Kommunalpolitiker sind so: Zehn Typen, denen man in jeder Stadt begegnet

mlzKolumne „Schroeter denkt“

Kommunalpolitiker sind Kleingeister. Ein Urteil, das nicht stimmt. Aber es gibt Politiker, die viele Vorurteile bedienen. Eine kleine Typenbeschreibung der Gattung Kommunalpolitiker.

Castrop-Rauxel

, 18.02.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ich mache seit 30 Jahren Lokaljournalismus und bin in dieser Zeit in vielen Städten vielen Kommunalpolitikerinnen und -politikern über den Weg gelaufen. Ich habe ihnen in Ratssälen und in Ausschusssitzungen zuhören dürfen, habe mit ihnen Diskussionen über ihre und meine Aufgabe geführt, habe sie bei ihrer Arbeit beobachtet.

Im Laufe der Jahre habe ich viele dieser Politikerinnen und Politiker tatsächlich sehr zu schätzen gelernt. Sie sind mit viel Engagement bei der Sache, leben ihren Einsatz für die Stadtgesellschaft, bringen ihr Können und ihr Wissen nach bestem Gewissen ein.

Bei der Beobachtung der Gattung Kommunalpolitiker (an dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass ich damit künftig alle weiblichen wie männlichen Vertreter dieser Kaste meine, wenn ich von Politikern schreibe und nicht dezidiert unterscheide) sind mir in zahllosen Sitzungsstunden aber auch einige Politiker-Typen aufgefallen, die überall anzutreffen sind. Hier meine ganz persönlichen zehn Politiker-Typen der besonderen Art:

1. Der Joviale

Er ist eigentlich gar kein Politiker, erst recht kein Parteipolitiker. In jeder Situation ist er bemüht, für Ausgleich zu sorgen, bloß keine kontroversen Diskussionen aufkommen zu lassen. Streit ist ihm zuwider, er glaubt ganz fest an das Gute im Menschen und geht davon aus, dass alle seine Kollegen auch so denken und eigentlich doch alle nur das Beste wollen und man sich doch einigen könnte, ohne hier groß zu diskutieren und sich aufzuregen. Er liegt oft daneben, ohne es zu bemerken. Leider.

2. Der Arroganzling

Er ist das genaue Gegenteil vom jovialen Typen. Er ist zwar eigentlich auch kein Politiker, denn Politik bedeutet ja immer auch Kompromiss. Für den Arroganzling aber ist Kompromiss ein No Go. Es nervt ihn schon, dass er überhaupt in die Diskussion muss, ist er doch der unerschütterlichen Überzeugung, seinen Kollegen aus der eigenen und allen anderen Fraktionen komplett überlegen zu sein. Er fällt daher gern ins Wort, mokiert sich über Wortbeiträge vermeintlich ahnungsloser Kollegen und Verwaltungsmitarbeiter und sonnt sich in Situationen, in denen er politischen Widersachern auch nur den kleinsten Formfehler nachweisen kann.

3. Der Choleriker

Latent verwandt mit dem Arroganzling ist der Choleriker. Sein steter Unwillen über all die Menschen in seiner Umgebung geht aber nicht auf sein überragendes Wissen zurück, sondern auf seinen Bluthochdruck und seinen stark verkürzten persönlichen Horizont. Er echauffiert sich mit Vorliebe über Politiker anderer Fraktionen, aber auch über Verwaltungsvorlagen, die er nicht versteht, über Entscheidungen der Landes- und Bundespolitik, über zu spät eingegangene Einladungen, zu warmes Mineralwasser und ein Namensschild, das am verkehrten Platz steht. Also über alles.

4. Der Omnipräsente

Er sitzt im Rat und in möglichst vielen Ausschüssen und Unterausschüssen sowie Lenkungsgremien, Steuergruppen und Arbeitskreisen. Er ist mindestens stellvertretender Fraktionsvorsitzender, leitet natürlich einen Fachausschuss, ist im Ortsverein seiner Partei führend aktiv, hat in diversen Vereinen und Organisationen mitzureden, schreibt Leserbriefe oder Stellungnahmen, ist der Verwaltung in Sachen Fachlichkeit mindestens ebenbürtig. Früher hat er seine Ansichten an vielen Stammtischen angebracht, heute nutzt er vorwiegend soziale Medien, um sich gefragt oder ungefragt einzumischen. Er ist hemmungslos aktiv und versteht nicht, warum das von der gesamten Welt nicht ausreichend und ständig gewürdigt wird.

5. Der Zahlenpingel

Er fällt in jeder Sitzung auf, weil er vor sich einen Packen mit Ausschussunterlagen liegen hat, die sorgsam mit Dutzenden von gelben Post-its versehen sind. Er hat die Unterlagen sorgsam durchgearbeitet, hat redaktionelle Fehler markiert und jede Aufstellung der Verwaltung nachkalkuliert. Er ist oder war Mathelehrer oder Bilanzbuchhalter oder Fachinformatiker und wartet stets auf den alles entscheidenden Moment, in dem er sich in das Ausschussgeschehen einbringen kann. Dann läuft er zur Hochform auf und stellt hochnotpeinliche Nachfragen etwa zum Haushaltsposten A45/Z27 Unterpunkt 2.11., in dem es um einen Posten Toilettenpapier für das Rathaus im Wert von 312,20 Euro geht. Die Verwaltung „liebt“ den Pingel.

KOLUMNE

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  • Unser Autor Thomas Schroeter macht sich in dieser Kolumne regelmäßig Gedanken über die Stadt und die Politik, über kleine Aufreger und große Probleme, über Menschliches und Unsinniges. Das soll zum Nach- und Mitdenken anregen, aber durchaus auch zum Widerspruch.
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6. Der Nervbolzen

Noch mehr liebt die Stadtverwaltung den Nervbolzen. Der stammt gern aus einer der kleineren Parteien, ist zumeist reich an Alter und damit aus seiner Sicht auch an Lebenserfahrung und lässt das seine Kollegen wie die Verwaltungsmitarbeiter spüren. Er zweifelt gern argumentfrei Äußerungen der Fachverwaltung an, ist komplett humorbefreit und sehr von seiner eigenen Mission überzeugt. Zur Höchstform läuft er auf, wenn sich eine Sitzung dem vermeintlichen Ende nähert und der Tagesordnungspunkt „Anfragen der Ausschussmitglieder“ erreicht ist. Dann packt er gern einen ganzen Katalog an Petitessen aus. Und da alle Menschen, die die Sitzung mitmachen müssen, das genau wissen, erhebt sich an diesem Punkt gern ein allgemeines Aufstöhnen.

7. Der Witzbold

Das komplette Gegenteil ist der Witzbold. Der weiß selbst gar nicht, wie er an das Ratsmandat oder den Ausschusssitz gekommen ist. Wahrscheinlich hat er bei der Frage, wer sich denn aufstellen ließe, eher an ein Fußballmatch als an die Kommunalwahl gedacht und so schwups einen Platz im Ratssaal gewonnen. Den füllt er zwar aus, ist aber zumeist mehr damit beschäftigt, seine direkte Nachbarschaft mit vermeintlich launigen Kommentaren zu unterhalten, als dem politischen Geschehen zu folgen. Das fiele ihm auch schwer, denn Zeit für die Lektüre der Ausschussunterlagen hat er einfach nicht gefunden. Das hindert ihn aber nicht an Meinung, die er gern in einer Form, die er für augenzwinkernden Humor hält, an den Mann/die Frau bringt.

8. Der Lückenfüller

Ähnlich zufällig an seinen Sitz ist der Lückenfüller gekommen, besonders gern gesehen in größeren Fraktionen, wo die Zahl der fachkundigen Kandidaten irgendwann aufgebraucht war, man aber noch den einen oder anderen Wahlkreis mit einem Kandidaten besetzen musste. Der Lückenfüller fällt in der Ratsarbeit nicht weiter auf, zumeist weiß man am Ende der Legislaturperiode kaum, wie seine Stimme denn wohl klingen könnte. Es gibt ihn in einer Immer-interessiert-gucken-Variante und einer Gleich-schläft-er-ein-Ausgabe, bei der man stets die leichte Sorge hat, ob er rechtzeitig hochschreckt, um an der richtigen Stelle und für die richtige Partei den Abstimmungsfinger in die Luft zu strecken.

9. Die Quotenfrau

In der Entstehung ist die Quotenfrau eng mit dem Lückenfüller verwandt, denn auch sie wird ausgesucht, um eine Lücke im Fraktionssystem zu füllen. Denn immer noch und immer wieder drängen sich Männer gern vor, wenn es um Posten geht. Auch und gerade in der Kommunalpolitik. Um aber nicht völlig rückständig zu wirken, müssen Fraktionen dann Frauen finden, die sie möglichst nicht in ihrer Arbeit stören. Die Quotenfrau weiß das nicht unbedingt, macht ihre Arbeit mehr als gewissenhaft, ist gern sozial engagiert, sehr eifrig in der Teilnahme an Sitzungen und gut vorbereitet. Nicht jeder Mann in den eigenen Reihen sieht es freilich gern, wenn sie sich dann auch noch zu Wort meldet. So weit sind wir noch nicht.

10. Der Nachwuchspolitiker

Dieser Typus kann später zu jedem anderen Typen in dieser Liste werden, zeichnet sich jetzt aber erst einmal durch seine Hibbeligkeit aus. Er ist ungemein stolz darauf, aus der Jugendorganisation seiner Partei nun zu den großen und echten Politikern aufgerückt zu sein und will dabei mit Nachdruck auch große und echte Probleme in die Politik einbringen. Er sitzt gern mit angespanntem Gesicht und verkrampften Gliedmaßen auf seinem Stuhl, stets kurz davor, der Diskussion die ganz entscheidende Wendung zu geben durch einen Geistesblitz. Der Blitz bleibt aber meistens aus, dafür äußerst sich der Nachwuchspolitiker gern als sechster Vertreter seiner Fraktion zu Wort, um dann rein gar nichts Erhellendes beizutragen.

Und die Moral von der Geschichte?

Es gibt keine Moral zu verkünden. Die Schilderung der Politiker-Typen, die ich hier vorgenommen habe, ist natürlich hemmungslos überzeichnet, erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und lässt all die Politikerinnen und Politiker außen vor, die fachkundig und gewissenhaft ihre ehrenamtliche Arbeit vollbringen.

Und trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass man in jeder einzelnen Stadt dieses und wahrscheinlich jedes anderen Landes dieser Welt genau solche Politiker-Typen findet. Wetten?

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