Über das Leben in einem Unrechts-Regime: „Ich versuche, ein positiver Opa zu sein“

mlzHeribert Rembecki

Der Franziskaner Heribert Rembecki war Weggefährte des Castrop-Rauxeler Ehrenbürgers Hermann Rettler in Brasilien. Jetzt kommt er nach Merklinde. Ein Interview über Seelenheil und Armut.

von Michael Fritsch

Castrop-Rauxel

, 28.07.2019, 16:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Franziskanerpater Heribert Rembecki war ein jahrzehntelanger Weggefährte des Castrop-Rauxeler Ehrenbürgers Bischof Hermann Rettler in Brasilien. Der gebürtige Herner befindet sich zur Zeit auf Heimaturlaub. Am Sonntag, 4. August, um 9.30 Uhr feiert er das Hochamt in Rettlers Heimatgemeinde St. Marien Merklinde. Anschließend stellt sich Rembecki zur Diskussion über aktuelle Fragen von Politik, Kirche und Gesellschaft in Brasilien. Wir sprachen vorab mit ihm.

Pater Heribert, vor 30 Jahren endete die Bischofszeit von Hermann Paschasius Rettler in Bacabal. Was hat sich seither getan?

Der jetzige Bischof, Dom Armando Gutierrez, legt Wert darauf, dass das Andenken an Paschasius Rettler in der Diözese hochgehalten wird. Die Rückführung seiner sterblichen Überreste in das Bischofshaus Porta Aberta im September 2018, steht symbolisch dafür. Hermann Rettler, der erste Bischof von Bacabal von 1968 bis 1990 hat den Grundstein gelegt für eine Pastoral der Armen. Gleichwohl nimmt die allgemeine Erinnerung an ihn nach 30 Jahren natürlich ab.

Stichwort „Option für die Armen“: Was ist aus der Theologie der Befreiung geworden?

Diese Verpflichtung ist heute nicht mehr so stark. Wir haben nicht mehr die „Kirche der Propheten“, die wir vor 30 Jahren hatten. Also die großen Bischofsfiguren wie Dom Helder Camara, Evaristo Arns, Ivo und Aloisio Lorscheider, Pedro Casaldaliga. Da war auch Pascasio Rettler dabei. Die haben zusammengehalten und sich kompromisslos für Gerechtigkeit eingesetzt. Dahinter stand die Idee einer Volkskirche, die nicht so stark den Klerus hervor hebt. Heute gibt es eine neue Situation: Im Mittelpunkt heute steht die charismatische Erneuerung, angelehnt an die Pfingstbewegung. Die charismatische Kirche stellt die Liturgie in den Mittelpunkt. Da geht es weniger um das „Wir“ in den Liedern und Texten, sondern um das „Ich und mein Seelenheil“.

Zur Person

Das ist Heribert Rembecki

  • Heribert Rembecki wurde 1939 in Herne geboren und besuchte dort von 1945 bis 1953 die Volksschule an der Düngelstraße.
  • Unter maßgeblichem Einfluss des Dortmunder Franziskaners Alois Eilers brach Rembecki seine nach der Schulzeit begonnene kaufmännische Lehre ab und wechselte nach Attendorn, um das Abitur nachzuholen und sich dem Franziskanerorden anzuschließen.
  • Nach dem Eintritt in den Franziskanerorden im ostwestfälischen Rietberg 1960 studierte Rembecki in Warendorf und Münster.
  • Er ging 1964 als Missionar nach Brasilien, wo er 1966 in Bacabal zum Priester geweiht wurde.
  • Bis heute ist Rembecki dort seit 55 Jahren in den Amazonas-Bundesstaaten Maranhao und Piaui in zahlreichen Funktionen tätig, unter anderem als Generalvikar von Bischof Rettler bis zu dessen Emeritierung 1990.
  • In diesem Jahr wechselte Rembecki wieder nach Terresina, der Hauptstadt von Piaui, wo er schwerpunktmäßig in der Krankenhausseelsorge tätig ist.

Wie haben sich die äußeren Umstände gewandelt?

Bei aller Korruption in Brasilien, in Bacabal und in Maranhao: Es sind deutlich bessere Straßen da als vor 50 Jahren, als Bischof Pascasio kam. Im letzten Jahr war ich in Lago da Pedre, das ich zum ersten Mal am 30. November 1973 besucht hatte. Das war in der Regenzeit. Ich bin damals 78 Kilometer hingeritten, der Hintern war wund. Damals haben sie mir erzählt: Hier kommt bald eine Straße hin. Ich sagte nur: Hoffentlich kommt sie bald. Am 21. April 2018 war ich wieder da. Fast vollständig über eine Asphaltstraße, in 45 Minuten. Es fehlen nur noch fünf Kilometer.

Wie geht es der Bevölkerung?

Ein Großteil der Landbevölkerung, für die wir damals gekämpft haben, ist weggezogen. Die Landkonflikte wurden weniger, die Älteren bekamen mit 65 Rente. Die mussten sie erst in Bacabal holen, oder in anderen Städten. Sie wollten keinen so langen Anfahrtsweg mehr und sind in die Städte gezogen. Insbesondere in der Zeit von Präsident Luiz Inacio Lula, der die Armen unterstützt hat durch Kindergeld und Schulgeld, sind viele in die Stadt gezogen. Dort gibt‘s Strom, Schule, Krankenhaus. Wenn auch nicht immer alles funktioniert, so doch besser als im Hinterland. Lula hat 30 Millionen Menschen aus der größten Armut heraus geholt. Das muss man anerkennen. Die Rechte hat bis heute nicht verziehen, dass ein einfacher Mann mit vier Volksschuljahren ins Präsidentenamt gelangt ist. Er hat allerdings Charisma und kann es mit jedem aufnehmen.

Über das Leben in einem Unrechts-Regime: „Ich versuche, ein positiver Opa zu sein“

Bei der Bischofsweihe 1968: Bischof Rettler (M.) © Archiv St. Marien

Jetzt hat Brasilien einen neuen rechten Präsidenten...

Das hat die Rechte so hingebogen. Der ganze Prozess des Lava Jato (politische Reinigung, die Red.) hat einzig und allein zum Ziel gehabt, Lula von der Wahl fernzuhalten. Wenn er Kandidat gewesen wäre, wäre er mit Sicherheit mit großer Mehrheit gewählt worden. Das wollten sie vermeiden, deshalb haben sie ihn ins Gefängnis gesteckt. Die Proteste werden immer lauter. Jüngste Enthüllungen zeigen, dass Justizminister Sergio Moro mit illegalen Mitteln gearbeitet hat. Jair Bolsonaro ist ein fürchterlicher Militärkopp. Der hat bei Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Roussef 2016 noch die Folterknechte von 1964 als „Helden des Vaterlandes“ bezeichnet. Er ist gegen Schwarze, gegen Indigene, gegen die Leute aus dem Nordosten. Jetzt möchte er, dass bei der Amazonas-Synode im Herbst unbedingt Regierungsmitglieder dabei sein sollen. Das ist aber eine rein interne kirchliche Angelegenheit. Die Rechtsstaatlichkeit ist über den Haufen geworfen. Prozess Lava Jato ist eine Schande für den Rechtsstaat.

Sie sind gerade 80 geworden. Was sind Ihre persönlichen Ziele und Wünsche?

Ich habe schon vor Jahren gesagt: Ich erwarte keinen Lohn. Ein frohes Kinderlachen ist mein schönster Lohn. Ich mache jetzt in Terresina wieder Haus- und Krankenbesuche und begleite die franziskanische Gemeinschaft. Außerdem werde wieder in dem Krankenhaus arbeiten, wo ich schon mal war. Rückblickend würde ich das Meiste wieder so machen. Ich versuche, ein positiver Opa zu sein und nicht die Arbeit der jungen Mitbrüder zu kritisieren.

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