Mehr häusliche Gewalt: Corona macht Außenstelle des Frauenhauses nötig

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Häusliche Gewalt hat während des Lockdowns in der Corona-Krise zugenommen. Mit der Folge, dass in Castrop-Rauxel eine Art Dependance des Frauenhauses an den Start gegangen ist.

Castrop-Rauxel

, 22.06.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Ja“, sagt Castrop-Rauxels Frauenhaus-Chefin Katrin Lasser-Moryson: Corona-bedingt hätten Fälle häuslicher Gewalt besonders auf Kosten von Frauen und Kindern zugenommen. Allerdings mit einer gewissen Zeitverzögerung – aber durchaus auch parallel. Dann mit Todesfolgen. „In Herne, in München, in anderen Städten“, sagt Katrin Lasser-Moryson, seien die Streitigkeiten derart eskaliert, dass die Frauen sie mit ihrem Leben bezahlten.

Das Frauenhaus in Castrop-Rauxel ist einmal mehr bis an die Oberkante belegt. Das geht auch anderen Frauenhäusern über die Region hinaus so. Mit der Folge, dass im Frühjahr dieses Jahres ein neues Gebäude im Kreisgebiet Recklinghausen zur Verfügung gestellt wurde, um mehr Frauen und Kindern in tiefer Not und Existenzangst aufnehmen zu können.

„Wir können doch nicht einfach die Augen verschließen“

Das Coronavirus allerdings machte einen Strich durch diese Hilfs-Offensive. „Andere Frauenhäuser berieten nicht mehr – auch aus Unsicherheit“, sagt Lasser-Moryson. Und hätten auch keine Frauen mehr aufgenommen. Im Vordergrund stand da wohl die verordnete 14-tägige Quarantäne bei Neuaufnahmen.

Für den Trägerverein Frauen helfen Frauen und das Frauenhaus selbst war diese Zurückhaltung keine Option. „Wir können doch nicht einfach die Augen verschließen“, erklärt die 42-Jährige.

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Und weil die Stadt, hier vor allem Sozialdezernentin Regina Kleff und ihr Team, das genauso gesehen hätten, sei es möglich gewesen, eine weitere Außenstelle zur Verfügung zu stellen. Acht Plätze als Dach über dem Kopf in einem städtischen Gebäude. Alle sind belegt. Ob diese zweite Unterkunft eine Dauerlösung ist, sei aber mal dahingestellt. Eventuell ist ein anderes städtisches Gebäude noch eine Option.

Der Dank richtet sich an die Stadt und an ein Möbelhaus

„Wir sagen an dieser Stelle nicht nur der Stadt Dankeschön, sondern auch Ikea. Ohne die schnelle Hilfe des Möbelhauses, das neben Mobiliar auch Deko und Kuscheltiere spendete, wäre es nicht möglich gewesen, die Räumlichkeiten entsprechend ausstatten zu können“, sagt Katrin Lasser-Moryson.

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Die Meldung über freie Plätze in einem Frauenhaus kommt übrigens über die Adresse „Frauen-info-netz.de“. Die Castrop-Rauxeler Einrichtung hatte, als klar war, dass es eine weitere Außenstelle geben wird, „grün“ signalisiert. Grün wie freie Plätze. Gelb bedeutet „ein bisschen Platz“; Rot heißt, „Hier geht gar nichts mehr“. Die freien Plätze waren sehr schnell belegt. Für das Mitarbeiter-Team bedeutet das natürlich Mehraufwand.

In der Belastungssituation wurde eine Alkoholikerin rückfällig

Bei Ausbruch der Pandemie und im weiteren Verlauf sei es zunächst sehr ruhig gewesen. „Die Ruhe vor dem Sturm“, beschreibt Mitarbeiterin Ann-Kathrin Bludau. Die Hygieneregeln seien eine große Herausforderung gewesen, dazu der enge Raum mit vielen Menschen und die Kontaktverbote.

Eine Alkoholikerin unter den Bewohnerinnen sei rückfällig geworden, sie werde eine Therapie beginnen. Das Team selbst habe so gearbeitet, dass im Falle einer Ansteckung immer jemand zum Einspringen bereit gestanden hätte.

Frauenhäuser gehörten dem Krisenstab zu Corona an

„Gut aufgestellt waren und sind wir im Frauenhaus mit der Masken-Versorgung,“ sagt Ann-Kathrin Bludau. Jede Bewohnerin habe außerdem ein Buch mit Ansagen und Tipps zum Umgang mit Corona bekommen, ergänzt Katrin Lasser-Moryson.

Wohnungsbesichtigungen waren während der Beschränkungen nicht möglich. Wenn denn überhaupt eigene Wohnungen für die Bewohnerinnen erreichbar sind, was seit Jahren ein Riesenproblem ist, weil viele Vermieter nicht an Frauen mit staatlicher Hilfe zum Lebensunterhalt vermieten.

Barrierefreie Unterkunft steht auf der Wunschliste

Und wie geht es perspektivisch weiter? Trägerverein und Frauenhaus erwägen schon seit geraumer Zeit einen möglichen Umzug. Aber ein geeignetes Objekt ist noch nicht gefunden.

Frauenhaus ist auf Spenden angewiesen

  • Der Verein Frauen helfen Frauen, Träger des Frauenhauses muss jährlich 2o Prozent der Kosten selbst aufbringen. Deshalb sind Spenden essentiell notwendig. In den zurückliegenden Jahren war das Frauenhaus zum Teil sogar zu deutlich über 100 Prozent belegt. Auch Absagen sind eigentlich an der Tagesordnung. Im Jahr 2018 etwa musste 276 Frauen abgesagt werden.
  • Seine im Frühjahr terminierte Jahreshauptversammlung musste der Verein Corona-bedingt absagen. Sie wird nachgeholt.
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