Uralte Zeugnisse stecken noch im Archiv des Adalbert-Stifter-Gymnasiums. © Ronny von Wangenheim
Wir öffnen Türen

Im Archiv des ASG: Als das Abitur noch eine echte Reifeprüfung war

Prominente Castrop-Rauxeler Namen finden sich, wenn man die jahrzehntealten Zeugnisse und Abiklausuren im Adalbert-Stifter-Gymnasium durchsieht. Hans-Detmar Pelz öffnet die Tür zum Archiv.

Jede Abiturklausur muss mindestens zehn Jahre aufgehoben werden, jedes Abiturzeugnis 50 Jahre. Im Keller des Adalbert-Stifter-Gymnasium lagern all diese Dokumente. Nur selten will jemand Auskunft. Für den stellvertretenden Schulleiter Hans-Detmar Pelz (62) ist das Archiv eine wahre Fundgrube. Denn hier ist viel mehr zu lesen als nur Noten.

Das älteste Dokument reicht zurück ins Jahr 1911. Damals wurde der erste Schülername hineingeschrieben. Es war ein Wilhelm. Name, Adresse, Religion, Name und Beruf des Vaters – bis 1971 ist in dem Band jeder Schüler verzeichnet. Am Anfang tauchen nur Jungennamen auf. Erst spät öffnete sich die Schule auch für Mädchen. Progymnasium, Oberschule für Jungen, städtisches Realgymnasium: Es finden sich viele Namen für das heutige ASG.

Als Hans-Detmar Pelz 2013 in die Schulleitung ans ASG kam, war es eine Heimkehr, unter Nummer 6019 ist sein Name in dem Band verzeichnet. 1977 hat der Castrop-Rauxeler hier Abitur gemacht und ja, so erzählt er, er hat seine Abiklausuren auch noch mal angeschaut und durchaus Neues aus den Kommentaren in den Gutachten erfahren. „Eine Lehrerin hat mich sehr wohlwollend beurteilt, ein anderer Lehrer eher arrogant benotet.“

Bei Abi-Jahrestreffen werden die alten Zeugnisse aus dem Archiv geholt

Manchmal kommt jemand, der für seine Rentenberechnung einen Nachweis braucht. Selten will jemand auch seine Klausuren nach zehn Jahren einsehen. Und manchmal holt Pelz für eine Führung zum Beispiel zu Abi-Jahrestreffen die entsprechenden Aktenordner aus dem Archiv. Ansonsten darf hier niemand von außen herein. Und viel mehr, als dass über die Jahrzehnte sich viele prominente Castrop-Rauxeler Namen finden lassen, und das nicht jede ihrer Noten strahlend ist, werden auch wir hier nicht verraten.

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Uralte Zeugnisse lagern im Archiv des Adalbert-Stifter-Gymnasiums

Viel interessanter als gut, genügend, mangelhaft sind die Geschichten, die zwischen den Heftdeckeln stecken. Wir gehen 80, 90 und 100 Jahre zurück ins vergangene Jahrhundert. Hans-Detmar Pelz blättert in Ordnern und Bänden. „Damals musste man sich noch für die Reifeprüfung bewerben“, erzählt er.

Dazu mussten die Schüler Berichte über den Lebenslauf oder Bildungsgang verfassen. Wie ihr Leben war, wofür sie sich interessierten, welche Pläne sie für die Zukunft hatten, das alles wurde abgefragt. Die Reife, sie wurde wirklich geprüft.

Aufsätze zum Lebenslauf und Gutachten gehörten zu Reifeprüfung

37 Seiten, so zählt Pelz fast ungläubig, hat einer der angehenden Abiturienten 1936 in schönster Schrift von seinem bisherigen Leben in Form eines Aufsatzes geschrieben. „Ich trug vom ersten Tag als Sextaner an eine große Verantwortung“, schreibt er auf einer der ersten Seiten, bevor er sein Leben und seine Lebenseinstellung in allen Facetten aufblättert.

Hans-Detmar Pelz findet immer wieder Interessantes im Archiv des ASG.
Hans-Detmar Pelz findet immer wieder Interessantes im Archiv des ASG. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Anschließend gab es Gutachten von den Lehrern, die jeden Schüler charakterisierten. Ein Beispiel aus dem Beginn der 1930er-Jahre: „Er ist der wohlerzogene junge Mensch aus guter Familie. Sein Auftreten ist korrekt und sicher, sein Benehmen vielleicht schon etwas stark vom Anstandskodex angekränkelt. Natürliche Frische ist ihm darüber schon etwas verloren gegangen“, heißt es zum Auftakt, bevor detailliert über Leistungen und Neigungen geschrieben wird.

Für die Reifeprüfung musste man sich bewerben.
Für die Reifeprüfung musste man sich bewerben. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Später dann im Nationalsozialismus fließt im Führungszeugnis, das mit „Heil Hitler“ endet, auch die aktive Teilnahme an der Hitlerjugend ein. Ein Band, der 1917 beginnend die Zeugnisse zur „Wissenschaftlichen Befähigung für den Einjährig-Freiwilligen Dienst“ enthält, weist wiederum auf den Ersten Weltkrieg hin. Betragen, Aufmerksamkeit und Fleiß wurden damals auch benotet.

Drei Container füllten Papiere, die entsorgt wurden

„Ich muss aufpassen, wenn ich hier runtergehe“, sagt Hans-Detmar Pelz. Zu leicht vergesse er die Zeit. Viel mehr an interessanten Geschichten, an Vergleichen der Lehrinhalte und Prüfungsthemen lässt sich hier entdecken.

Manches könnte offiziell entsorgt werden. Das geschieht aber nicht. Vor zwei Jahren allerdings, so der stellvertretende Schulleiter, wurde eine Aktion gestartet und viele Daten vernichtet, unter anderem auch weil sie persönlich waren. Warum für xyz ein Tadel im Klassenbuch verzeichnet wurde, interessiert nun wirklich nicht mehr. Hans-Detmar Pelz: „Drei Container wurden damals gefüllt.“

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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