Kita-Pionierin Angelika Kirstein berät NRW-Minister Stamp bei der Kibiz-Novelle

mlzMerklinderin im Landes-Beirat

Sie ist eine Pionierin flexibler Betreuungszeiten in Kindergärten: Angelika Kirstein aus Merklinde, 1993 Gründerin des Kinderhauses Rasselbande. Nun berät sie das NRW-Familienministerium.

Castrop-Rauxel

, 15.02.2019, 04:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zurzeit plant das FDP-geführte Landesministerium um Joachim Stamp eine Novelle des KiBiz (Kinderbildungsgesetz des Landes NRW), das die Kinderbetreuung bei Tagesmüttern, in Kindergärten und Kindertagesstätten regelt. Anfang des Jahres wurden die ersten Pläne öffentlich. Es trägt in Teilen und in gewisser Weise auch die Handschrift einer Merklinderin: Angelika Kirstein ist Mitglied eines Experten-Beirats, der das Ministerium berät. Ihr Steckenpferd ist dabei das flexbile Betreuungszeiten-Modell. Sie ist in dieser Sache eine Pionierin.

Die Mutter der Rasselbande

Sie gründete in den 90er-Jahren eine Elterninitiative und später eine Kita namens Kinderhaus Rasselbande, das in der ehemaligen Marienschule Merklinde und inzwischen an gut einem Dutzend weiteren Standorten in NRW mit die flexibelsten Betreuungszeiten anbietet. Eltern können auf einer Stundentafel für jeden Tag andere Betreuungszeiten für ihr Kind wählen und müssen auch nur Beiträge für die Stunden bezahlen, die das Kind wirklich in der Einrichtung ist.

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Sie berichtete Ende Januar gegenüber unserer Redaktion aus ihrer Arbeit im Beirat: „Für eine größere Flexibilität bietet die aktuell laufende Kibiz-Revision eine gute Errungenschaft“, so Kirstein. „Das Land stellt einen Extra-Topf mit 100 Millionen Euro zur Verfügung, die Kommunen steuern davon 20 Millionen Euro bei, um die Flexibilität zu verbessern.“ Mitte Januar sei sie zuletzt im Ministerium gewesen, um Vorschläge zu machen, wie man eine Flexibilisierung belohnen könnte. „Damit ist nicht nur eine Erweiterung der Öffnungszeiten gemeint“, so Kirstein, „sondern vor allem die Wahlfreiheit in einem bestehenden Öffnungszeitenfenster.“ Sie erlebe da eine große Offenheit beim Ministerium. „Man schaut sich dort an, was das Kinderhaus Rasselbande macht – wir dürfen also Ideengeber sein.“

Sie erlebe Flexibilität, wenn sie offeriert würde, oft noch so: „Wir öffnen von 7 bis 17 Uhr. Wenn ihr 45 Stunden gebucht habt, dann kommt, wann ihr wollt.“ Bei der Rasselbande drehe man das Prinzip um: Eltern buchen ein geringeres Stundenkontingent, erhalten flexible Zeiten und zahlen nur das, was sie wirklich nutzen. Diese Freiheit könne man durch die Unternehmensbeteiligungen in den Einrichtungen nutzen: In allen Kinderhäusern der Rasselbande sind neben der öffentlichen Hand auch Betriebe an der Finanzierung beteiligt, die so Betreuungsplätze für ihre Mitarbeiter anbieten können.

Kita in Merklinde ist eine große Ausnahme

Die einzige Ausnahme ist da die erste Kita dieser Art, die Rasselbande in der Merklinder Marienschule: Sie kommt nach wie vor ohne Unternehmensbeteiligung aus.

Zurück zu ihrer Arbeit im Kibiz-Beirat: Dort sitzen nun schon mehrfach seit dem Herbst 15 bis 20 Leute zusammen: „Kommunalvertreter, die Kirche, die Uni, Tagespflege-Vertreter, der Landeselternbeirat – und ich mit meiner Expertise für flexible und unternehmensnahe Kinderbetreuung“, so Kirstein. Denen wurde jetzt der Ministerial-Entwurf der Kibiz-Novelle zugestellt. „Und wir konnten dazu Rückfragen stellen.“

„Wir müssen vielleicht ein Stück besser sein als andere Einrichtungen, damit die Flexibilität akzeptiert wird.“
Angelika Kirstein

Sie habe klare Vorstellungen geäußert, was man tun könne, um das Gesetz und damit das System zu verbessern. „Was davon umgesetzt wird, ist aber noch nicht klar. Ich habe aber nicht das Gefühl gehabt, dass meine Vorschläge abgeschmettert wurden.“ Bei denen, die das Rasselbande-Modell nicht genau kennen, sei stets die größte Sorge, dass darin Bildungsqualität verloren gehe. „Aber das ist nicht der Fall. Man muss den Kita-Alltag und das pädagogische Konzept nur daran anpassen.“ Für die kritischen Rückfragen im Beirat, die es gab, sei sie aber dankbar gewesen, so Kirstein.

Klare Struktur, klarer Rahmen

In der ganzen Geschichte Rasselbande sei ihr Ansporn stets gewesen, gute Bildungsarbeit zu leisten. „Wir müssen vielleicht ein Stück besser sein als andere Einrichtungen, damit die Flexibilität akzeptiert wird“, sagt sie heute. „Wir bekommen stets Rückmeldung von Anerkennungspraktikanten, die aus den Schulen zu uns kommen. Auch sie erkennen, dass eine klare Struktur dahinter steckt und Flexibilität keine Willkür ist.“ Zudem bekomme man oft Rückmeldung, wenn Kinder in die Grundschulen entlassen würden. „Der größte Schlüssel zu den Kindern aber sind meine Fachleute vor Ort: Die Mitarbeiter sind meine Experten. Sie wären nicht zufrieden, wenn sie in unserem System nicht gute pädagogische Bildungsarbeit leisten würden. Das ist ihr Berufsethos, den sie haben.“

Kirstein findet, dass nicht alle Kitas in fünf oder zehn Jahren Stundentafeln für die Eltern haben müssten. „Aber es wäre schön, wenn in jeder Stadt ein Träger dieses Angebot machen würde. Die Rasselbande hat das Höchstmaß an Flexibilität, aber es könnte ja auch kleine Schritte geben, wie zum Beispiel flexible Stunden-Zubuchungen.“ Bei den Öffnungszeiten müsse und werde sich etwas ändern. „Wir haben nun die Weichenstellung, dass eine auskömmliche Finanzierung garantiert wird. Dann gibt es mehr Spielräume für die Träger. Die Eltern fordern das ja ein. Die Träger sind dann auch gewillt, dass sie bedarfsorientierte Angebote machen. Ich habe die Hoffnung, dass sich insgesamt etwas ändert.“

Evangelische Kitas: 1 Milliarde Euro reicht nicht

Elisabeth Weyen, Geschäftsführerin der Kindergartengemeinschaft im Evangelischen Kirchenkreis Herne, ist da zurzeit noch skeptisch. Eigene Berechnungen der kirchlichen Träger hätten ergeben, dass die rund 1 Milliarde Euro vom Land nicht zu einer auskömmlichen Finanzierung führen würde. Man rechne eher mit 2,5 Milliarden Euro Finanzbedarf, sagte sie gegenüber unserer Redaktion.

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Der Landes-Beirat arbeitet weiter. Vorbereitet wird jetzt ein Referentenentwurf, der dann später im Landtag politisch diskutiert wird. Dann wird eine Entwurfsvorlage für die Gesetzesnovelle entwickelt. Vielleicht ändert sich was - aber nicht vor Sommer 2020.

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