Lehrer warten auf ihr Gehalt – „Das ist für mich ein Grund zu streiken“

mlzVerzögerte Lohnzahlungen

Lehrer, die neu in den Dienst starten, bekommen teilweise in den ersten Monaten kein Geld überwiesen. Ein Problem, das seinen Ursprung nicht in der Corona-Krise zu haben scheint.

Castrop-Rauxel

, 24.05.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fragt man Lehrer, was die Vorteile ihres Berufs sind, nennen zumindest verbeamtete Lehrer häufig die Absicherung, die sichere Bezahlung. Die scheint für Lehrer in NRW, die gerade frisch aus dem Referendariat kommen, allerdings nicht unbedingt sicher zu sein, berichten einige junge Lehrer.

So sei einem Lehrer aus Castrop-Rauxel, der im April sein Referendariat beendet und im Mai eine Planstelle an einer Hauptschule angetreten hat, telefonisch mitgeteilt worden, er solle sich darauf einstellen, im Mai und Juni kein Geld überwiesen zu bekommen. Am anderen Ende der Leitung war ein Mitarbeiter des Landesamts für Besoldung und Versorgung (LBV).

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Als Grund für die Verzögerung sei ihm genannt worden, dass im April so viele Referendare fertig geworden seien, dass die Bearbeitung dauere, erzählt der Lehrer. Er möchte seinen Namen ebenso wie die später in diesem Artikel erwähnten Lehrerinnen nicht veröffentlicht sehen.

Andere Lehrer warten ebenfalls auf ihr Geld

Angehende Lehrer starten zu festen Terminen in ihr heute noch 18-monatiges Referendariat und werden, wenn sie ihre Prüfung bestehen, in etwa gleichen Zeitfenstern fertig. „Eigentlich ließe sich das auch für das LBV gut planen“, findet der Jung-Lehrer. Von anderen ehemaligen Referendaren aus seiner Seminar-Gruppe habe er aber gehört, dass sie ebenfalls auf ihr Geld warten müssen.

Eigentlich kann der junge Lehrer aus Castrop-Rauxel nicht länger auf sein Gehalt warten. Bei ihm ist es finanziell eng. Er muss seine Miete, Versicherung und die Kosten für sein Auto, das er benötigt, um seine neue Arbeitsstelle zu erreichen, bezahlen. „Im Referendariat verdient man auch nicht so viel, dass ich etwas ansparen konnte. Wenn ich Ende des Monats nichts bekommen sollte, weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie ich den darauffolgenden Monat überstehen soll“, sagt der Castrop-Rauxeler.

In NRW verdienen angehende Lehrer im Referendariat seit dem 1. Januar 2020 zwischen 1500,37 Euro und 1533,28 im Monat. Je nachdem auf welche Schulform sie vorbereitet werden. Zuvor bekamen sie zwischen 1400,37 Euro und 1469,43 Euro pro Monat.

Bochumer Lehrerin wartete zwei Monate auf ihr Gehalt

Dass die Lehrer aktuell teilweise auf ihr Gehalt warten, scheint nicht mit einer Überlastung des LBV wegen des Coronavirus zusammenhängen, sondern vielmehr ein unter Lehrern schon länger bekanntes Problem zu sein. Eine Lehrerin an einem Bochumer Gymnasium, die ihre erste Stelle 2018 als Vertretungslehrerin angetreten hatte, wartete zwei Monate auf ihr Gehalt. Sie habe vorher immerhin einen Abschlag gezahlt bekommen. Mit ihrem ersten Gehalt habe sie dann die ausgebliebene Lohnzahlung erhalten, erzählt sie.

Als sie später ihre Stelle wechselte, musste sie wieder auf ihr Gehalt warten. „Es ist ein komisches Gefühl, zwei, drei Monate volle Arbeitskraft zu leisten und dafür nicht entlohnt zu werden“, sagt die Lehrerin.

Sie sei sich bewusst, dass Lehrer eine privilegierte Stellung hätten – gerade zu Coronazeiten –, aber „von uns wird immer Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Engagement gefordert, gleichzeitig bringt man uns das nicht entgegen“, sagt die Lehrerin.

„Immer mal wieder erreichen uns Klagen von Berufseinsteigern“

Eine neue Kollegin von ihr wartete fast drei Monate auf ihr erstes Gehalt. „Ich hatte mich schon darauf eingestellt“, sagt die. „Andere Lehrer hatten mir im Referendariat erzählt, dass es auch bei ihnen gedauert habe. Wäre das noch länger gegangen, hätte ich wohl meine Eltern um Unterstützung bitten müssen.“ Erst als sie sich telefonisch beschwerte, bewegte sich etwas.

„Immer wieder mal erreichen uns Klagen von Berufseinsteigern, dass die Zahlung der Bezüge nicht pünktlich erfolgt und die Mitteilung über die Besoldungsabrechnung sich verzögert“, sagt Berthold Paschert, Pressesprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW. Nach eigenen Angaben vertritt die Gewerkschaft in NRW 49.000 Lehrer und Erzieher.

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Das LBV müsse in der Lage sein, zumindest eine Abschlagszahlung als Überbrückung vorzunehmen, sagt Paschert. Das setze eine zügige Datenverarbeitung voraus. „Hier darf es eigentlich keine Probleme geben, da die wesentlichen Daten ja vorliegen. Schließlich wurden fast alle Berufseinsteiger ja auch zuvor vom LBV bezahlt.“

Lediglich in Einzelfällen könne es zu Verzögerungen kommen

Das Landesamt für Besoldung und Versorgung NRW antwortet auf eine Anfrage dieser Redaktion schriftlich: „Beim Übergang vom Referendariat zu einem regulären Dienst- bzw. Beschäftigungsverhältnis kann das LBV NRW erst dann Bezüge auszahlen, wenn es die Mitteilung über die Weiterbeschäftigung der entsprechenden Lehrkraft zur Verfügung gestellt bekommt.“

In diesem Zusammenhang zahle das LBV die Bezüge in den allermeisten Fällen pünktlich aus, heißt es vonseiten der Behörde. Bei Neueinstellungen würden zudem vorläufige Abschlagszahlungen angewiesen. „Lediglich in Einzelfällen kann es zu Verzögerungen bei der Auszahlung der Bezüge kommen.“

Der Neu-Lehrer aus Castrop-Rauxel findet: „Es kann nicht sein, dass das Land es nicht schafft, seine Lehrer rechtzeitig zu bezahlen. Verbeamtete Lehrer dürfen dann ja noch nicht einmal streiken, dabei ist das für mich ein Grund zu streiken.“

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