Sie sind Lehrer an einer Gesamtschule in Bottrop und bauen nun eine neue Gesamtschule in Ickern auf: Dr. Kerstin Bröker und Thomas Spieß. Wir befragten sie, was hinter ihrem Konzept "Bewegte Schule" steckt. © privat
Neue Gesamtschule Ickern

Lernen am Stehtisch, Mathe mit Seilchen: So wird die neue Gesamtschule

Dr. Kerstin Bröker und Holger Spieß, Lehrer in Bottrop, helfen beim Aufbau der neuen Gesamtschule Ickern. Sie sind Verfechter der Idee „Bewegte Schule“ und füllen das Motto im Interview mit Leben.

Eine neue Gesamtschule für Ickern geht im kommenden Sommer an den Start. Sie tritt an die Stelle einer Gesamtschule, die erst vor wenigen Jahren geschlossen wurde – aber sie wird ganz anders. Auch anders als die Willy-Brandt-Gesamtschule. Dabei orientiert sie sich sehr am Elternwillen. Und an den Ideen, die zwei Lehrer aus Bottrop einbringen.

Dr. Kerstin Bröker ist stellvertretende Schulleiterin an der Willy-Brandt-Gesamtschule Bottrop und Lehrerin für Mathe und Deutsch. Sie hat mit ihrem Kollegen Holger Spieß (Sportlehrer) das Konzept der „Bewegten Schule“ ausgearbeitet.

Im Interview mit unserer Redaktion erklären sie, was sie damit meinen, wie man Rechnen beim Balancieren auf einem Zahlenstrahl lernt, zappelnde Kinder ruhig stellt und warum der Standort Aapwiesen Ickern für Sie perfekt ist.

Wie haben Sie die Stimmung am Wochenende beim „Barcamp zur Neuen Gesamtschule Ickern“ empfunden?

Bröker: Sehr positiv. Wir haben eine Session zur bewegten Schule geleitet, eine angeregte Diskussion, einen tollen Austausch über 45 Minuten mit 30 Personen. Wir haben viele Anregungen aufgenommen.
Spieß: Die Erwartung der Leute kam gut rüber: Wir haben mit „Bewegte Schule“ etwas, das es nicht überall gibt. Mit Bewegung kann jeder etwas verbinden, wenn auch mit unterschiedlichen Intentionen. Viele Interessenten haben sich bestätigt gefühlt in der Art, wie wir das auf den Weg bringen wollen – eine bewegte Schule für alle, kein Ausbildungszentrum für Leistungssportler.

Wer waren die Teilnehmer?

Bröker: Einige Kommunalpolitiker, aber ansonsten durchweg Eltern. Wir haben das Konzept vorgestellt. Dann gab es Anregungen und Nachfragen. Sie haben durchweg zurückgemeldet, dass sie das sehr überzeugend fanden. Einige haben direkt gefragt, wann sie ihre Kinder anmelden können. Diese Gesamtschule war ein Wunsch der Elternschaft, das hat man gemerkt. Es ist keine willkürliche Schulgründung. Dieser Wunsch, und das ist für uns als Team sehr wertvoll, hat uns viel Rückenwind gegeben.

So soll die neue Gesamtschule Ickern aussehen, wenn sie im Sommer 2021 eröffnet wird.
So soll die neue Gesamtschule Ickern aussehen, wenn sie im Sommer 2021 eröffnet wird. © Quelle Stadt © Quelle Stadt

Woher kommt „Bewegte Schule“ als Motto?

Spieß: Das ist unsere Idee. Ich bin Sportlehrer, Frau Dr. Bröker unterrichtet zwar Mathe und Deutsch, aber ist sportaffin. Ich war in einer Grundschule, einer Realschule, einem Gymnasium und bin nun an der Gesamtschule, habe also viele Schulen kennengelernt. Bewegung hat überall positiv und lernförderlich gewirkt. Aber auch emotional-sozial gibt es mit Bewegung einen Kompetenzerwerb, wenn sie in den Schulalltag integriert ist. Der Faktor Gesundheitsorientierung ist ohnehin gesetzt.
Bröker: Ich integriere seit Jahren Bewegung in meinen Unterricht und konnte stets positive Erfolge erkennen. Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche mit Bewegung effektiver Lernen.
Spieß: Das Konzept ist nicht aus dem Bauch heraus entstanden. Wir kooperieren mit vielen anderen, mit Universitäten zum Beispiel, die evaluieren, was Kindern gut tut. Für uns ist wichtig, die Bedürfnisse der Kinder abzuklopfen. Wir fragen sie: Hat euch das, was wir gerade gemacht haben, gut getan? Hat es beim Lernen geholfen? Diese Fragen kommen oft zu kurz, aber sie sind wichtig.
Bröker: Wir gucken, welche Lernerfolge wir messen können. Die Schüler stehen für uns im Mittelpunkt, wir beziehen sie immer ein.

Gibt es das anderswo in dieser Form schon? Folgen Sie Vorbildern?

Spieß: Eines ist klar, auch wissenschaftlich belegt: Die Entwicklung der Kinder hängt am Tropf der Bewegung. Es gibt Schulen, die sich der Bewegung schon heute bedienen. Wie wir das hier in Ickern machen, so gibt es das aber noch nicht. Wir haben ein eigenes Konzept. Aber es gibt Parallelen zu anderen, man möchte ja auch kein Alleinreiter sein.

Also ist es in gewisser Weise ein Experiment…

Bröker: Definitiv nicht. Wir haben eine große Verantwortung für die Kinder. Uns ist klar, in welchem Rahmen das ablaufen kann, also ist es ein Konzept, aber kein Experiment. Im Vordergrund stehen der Kompetenzerwerb und eine individuell erfolgreiche Schullaufbahn.

Frau Bröker, wie sieht Bewegung in Mathe und Deutsch konkret aus?

Bröker: In meiner 5. Klasse geht es gerade um Dreiecke und Rechtecke. Die Schüler bewegen sich durch den Raum mit Seilen, legen Formen, variieren mit der Länge der Seile. Beim Kopfrechnen laufen sie auf einem Seil, das auf dem Boden liegt, statt am Tisch zu sitzen. Sie konzentrieren sich dabei stärker. Oder wir haben verschiedene Dinge mit einem Zahlenstrahl ausprobiert. Wir arbeiten also nicht nur im Kopf, sondern unterstreichen das mit Bewegung.
Spieß: Bewegte Schule geht noch einen Schritt weiter: Wir beide haben einen Schüler, der Probleme hat, längere Zeit zu sitzen und konzentriert zu arbeiten. Wir haben dem Schüler nun einen Stehtisch hingestellt. Man hätte ihn sonst 30 Mal in einer Schulstunde ermahnen können, aber das hätte immer eine Störung bedeutet. Nun kann er sich bewegen – und ist viel ruhiger geworden.
Bröker: So profitiert sowohl der einzelne Schüler in seinem Lernen als auch die Lerngruppe. Hier spielt natürlich auch Lehrergesundheit eine Rolle.

Spieß: Wir hatten mal einen Cajon-Workshop, Technik und Musik greifen da ins Sportive. Es hieß vorher: Ihr seid verrückt! Wenn die alle Cajons bauen, ist es laut und hektisch! Aber nein: Sie haben konzentriert daran gearbeitet. Mit den selbst erstellen Trommeln haben sie hinterher musiziert. Klar, da war viel los, aber durch die Bewegung war es insgesamt ein ruhiger Ablauf.
Bröker: Die Mittagspause ist wichtig. Darum gibt es unterschiedliche Flächen und Bereiche auf dem Schulhof. Manche Kinder wollen klettern und rennen, andere sitzen. Es wird keine festen Spielgeräte geben, sondern wir werden es so einrichten, dass man umbauen kann, mit wenig Zeitaufwand, mit den Schülern. Man holt Material und bietet den Kindern eine Stunde lang verschiedene Möglichkeiten an.

Wie finden Sie in Ickern das Umfeld und das alte Schulgebäude? Eher: angestaubt und alt oder: Wow, das bietet viele Möglichkeiten!

Bröker: Wir waren mehrmals dort und dachten nur: Wow, hier kann man richtig was machen. Es gibt verschiedene Schulhofbereiche. Das Gebäude ist zwar lang und breit, aber komplett verbunden. Man schaut aus ganz vielen Fenstern auf Wiesen und Bäume. Das ist wichtig: Es kann das für Ruhe und Wohlbefinden sorgen.
Spieß: Mit der Sporthalle ist man verwöhnt, die ist ja von 2015 und bietet eine ganze Menge Möglichkeiten. Aber es ist die Einheit, die überzeugt: Die Rasenflächen, auf die man ausweichen kann, ein wunderbares Pausensport-Angebot ist denkbar, aber die Schülerinnen und Schüler können sich auch wunderbar hinsetzen und das Schulradio anhören, das über die Lautsprecher läuft. Es wird ein Kiosk gebaut und in die Schullandschaft eingepflegt.
Bröker: Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung als Schulträger ist optimal. Klassenräume werden mit digitalen Tafeln und verschiedenen flexiblen Möbeln ausgestattet, Differenzierungsräume sind vorhanden.

Dabei hat man hier eine Gesamtschule gerade erst zugemacht. Spielt das für Sie eine Rolle?

Bröker: Es geht hier nicht um eine Wiedereröffnung, sondern eine Neugründung. Zu der damaligen Zeit gab es Gründe für die Schließung, aber die Neugründung geschieht auf der Basis mehrerer Elternbefragungen. Der Wunsch ist klar geäußert worden. Das bewegt uns, für den Stadtteil die Schule neu zu konstituieren.

Ist die Zeit für Sie zu knapp?

Bröker: Ich bin fest davon überzeugt, dass es kein Zeitproblem geben wird. Viele Dinge sind baulich schon angedacht. Ich bin seit mehreren Jahren in der Schulleitung tätig, Herr Spieß hat viele Schulen erlebt. Wir kennen solche Abläufe also und sehen kein Problem.
Spieß: Frau Kleffs Einstein-Zitat von Samstag fällt mir dazu ein, das ich richtig gut finde: „Wir müssen sowieso denken, warum dann nicht gleich positiv?“ Bei der Anmeldung im Januar werden Eltern und Kinder voller Erwartungen aufs Gelände kommen. Es steckt mehr dahinter als nur das Gebäude zu sehen, es kommt auch aufs Gefühl an. Wir sind überzeugt, dass das gut wird.

Ab welcher Anmeldezahl wären sie zufrieden, wann wären Sie enttäuscht?

Bröker: Enttäuschung gibt es nicht. Wir sollten die Vierzügigkeit hinkriegen, aber das werden wir auch schaffen. Über den engen Austausch mit Frau Kleff wissen wir über die vielen positiven Rückmeldungen vor allem der letzten Tage. Das wird ein positiver Start in ein neues Jahr und ein neues Schuljahr werden mit einer neuen Gesamtschule in Ickern, die im Schuljahr 2021/2022 ihre Tore öffnen wird. Und wir freuen uns, an dieser Schulgründung mitwirken zu dürfen.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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