Krankenpfleger unter Verdacht: Wurde Schwerstkranke sexuell belästigt?

mlzAmtsgericht Recklinghausen

Eine Schwerstkranke schreibt einem Arzt einen Zettel. Darauf steht: „Der Pfleger hat sich mir genähert.“ Jetzt stand der Beschuldigte vor Gericht – und hat alles bestritten.

Castrop-Rauxel/ Recklinghausen

, 02.11.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ausgerechnet ein Krankenpfleger soll sich an einer schwerstkranken, bettlägerigen Patientin vergangen haben. Im Prozess am Amtsgericht Recklinghausen hat der 46-Jährige aus Castrop-Rauxel den sexuellen Übergriff nun allerdings bestritten. Er will nur gefühlt haben, ob sich die Patientin eingenässt hat.

Patientin kann nicht mehr sprechen

Ob sich der Vorwurf beweisen lässt, ist unklar. Normalerweise müsste die Patientin als Zeugin vernommen werden. Doch das ist aus Sicht des Gerichts zurzeit ausgeschlossen. Die Frau aus Recklinghausen leidet unter ALS, einer unheilbaren Erkrankung des Nervensystems, unter der zum Beispiel auch der Astrophysiker Stephen Hawking gelitten hat.

Nach Angaben ihres Ehemanns kann die Schwerstkranke nicht mehr sprechen, sondern nur noch Sätze in ihr Handy tippen. Außerdem wird sie künstlich beatmet.

Zettel mit krakeliger Schrift

Eine Vernehmung vor Gericht oder in ihrer Wohnung will der Frau aufgrund der aktuellen Corona-Situation niemand zumuten. Sie gilt als Hochrisiko-Patientin.

Der Vorwurf geht zurück auf vergangenen April. Laut Anklage hat der Krankenpfleger sie während seiner Arbeit im Intimbereich berührt. Tatsächlich hatte die Frau damals sofort Alarm geschlagen. Mit extrem krakeliger Schrift (damals konnte sie noch schreiben) hatte sie im Beisein eines Arztes folgende Zeilen auf ein Blatt Papier geschrieben: „Der Pfleger hat sich mir genähert. Ich will nach Hause.“ Auch von „angrabschen“ war die Rede und von „anzüglich“.

"War mir keiner Schuld bewusst"

Einen der Zettel hatte der Pfleger vorher noch abgefangen, zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Der Arzt hatte ihn nach einem Hinweis der Patientin jedoch wieder herausgeholt. „Sie war richtig aufgeregt und ängstlich“, sagte der Mediziner als Zeuge vor Gericht. Er habe dann sofort veranlasst, dass sie nur noch von einer Schwester betreut wird.

Der Angeklagte will gar nicht bestreiten, dass er die Schwerstkranke damals an der Innenseite des Oberschenkels angefasst hat. Allerdings über der Kleidung. Und nur, weil er habe kontrollieren wollen, ob noch alles trocken sei.

Prozess muss neu beginnen

Warum er den Zettel weggeschmissen hat? „Ich war wie vor den Kopf gestoßen“, sagte er den Richtern. „Ich war mir keiner Schuld bewusst.“ Rückblickend sei das natürlich ein Fehler gewesen.

Die Richter haben den Prozess nun erst einmal ohne Urteil beendet. Sobald die Corona-Gefahr eingedämmt ist, soll er neu beginnen. Der Ehemann der Patientin kommentierte das so: "Wenn meine Frau dann noch lebt."

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