Lange arbeiten, wenig Gewinn, kein Nachwuchs: Jede sechste Apotheke machte seit 2010 dicht

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Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe läutet die Alarmglocken: 2019 schlossen mehr Apotheken als je zuvor. 65 Schließungen standen 11 Eröffnungen gegenüber. Castrop-Rauxel liegt im Trend.

Castrop-Rauxel

, 08.02.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe läutet zu Beginn ihres Jubiläumsjahres die Alarmglocken. Nie schlossen mehr Apotheken in der 75-jährigen Geschichte als 2019. 65 Schließungen standen elf Neueröffnungen gegenüber. In Castrop-Rauxel schlossen zwei Apotheken, eine eröffnete neu – verbleiben noch 19 Apotheken zwischen Henrichenburg und Merklinde.

Mit Blick auf die letzten zehn Jahre liegt die Europastadt damit im Trend des Kammerbezirks und des Kreises Recklinghausen. Am 1. Januar 2010 gab es noch 23 Apotheken in der Europastadt. „Das ist ein Rückgang um 17,4 Prozent“, erklärt Sebastian Sokolowski, Pressesprecher der Apothekerkammer, auf Anfrage dieser Redaktion. Im Kreis sind es 18,2 Prozent, in Westfalen-Lippe 17,6 Prozent. Jede sechste Apotheke ist dicht.

Rauxel hat keine Apotheke mehr

Dr. Claus Ehrensberger, Sprecher der Castrop-Rauxeler Apotheker, kennt das. Rauxel hat gar keine Apotheke mehr, bestätigt er im Gespräch mit der Redaktion. Es waren mal zwei.

Die Gründe für das Apothekensterben seien vielfältig. Neben der Konzentration an medizinischen Zentren sei das die Vergütung. „Seit 2010 hat sich das Einkommen der Apotheker nicht verändert“, sagt Inhaber der Schweriner Glückauf-Apotheke. Gestiegen seien demgegenüber jedoch Personal-, Betriebs- und Bürokratiekosten.

Anders als die Apothekenkammer erlebt Claus Ehrensberger den Versandhandel nicht als starke Konkurrenz. „Er nimmt uns zwar etwas weg, aber die vom Inhaber geführte Apotheke hat den Vorteil der persönlichen Ansprache“, sagt er. „Die Kranken heute wollen das auch haben.“

Lange arbeiten, wenig Gewinn, kein Nachwuchs: Jede sechste Apotheke machte seit 2010 dicht

Claus Ehrensberger ist Apotheker auf Schwerin und Sprecher der örtlichen Apotheker. © Marcel Witte

Die persönliche Beratung erfordert natürlich mehr Personal. „Mein Großvater ist noch mit einem weiteren Mitarbeiter ausgekommen. Heute brauche ich fünf Leute. Das ist der Unterschied zwischen lukrativ und auskömmlich“, sagt Claus Ehrensberger.

NRW hat zu wenig Studienplätze

Personalmangel ist ein weiterer Grund für das Apothekensterben. Der demografische Wandel führe dazu, dass Apotheker häufig keine Nachfolger mehr finden, erklärt die Apothekerkammer. „Beim Nachwuchs ist es ganz schlecht, weil es an Studienplätzen fehlt“, sagt Claus Ehrensberger.

Derzeit ist ein Pharmaziestudium in NRW nur in Bonn, Düsseldorf und Münster möglich. Die Apothekerkammer dränge darauf, in Bielefeld eine weitere Fakultät einzurichten. „Da ist das Land in der Verantwortung“, fordert der örtliche Apotheker-Sprecher.

Unzureichende Einkommen führten auch dazu, dass andere Branchen Apotheker und Pharmazeutisch-Technische Assistenten abwerben. „Ich will das aber nicht beklagen“, betont Claus Ehrensberger. Hinzu komme: Apotheker haben Wochenarbeitszeiten von bis zu 70 Stunden – nicht zuletzt wegen der Notdienste.

Elf Notdienste im Jahr

Gerechnet vom Ortsmittelpunkt, müsse jeder Castrop-Rauxeler durchschnittlich 4,6 Kilometer bis zur nächsten diensthabenden Apotheke zurückliegen, erklärt Sebastian Sokolowski von der Apothekerkammer. Jeder Bürger nehme den Notdienst statistisch aber nur einmal in 20 Jahren in Anspruch – und benötige meist keine verschreibungspflichtigen Medikamente.

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Für jeden Apotheker nehmen die Notdienste allerdings eher zu. Denn: Je mehr Apotheken schließen, desto häufiger muss jede einzelne den Dienst übernehmen. Waren es 2019 für eine Castrop-Rauxeler Apotheke noch zehn bis zwölf Notdienste im Jahr, sind es laut Notdienstkalender für 2020 mindestens elf, sagt Sokolowski. „Das ist aber eine immer noch sehr geringe Zahl“.

„Ganz schwierig ist es auf dem Land, in Stadt-Rand-Bezirken und in strukturschwachen Regionen“, sagt Sokolowski. Denn die Rentabilität einer Apotheke hänge auch mit der Nähe zu Ärzten zusammen. „80 Prozent des Umsatzes werden über verschreibungspflichtige Medikamente erzielt.“ Wenn Arztpraxen schließen, bleiben der nahegelegenen Apotheke die Kunden weg.

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