„Die Krebsbehandlung ist ein Klacks“, sagt eine Patientin - Spätfolgen sind das Problem

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Silvia G. hat ein zweites Mal Krebs - die Behandlung ist jedoch nicht das Schlimmste an der Erkrankung. Was kommt „nach dem Krebs“? Und: Wird für vermeintlich Gesundete genug getan?

Castrop-Rauxel

, 31.12.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Krebs gilt als Geißel der Menschheit. Jeder 20. Deutsche hatte schon einmal mit einer Form dieser Krankheit zu kämpfen. Bei Frauen handelt es sich dabei mit großer Mehrheit um Brustkrebs, bei Männern um Prostatakrebs. Deutschland gehört zu den Ländern Europas mit den höchsten Überlebensraten, doch auch nach der Diagnose „geheilt“ leben viele Menschen den Rest ihres Lebens mit den Spätfolgen.

So auch Silvia G. aus Castrop-Rauxel. Die 54-Jährige hatte bereits zweimal Brustkrebs, einmal vor neun Jahren und nun erneut im März 2019. „Man rechnet täglich damit, dass er wiederkommt, doch beim zweiten Mal war es noch viel schlimmer“, so Silvia G. „Ich habe immer die Angst, dass der Krebs streut.“

Zukunftsangst, Schmerzen und berufliche Probleme

Erneut erkrankt zu sein, war für die Castrop-Rauxelerin furchtbar - und zwar so sehr, dass sie die psychischen Folgen des Krebs auch nach der Behandlung nicht alleine ertragen konnte. „Die Krebsbehandlung ist dagegen ein Klacks: Man geht ins Krankenhaus und wird operiert“, so die Brustkrebspatientin. Auch die drei Wochen Reha danach halfen ihr. Doch die Panik, die Zukunftsangst, die Frage „Was wird aus meiner Familie, sollte der Krebs gewinnen?“ - die bleibt.

Viele Krebspatienten kämpfen noch Jahre nach der Behandlung mit körperlichen, seelischen und sozialen Spätfolgen. Dazu gehören etwa Organ- und Nervenschäden, Unfruchtbarkeit, Störungen des Stoffwechsels, Knochen- und Muskelschwund, Angst, Depression sowie chronische Schmerzen und Erschöpfung, familiäre und berufliche Probleme - und das Risiko einer erneuten Krebserkrankung.

Psychische Folgen sind gravierend

Dr. Bernadette Gomon, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Castrop-Rauxel, behandelt Castrop-Rauxelerinnen mit Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs. Von einer Heilung spricht sie nicht. „Brustkrebs gilt als chronische Erkrankung und kann eine Frau auch nach 20 Jahren wieder treffen“, so Gomon. In den Mittelpunkt stellt sie besonders die psychischen Spätfolgen: emotionale Beinträchtigung, Erschöpfung und Angststörungen.

„Diese Menschen haben sich in einer lebensbedrohlichen Situation befunden, die psychischen Folgen können gravierend sein.“ Hinzu kämen nach Chemotherapie Sensibilitätsstörungen an Händen und Füßen. Und gegen diese Symptome anzukämpfen, sei auch heute noch schwierig, so Gomon.

Sie selbst biete den Patientinnen Gespräche an und verweise sie an die Fachbereiche. Hier sei besonders die psychotherapeutische Behandlung von großer Wichtigkeit. Denn Auswirkungen wie Angststörungen könne der Frauenarzt zwar anbehandeln, doch langfristig brauche es eine intensive Therapie.

Sport als Therapieansatz

Silvia G. ist heute selbst in psychotherapeutischer Behandlung. Von Krankenkassen und Ärzten fühlt sie sich durchaus gut versorgt, doch es gibt eine andere „Katastrophe“. Nach der Brustoperation sei ihr klar geworden, sie müsse nun etwas machen, um nicht in die Depression zu rutschen so die Castrop-Rauxelerin.

„Fünf Monate musste ich auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten, die meisten Praxen nehmen keine Patienten mehr oder haben immense Wartezeiten“, beschwert sie sich. Heute könnte sie fünf Monate weiter sein, denn die Therapie tut ihr gut. Angst vor dem Sterben hat sie nicht, der psychische Stress kommt aus anderer Richtung: „Schaffe ich es, meine Kinder auf die richtige Bahn zu lenken, sollen meine Eltern irgendwann ihr eigenes Kind beerdigen?“ Depression ist eine kritische Spätfolge, so Silvia G. „Man kommt nicht aus dem Quark.“ Doch dafür hat sie eine Lösung gefunden, und sich aufgerafft.

Gleichgewicht und Selbstvertrauen zurückgewinnen

Seit dem Sommer ist Silvia G. in der Sportgruppe für die Krebsnachsorge der VSG Castrop-Rauxel. Annegret Manthey ist hier seit 30 Jahren ehrenamtliche Übungsleiterin. „Die Gruppe war am Anfang in Recklinghausen auf Frauen mit Brustkrebs spezialisiert, doch schnell haben wir uns auch auf andere Krebsarten erweitert“, so Manthey. Gebärmutterhalskrebs, Darmkrebs oder Kehlkopfkrebs - heute hat sie Überlebende jeglicher Krebsarten in ihrem Sportprogramm.

„Durch die Bestrahlung und die Krebsbehandlung haben die Menschen ein gestörtes Immunsystem, das langsam aufgebaut werden muss. Da hilft nur moderate Ausdauer. Bei der Behandlung von Spätfolgen ist es wichtig, auf die individuellen Folgen des Krebs einzugehen. Frauen, die beispielsweise eine Brust verloren haben, müssen Übungen machen, um ihr Gleichgewicht zurückzugewinnen“, erklärt Manthey.

„Wir stecken in den gleichen Schuhen“

Die Devise ist: wohldosiert. Denn egal ob die Teilnehmer zuvor Sport gemacht haben oder nicht, eine Krebserkrankung ändert alles. „Ich achte bei den Teilnehmern streng darauf, dass sie keine ruckartigen Bewegungen machen, die Atmung kontrollieren, und nicht den Druck verspüren, ein gewisses Pensum erfüllen zu müssen“, betont Manthey.

Wichtig ist der Übungsleiterin, in ihrem Sportangebot nicht nur auf körperliche Einschränkungen zu achten, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten zu trainieren. „Ich variiere das Angebot mit Tänzen, denn da müssen sich die Teilnehmer die Schritte merken und das bringt auch die Gehirntätigkeit in Bewegung“, erklärt Manthey. Eine schwere Folge der Krebsbehandlung sei nämlich auch der teilweise Verlust der Merkfähigkeit.

Eine weitere Folge der Krankheit wird in der Sportgruppe behandelt: das verlorene Selbstvertrauen und Wohlbefinden. „Patienten zweifeln oft an sich“, so Manthey. „Etwas, das immer geklappt hat, geht plötzlich nicht mehr, und das bauen wir zusammen auf.“ In der Gemeinschaft finden die Teilnehmer zudem die Möglichkeit, sich mit Menschen mit einem gleichen Schicksal auszutauschen, sich verstanden und nicht mehr allein in ihrer Situation zu fühlen. Das ist Silvia G. eine große Hilfe: „Ich fühle mich wohl, körperlich und seelisch, und weiß: Wir stecken alle in den gleichen Schuhen.“

Nicht genug Therapiemöglichkeiten und -plätze

Doch die sportliche Therapiemöglichkeit ist bedroht, denn der Nachwuchs fehlt. Manthey wünscht sich, dass sich jüngere Menschen mit einem Übungsleiterschein für die Gruppe finden. Denn eigentlich wollte Manthey die Gruppe bereits verlassen, doch noch hat sich keine Nachfolge gefunden. „Diese Gruppe gibt so vielen Menschen neue Lebensfreude“, so Manthey.

Ein weiterer Wunsch Mantheys ist, das Therapieangebot bekannter zu machen. Hier richtet sie sich an die Ärzte. „Viele wussten nicht, dass es uns gibt. Und hinzu kommt, dass die Krankenkassen die Verordnungen für die Patienten reduzieren, es gibt nur noch eine Erst- und eine Folgeverordnung.“ Auch darum sei ungewiss, ob die Gruppe noch lange existieren könne. Die VSG Castrop-Rauxel setzt dem entgegen, indem er den Mitgliedern auch anbietet, andere Sportkurse belegen zu können, wie etwa Schwimmen und Tanz.

Auch Gomon wünscht sich mehr Unterstützung. „Es mangelt an Therapieplätzen, wir brauchen mehr Psychotherapeuten“, so die Frauenärztin. Die Wartelisten seien monatelang, doch die Therapie sei von immenser Wichtigkeit für Krebsüberlebende, genauso wie Sportangebote, um mit den Spätfolgen umzugehen. Auf Wunsch sei sie bereit, den Patientinnen Rehabilitationssport zu verordnen.

Sport als Krebsnachsorge

Kurs bei der VSG

  • Die VSG Castrop-Rauxel bietet Vereinssport für Jung und Alt an. Ziel ist es,
    Menschen mit und ohne Handicap, Jung und Alt bei sportlicher Aktivität und auch in geselliger Weise Spaß und Lebensfreude zu vermitteln.
  • Der Kurs „Sport als Krebsnachsorge“ findet freitags von 15.30 bis 17 Uhr in der Martin- Luther-King-Schule, Bahnhofstraße 266, statt
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