Knepper-Protokoll: So wird der Tag der Kraftwerks-Sprengung ablaufen

mlzTausende Schaulustige

Nie war es rund um Deininghausen so voll wie diesen Sonntag: Am 17. Februar wird das ehemalige Kraftwerk Knepper gesprengt: Kühlturm, Schornstein und Kesselhaus. Was man jetzt wissen sollte.

Deininghausen, Oestrich, Dingen

, 16.02.2019, 17:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Tag der Sprengung der drei großen und massiven Gebäude, die noch auf dem Castrop-Rauxeler Teil des großen Geländes stehen, ist im Vorfeld minutiös geplant worden. Die Schwierigkeit dabei für die Hagedorn-Unternehmensgruppe, die das alte Kraftwerk Gustav Knepper abreißt: Sie hat es mit zwei Kommunen (Dortmund und Castrop-Rauxel), mit zwei Landkreisen (Kreis Recklinghausen und der kreisfreien Stadt Dortmund), zwei Bezirksregierungen (Arnsberg und Münster), zwei Polizeibehörden (Dortmund und Recklinghausen) zu tun, weil die Stadtgrenze am Westrand des Kraftwerksgeländes verläuft.

Zur Sache

Diese Firma sprengt die Türme

Die Sprengungen nimmt die Firma Deutsche Sprengunion vor: Es ist eine Tochtergesellschaft der Hagedorn-Gruppe aus Gütersloh. Über 1500 Bohrungen haben die Sprenger an den Gebäuden vorgenommen. Der 210 Meter hohe Schornstein, der 128 Meter hohe Kühlturm und das knapp 70 Meter hohe Kesselhaus werden gut 28.400 Tonnen Stahlschrott und Bauschutt produzieren.

Der Kühlturm, der Schornstein und das Kesselhaus stehen auf Castrop-Rauxeler Stadtgebiet, aber selbst die Pforte am großen Werkstor von der Oestricher Straße aus ist auf Dortmunder Seite.

Das macht die Sache in der Vorbereitung so komplex. Natürlich auch die Menge des Sprengstoffes, den es braucht, um die Industrie-Kolosse niederzulegen. Und die schiere Zahl des Sicherheitspersonals, das zur Sicherung der Sperrzone eingesetzt wird. In ersten Schätzungen wurden 1000 Schaulustige, inzwischen aber locker 10.000 Menschen aus Castrop-Rauxel, Dortmund, den umliegenden Städten und dem Ruhrgebiet erwartet, die sich das Schauspiel anschauen wollen.

So wird der Sonntag, 17. Februar, in etwa ablaufen:

8.00 Uhr: Jetzt beginnt das Team der Helfer und Sicherheitskräfte, die Sperrzone weitgehend zu räumen. Um 9 Uhr müssen alle Anwohner evakuiert sein: Es sind rund 120 Personen direkt betroffen, die in ein „Event-Zelt“ auf dem Kraftwerksgelände am Rande der Sperrzone eingeladen sind. Das sind vor allem Anwohner der Oestricher Straße, aber auch Bewohner der vier Bauernhöfe gleich nördlich der Nierhausstraße. Sie sind schon seit Monaten in die Vorbereitungen eingeweiht. Die Bewohner zum Beispiel der Häuser an der Straße Langenacker, Westheide und Am Kreuzloh können in den Wohnungen bleiben. Hier werden einige „Sprengpartys“ auf Dachterrassen, Balkonen und Wohnungen steigen.

8.35 Uhr: Eine Art äußerer Sicherungsring wird langsam aber sicher zugezogen. Das bedeutet: Die Einfallstraßen wie Oststraße, Nierhausstraße, Emsinghofstraße, Deininghauser Weg, Westheide, und Langenacker werden gesperrt. Die erste Sperrungslinie wird wohl nur Anwohnerverkehr durchlassen, so zum Beispiel auf der Autobahnbrücke Pallasstraße / Oststraße oder wahrscheinlich in Höhe des Bahnübergangs Deininghauser Weg. Die Polizei wird zusammen mit dem Technischen Hilfswerk und einem Sicherheitsdienst vor Ort sein.

8.40 Uhr: Irgendwann in dieser Phase wird ein Shuttlebus von der Nierhausstraße aus die Oestricher Straße hoch fahren und die Anwohner einsammeln, die mit in das Eventzelt wollen. Dort gibt es Frühstück und Snacks und später auch die Möglichkeit, auf einer kleinen Tribüne die Sprengung zu verfolgen. Auch für Ohrstöpsel hat Hagedorn unseren Informationen nach gesorgt.

9.00 Uhr: Jetzt gilt Betretungsverbot für die Sperrzone. Es wird an mehreren Punkten entlang der Zone überwacht. Nur die Sprengmeister-Crew der Hagedorn-Gruppe darf nun noch auf dem Sperrgelände sein, um letzte Vorbereitungen zu treffen.

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10.00 Uhr: Auf den Autobahnen 45 und 42 wird an diesem Vormittag der Verkehr gedrosselt. Das Tempo wird verringert und auf jeweils einen Fahrstreifen beschränkt. Warum? „Wir wissen nicht, wie Autofahrer reagieren, wenn sie bei Tempo 200 einen lauten Knall hören“, sagt Tina Gutmann, Sprecherin der Hagedorn-Unternehmensgruppe.

10.10 Uhr: Geladene Gäste für das Eventzelt und auswärtige Medienvertreter werden zum Teil vom Rathaus / Europaplatz, wo Parkmöglichkeiten vorgehalten werden, in Shuttlebussen zum Gelände gebracht.

11.00 Uhr: Der Sprengmeister André Michael Schewcow (39) wird mit seinem Team ein erstes Tonsignal geben, sofern die Sperrzone komplett frei ist. Falls nicht, verzögert sich das ganze Prozedere. Mit einem zweiten Signal wird dann der Hinweis zur Zündung gegeben. Dann wird der erste Knall erfolgen, vielleicht sogar der lauteste des Tages: Das 70 Meter hohe Kesselhaus, das schon so weit zerlegt ist, dass es fast nur noch ein Stahlgerüst ist, wird umkippen. Es könnte auch Teile des Verwaltungsgebäudes mitreißen, das aber nicht mehr weiter gebraucht wird. Das wird nur ein paar Sekunden dauern, dann liegt das Gerippe auf der Seite und kann in den folgenden Wochen per Schneidbrennerverfahren von den Abriss-Arbeitern zerlegt werden.

11.05 Uhr: Ein weiteres akustisches Signal wird wahrscheinlich die Fläche zwar nicht wieder freigeben, aber den ersten Sprengvorgang für beendet erklären. Dann wird es eine Pause von etwa 30 bis 45 Minuten geben.

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11.45 Uhr: Etwa um diese Zeit werden wieder zwei Tonsignale analog zu denen um 11 Uhr erfolgen. Dann sind der 128 Meter hohe Kühlturm und der 210 Meter hohe Schornstein dran. Gebäude, die beim Bau in den 50er-Jahren als die größten Kraftwerkstürme Europas galten. Die Menge des Sprengstoffes, rund 250 Kilogramm werden es ungefähr sein, ist bei diesen beiden Bauwerken nicht so umfänglich und stark wie beim Stahlbau Kesselhaus. Darum könnte es etwas weniger laut zugehen. Aber dafür dauert es womöglich etwas länger mit den Gebäuden, bis sie liegen: Der Kühlturm wird leicht in östliche Richtung ankippen und dann in sich zusammenfallen, während sich der Schornstein im ganzen Richtung Osten, also entlang der Nierhausstraße, aufs Gelände legen wird. Er besteht außen aus Beton und im Innern aus einem Stahlrohr, wird nicht in mehrere Teile zerlegt, sondern hat genug Platz auf dem Gelände bis hin zu den Silos. Er wird sich in den ersten vier, fünf Sekunden nach dem Knall kaum bewegen und erst langsam, dann immer schneller kippen.

Gegen 12.00 Uhr: Der Sprengmeister prüft mit seiner Crew, ob alle Ladungen detoniert sind. Erst nach dieser Prüfung wird die Sperrzone aufgehoben. Wann das sein wird, ist laut Hagedorn-Sprecherin Tina Gutmann nicht vorauszusagen.

Noch viele Monate wird Hagedorn Revital auf der Fläche die Silos, den kleinen Schornstein und weitere Baukörper mit Baggern abreißen. Das Material wird übrigens schon auf dem Gelände geschottert und getrennt. Das Geröll und der Schotter wird dabei laut Tina Gutmann auf Schadstoff-Belastung geprüft und dann zur Modellierung der späteren neuen Flächen genutzt, auf denen außen Gewerbe und im Zentrum des Geländes ein Logistikunternehmen angesiedelt werden sollen.

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