Wirt ärgert sich über Schließung: „Überall passiert was, aber nicht hier“

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Alle Kneipen müssen im November schließen. Wirt Michael Henke von „Haus Ratte“ in Frohlinde kann das nicht verstehen. Ein Besuch am Wochenende vor dem Lockdown.

Frohlinde

, 01.11.2020, 14:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Frohlinde, Samstagabend, 21.45 Uhr. Im Dorf ist um diese Zeit nichts mehr los. Wenn da nicht „Haus Ratte“ wäre, Ecke Dortmunder Straße/Merklinder Straße. Die Tür steht offen. Die geplante Halloween-Feier ist zwar ausgefallen. Natürlich, wegen Corona. Aber Stammgäste sind gekommen, um das ein oder andere Pils zu trinken.

Die Gelegenheit haben sie nur noch an diesem Abend und am nächsten. Ab Sonntag um 23 Uhr ist Schicht. Lockdown. Für mindestens vier Wochen muss Michael Henke seine Kneipe schließen. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. So haben es die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten am Mittwoch beschlossen.

Michael Henke ist sauer darüber. Er kann nicht verstehen, dass die Gastronomie für die steigenden Corona-Zahlen verantwortlich gemacht wird. Er hält es für falsch, dass alle Kneipen und Restaurants gleich behandelt werden. „Ich bin nicht der Bayerische Hof mit 2500 Plätzen“, sagt er. „Ich höre immer: ‚Es ist wichtig, dass man alle Kontakte nachvollziehen kann‘. Das kann ich!“. 95 Prozent der Leute in seiner Kneipe seien Stammgäste.

„In anderthalb Stunden habe ich alle angerufen“

„Vielleicht ist das leicht übertrieben, aber ich sage: Ich brauche anderthalb Stunden, dann habe ich alle angerufen, die in den letzten vier Wochen hier waren.“ Dafür brauche er nicht mal eine Liste: „Ich kenne die Leute alle.“ Die Liste liegt übrigens trotzdem aus.

Am Sonntagabend gehen bei Haus Ratte in Frohlinde die Lichter wieder einmal aus - zumindest für die kommenden vier Wochen.

Am Sonntagabend gehen bei Haus Ratte die Lichter wieder einmal aus – zumindest für die kommenden vier Wochen. © Matthias Langrock

Doch Michael Henke geht es nicht nur um die Nachverfolgung. Es geht ihm auch um die Ansteckungsgefahr an sich: „Ich spreche nicht von der Großstadt“, sagt er. „Hier in Frohlinde wird alles eingehalten. Überall passiert was. Aber nicht hier bei mir.“

Schon mit der Sperrstunde um 23 Uhr hat der Wirt von „Haus Ratte“ seine Probleme. Er ist sich sicher: „Wenn ich sie hier gleich rausschmeißen muss, gehen sie zu irgendwem in die Bude.“ Oder anders ausgedrückt: „Erwachsene gehen nicht ins Bett, die gehen in den Keller. Trinken da weiter. Da sollen sie doch lieber in die Gastronomie gehen, wo einer auf die Abstände achtet.“

Es geht jetzt ums Ganze

Mit dieser Einschätzung steht Henke nicht alleine. Ähnlich hat sich vor zwei Wochen der Dortmunder Ordnungsdezernent Norbert Dahmen geäußert. Auch ihm wäre eine Sperrstunde um 1 Uhr morgens lieber gewesen, weil dann nicht mehr unkontrolliert weitergetrunken würde.

Wie um dem Wirt recht zu geben, möchte kurz vor Feierabend noch ein Gast in die Kneipe kommen. „Ich muss um elf dicht machen“, ruft Michael Henke ihm zu. „Aber doch nicht hier im Dorf“, gibt der Mann zurück. Er verzichtet aufs Pils.

Jetzt geht es sowieso nicht mehr um die Sperrstunde, jetzt geht es ums Ganze. Michael Henke ist sich sicher, dass er den November überstehen wird. Im Frühjahr hat er 9000 Euro Soforthilfe bekommen, am Montag setzt er sich mit seinem Steuerberater zusammen, beantragt die Hilfe des Bundes, die ihm 75 Prozent seiner Einnahmen von November 2019 bringen soll. Und sein Vermieter „Pit“ Ratte hilft ihm wieder bei der Pacht. Wie im Frühjahr.

Michael Henke im Frühjahr, als er sein "Haus Ratte" zum ersten Mal schließen musste.

Michael Henke im Frühjahr, als er sein "Haus Ratte" zum ersten Mal schließen musste. © Matthias Langrock (Archiv)

„Wenn der Pit mir nicht so entgegengekommen wäre, wäre der Ofen aus gewesen“, sagt Michael Henke. Damals haben ihm auch Spenden geholfen. Tausende Euro brachten die Frohlinder auf, um ihren Micha in der schweren Zeit zu unterstützen. Darauf möchte er nicht noch mal angewiesen sein. Wenn es ganz schlecht laufe, „habe ich ne Familie im Rücken“.

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Vorerst ist sich Michael Henke sicher, dass er im Dezember wieder öffnen darf. Aber nicht, weil er ernsthaft glaubt, dass es dann weniger Corona-Infizierte gebe. Sondern weil die Politiker merken würden, dass die Gastronomie eben nicht für den Anstieg verantwortlich war.

23 Uhr. Sperrstunde. Die Gäste müssen raus. Zum Abschied sagt Michael Henke, wie um sich selbst zu vergewissern: „Wir sind gut. Wir feiern viel. Aber wir halten uns an die Regeln.“

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