkte.

Hier einige Beispiele für den Wandel, entnommen aus der sehr lesenswerten Broschüren der Ickerner Geschichtswerkstatt, die unter dem Teil „Ickerner Handel im Wandel“ erschienen sind und mit vielen historischen Aufnahmen, Zeitungs- und anderen Dokumenten ein sehr beredtes Zeugnis der Straße liefern.

  • Gebäude wie Ickerner Straße 61 zum Beispiel, heute eine Gastronomie, haben sich sehr verändert. Ungefähr im Jahr 1900 bezog der Gastwirt Josef Hassel das Haus. Zu dem Zeitpunkt war es als „das Haus von Milchbauer Hassel“ bekannt, denn die Ickerner Straße war durch Hassels Milchhandel besonders beeinflusst. Angefangen hatte Hassel zunächst mit einem Pferdewagen, ehe sich sein Milchhandel dann zu einem kleinen Kellergeschäft mit Milch und eigener Milchproduktion etablierte. Hassel, seine Frau Franziska und später auch sein Sohn Ernst und dessen Frau Maria betrieben ihr Milchgeschäft bis 1969.

Ickerner Straße: Gegenwart und Vergangenheit einer Einkaufsstraße

© Beer

  • Auch in Nummer 36, wo man heute eine ärztliche Gemeinschaftspraxis findet, passierte viel in den vergangenen Jahrzehnten. 1953 eröffnete das City-Kino. Dort fanden Filmvorstellungen, Konzerte oder auch Modenschauen statt, und auch damalige Filmgrößen wie Winnie Markus und Rudolf Prack traten auf. Nur zehn Jahre später war Schluss mit dem Kino. Im November 1963 wurde es abgerissen. An seiner Stelle wurde ein neuer Konsum gebaut. 1993 aber stellte man den Betrieb in Ickern ein. Es folgten ein Getränkemarkt, ein längerer Leerstand und schließlich im Jahr 2006 der Umbau zur großen Arztpraxis.

  • Die Ickerner Straße 63 war ganze 95 Jahre, von 1911 bis 2006, im Besitz der Familie Schmidt. Bis 1922 besaß Friedrich Schmidt dort eine Schmiede mit Eisenwarengeschäft. Danach wurden die Geschäftsräume zu einer Gaststätte umgebaut. Geschäftsinhaberin der „Gaststätte Schmidt“ war Johanna Schmidt, Ehefrau von Friedrich Schmidt, die die Gaststätte mit Hilfe ihrer Töchter führte. Heute findet man dort die Reparaturwerkstatt von Detlef Kipar für elektronische Geräte.

Ickern 1958, Ickerner Straße mit Antoniuskirche und städtischem Verwaltungsgebäude

Ickern 1958, Ickerner Straße mit Antoniuskirche und städtischem Verwaltungsgebäude © Stadtarchiv

  • Abschließend kommen wir zum Mittelpunkt der Ickerner Straße, dem Marktplatz. Der Kaufvertrag über das Grundstück wurde 1921 zwischen der Witwe Elise Schmidt und den Gemeindevertretern Ickerns zur Anlage eines Marktplatzes abgeschlossen. Ein Jahr später wurde mit der Befestigung des Platzes begonnen. Mit 305 Tonnen Kesselasche wurde der Platz befestigt, wofür man 166.378,16 DM an den Bauunternehmer Pöggeler bezahlte. Noch in den 20er-Jahren wurde der Platz durch die Antoniuskirche und die Marktschule eingerahmt. Auf dem Markt entstand später ein Häuschen, das lange als Erfrischungshalle diente, und auf der Südseite ein Verwaltungsgebäude. Beides wurde 1998 abgerissen. Der Markt erhielt ein neues Pflaster, auf der Südseite entstanden neue Geschäftshäuser. Heute wird der Marktplatz, auf dem Willy Brandt 1965 im Bundestagswahlkampf mal eine Rede hielt, nach wie vor für den Wochenmarkt, als Parkplatz für die einkaufenden Ickerner und für Festivitäten wie das Familienfest genutzt.
Nur zwei Leerstände

Die Läden an der Ickerner Straße

Lesen Sie jetzt