„Man sollte nicht die Prinzessin geben“ - So ist es, als Frau im Männer-Knast zu arbeiten

mlzKnast-Serie

Kathrin Rüping und Laura Richter begegnen täglich teils schwerkriminellen Männern. Sie arbeiten in der JVA und kennen die Klischees über die Arbeit im Knast. Sie sagen: Es ist ihr Traumjob.

Ickern

, 03.09.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das, was sie macht, sei für niemanden der Traumberuf. Kathrin Rüping (46) arbeitet seit 1996 im offenen Strafvollzug. Sie ist Beamtin im Allgemeinen Vollzugsdienst. „Ich bin zufällig in den Beruf geschlittert und habe es nie bereut. Es ist mein absoluter Traumjob geworden.“

Wenn Laura Richter (26) von ihrem Job als Sozialarbeiterin im Gefängnis erzählt, wird sie oft gefragt, wie das denn funktionieren würde, so als Frau im Männer-Strafvollzug. Oder ob sie nicht ständig angemacht werde. „Der Job ist auf jeden Fall das, was ich immer machen wollte“, sagt sie.

Als Frau im Männerknast - Kampf gegen die Klischees

Kathrin Rüping und Laura Richter arbeiten in der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel, dem Meisenhof in Ickern. Sie kennen die Vorurteile über die Arbeit im Knast - besonders als Frau im Männervollzug. Sich jeden Tag aufs Neue beweisen und jeden Tag aufs Neue den eigenen Standpunkt klar machen müssen: Das gehört für die zwei Frauen zum Alltag.

Kathrin Rüping ist seit zwei Jahren Bereichsleiterin in der JVA. Der Job sei für kaum einen der Traumberuf, weil so wenig darüber bekannt sei. „Die Menschen kennen nur die Klischees aus Serien“, sagt sie. „Das ist aber nicht die Realität. Wir prügeln uns hier nicht durch den Vollzug.“

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„Ich bin keine zwei Meter groß und nicht besonders gewalttätig“

Wenn sie mit Fremden über die Arbeit spricht, ist das erste, was Rüping zu hören bekommt: „Aber mit Frauen, oder!?“ Die Frau mit den langen Haaren passt nicht in die Schublade einer JVA-Bediensteten. „Ich bin keine zwei Meter groß, wirke nicht besonders gewalttätig, bin es auch nicht, trage keinen Vollbart und hasse keine Männer. Das sind die üblichen Klischees.“

Laura Richter hat sich bewusst für den Beruf der Sozialarbeiterin entschieden - auch bewusst dafür, im Knast zu arbeiten. Seit 2015 ist sie in Castrop-Rauxel tätig. Vorher hat sie in Köln in der freiwilligen Straffälligenhilfe gearbeitet.

Die Gefangenen zeigen sich von zwei Seiten

Auch Laura Richter kennt die Vorurteile. Aber Probleme mit den Häftlingen hatte sie noch nie. Bei ihr zeigen sich die Gefangenen meistens von ihrer besten Seite. Denn wenn sie bei Richter im Büro sitzen, haben sie meistens ein Anliegen oder ein Problem, bei dem die 26-Jährige helfen soll.

„Es geht viel um Entlassungsvorbereitung, Wohnungssuche und Arbeitsplatzsuche“, erzählt sie. Es sind keine Pflichttermine - die Männer möchten zu ihr ins Büro. „Hier verhalten sie sich anders als bei Pflichtterminen wie der abendlichen Zählung.“

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Die Häftlinge können auch anders. „Es gibt Gefangene, die meinen, dass Frauen eher bequatscht werden können als Männer. Ich bin zwar eine Frau, aber das tut nichts zur Sache. Man muss seinen Standpunkt gegenüber den Gefangenen klar machen“, erzählt Kathrin Rüping. Man müsse die Grenzen ganz klar und sehr deutlich ziehen. Dann würde es auch keine Probleme mit den männlichen Gefangenen geben.

Frauen müssen die Grenzen strenger ziehen

Im Gegensatz zu den männlichen Kollegen müssten die Frauen im AVD (Allgemeiner Vollzugsdienst) die Grenzen oft strenger ziehen. „Es gibt immer Gefangene, die das schlecht akzeptieren können, aus den verschiedensten Gründen. Das ist eine Herausforderung, und so wird die Arbeit nie langweilig“, sagt Rüping.

Auch Laura Richter weiß, dass sich Angestellte in der JVA jeden Tag aufs Neue behaupten müssen. „Man muss bei seinem Standpunkt bleiben und darf nicht ins Schwanken geraten.“ Das würde sich auch bei den Gefangenen rumsprechen.

Zahlen

Frauen im Männervollzug

  • Seit dem 1. September 1994 werden Frauen im geschlossenen Männervollzug eingesetzt. Inzwischen gelten Frauen im Männervollzug als Selbstverständlichkeit.
  • Im Justizvollzug in NRW arbeiten etwa 28 Prozent weibliche Bedienstete. Das teilt das Ministerium der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen mit.
  • Der Anteil im Allgemeinen Vollzugsdienst (AVD) beträgt etwa 21 Prozent.

Frauen waren Exoten im Knast

Für Kathrin Rüping ist es jedoch schwierig, sich einen Ruf bei den Gefangenen zu erarbeiten. Sie arbeitet im kurzstrafigen Bereich, in den Häusern ist ständiger Durchgang. „Wenn man mit Menschen arbeitet, ist das immer eine Herausforderung. Da gehört es auch dazu, sich immer wieder neu beweisen zu müssen.“

Als Rüping im Jahr 1996 in der JVA Castrop-Rauxel anfing, wurde sie von manchen männlichen Kollegen belächelt. Zu dieser Zeit waren Frauen im Männervollzug Exoten. „Für viele war das eine persönliche Niederlage, dass sich Frauen in dieser Männerdomäne breit machen. Die fanden das richtig doof.“

Frauen sollten sich nicht wie Prinzessinnen verhalten

Aber inzwischen sei das zur Normalität geworden. Viele Probleme, die damals beschrien wurden, seien nicht eingetreten. Es sei einfach ganz normal geworden.

„Natürlich kann ich als Frau nicht die Prinzessin geben und mich nicht dreckig machen wollen. Ich glaube, Frauen, die hier anfangen, müssen auch bereit sein anzupacken. Hier die Diva zu geben, ist nicht so passend“, sagt Kathrin Rüping.

„Man sollte nicht die Prinzessin geben“ - So ist es, als Frau im Männer-Knast zu arbeiten

Die JVA Meisenhof. Blick auf die Pforte. © Marcel Witte

Angst hatten die Frauen nie - das würde nicht funktionieren

„Frauen haben sich im Männervollzug bewährt. Auch unter den männlichen Kollegen“, erzählt Rüping. Professionalität mache den Unterschied. „Ich mache meine Arbeit genauso gut wie die männlichen Kollegen. Klar bin ich eine Frau, das sieht auch jeder. Aber das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun.“

Angst hatten die beiden Frauen während der Arbeit noch nie. „Wenn man wirklich Angst hat, kann man den Job nicht machen“, sagt Rüping. Auch wenn die Taten mancher Häftlinge wirklich schrecklich und teilweise schräg seien, „stellt man irgendwann fest, dass es sich überwiegend um normale Menschen handelt. Das wird einfach zur Normalität.“

Die Arbeit in der JVA hat auch einen Vorteil: Hier wissen die Bediensteten, wer ihnen gegenüber steht. „Wenn ich in die Stadt gehe, weiß ich nicht, wer da neben mir steht“, sagt die JVA-Bedienstete.

„Man sollte nicht die Prinzessin geben“ - So ist es, als Frau im Männer-Knast zu arbeiten

Die JVA von oben. © Foto: JVA, Grafik: Martin Klose

Es sind nicht nur nette Menschen im Knast

Und dennoch vergisst Laura Richter nie, wo sie arbeitet. „Man muss das immer im Hinterkopf behalten und sich mit einer gewissen Vorsicht bewegen. Es muss klar sein, dass hier nicht nur nette Menschen in der JVA sind.“ Aber Angst habe sie nicht, das sei einfach fehl am Platz.

Für Richter war es wichtig, sich von Anfang an ein Netzwerk aufzubauen. Damit sie weiß, wann und wo welche Kollegen sind und wen sie im Notfall ansprechen kann. „Denn ich habe nicht die Ausbildung zum AVD durchlaufen und kenne die Sicherungstechniken nicht. Wenn es ein Gefangener darauf anlegt, bin ich auf Hilfe angewiesen.“ Trotzdem gehe Laura Richter nie mit Angst in ein Gespräch. Sie vertraut ihren Kollegen.

KNAST-SERIE

HINTER DEN GITTERN DES MEISENHOFS

  • In dieser Serie sprechen wir mit verurteilten Straftätern und Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel.
  • Wir wollen den Menschen in der Stadt so einen Einblick in das Leben hinter den Mauern des Meisenhofs geben.
  • *Alle Namen der Inhaftierten in dieser Serie wurden durch die Redaktion geändert.
  • Häftlinge beschreiben in der Serie ihre Straftaten, wie sie selbst sie in Erinnerung haben. Zum Schutz der Opfer und Angehörigen haben wir keine weiteren Recherchen unternommen, um auch sie zu befragen.
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