Mit der Hochzeitskutsche vom Standesamt zum Krankenhaus

mlzHochzeit in Corona-Zeiten

Statt eines Krankenwagens ist am Freitag (5.6.) eine Hochzeitskutsche vor dem evangelischen Krankenhaus vorgefahren. Das Paar war direkt aus dem Standesamt gekommen.

Castrop-Rauxel

, 08.06.2020, 18:12 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn Autos am Evangelischen Krankenhaus (EvK) vorfahren, sind das in der Regel Patienten, die von Angehörigen zur Aufnahme gebracht werden. Oder Besucher, die mit dem Taxi kommen. Oder Rettungsfahrzeuge. Dass eine Hochzeitskutsche an der Klinik vorfährt, ist wohl ein ziemlich einmaliges Ereignis, das auch den Chefarzt der Viszeralchirurgie am Freitag (5.6.) erst mal erstaunen lässt

„Ich sitze in meinem Büro und schaue versonnen aus dem Fenster, da fährt auf einmal eine Hochzeitskutsche bei uns im Krankenhaus vor“, schreibt Dr. Christian Kühne in einer Castrop-Rauxeler Facebook-Gruppe. „Träume ich? Nein, ein strahlendes Brautpaar steigt aus und winkt zu einem unserer Patientenzimmer hoch.“

Einer fehlte beim Familienfoto

Das Brautpaar sind Silvana und Christopher Kintscher. Minuten, bevor die Kutsche sie zum EvK bringt, haben sie sich vor dem Standesamt im Rathaus das „Ja-Wort“ gegeben. Nun ist an diesem Freitagvormittag beim Verlassen des Rathauses oder Besteigen der Kutsche kein Unfall passiert. Vielmehr fehlte einer beim Familienfoto auf dem Europaplatz: der Vater der Braut.

Ein glückliches Lächeln nach dem Ja-Wort vor dem Standesamt. Aber einer fehlte in der kleinen Familienrunde.

Ein glückliches Lächeln nach dem Ja-Wort vor dem Standesamt. Aber einer fehlte in der kleinen Familienrunde. © Privat

„Dass der Papa im Krankenhaus liegt, wünscht man sich nicht zur eigenen Hochzeit“, erzählt Silvana Kintscher am Telefon. Aber alles Hoffen auf eine pünktliche Entlassung war vergeblich. Und das ist beileibe nicht der einzige Umstand, der die geplante Traumhochzeit von Silvana und Christopher kräftig durcheinander wirbelt.

„Alles fiel ins Wasser“

Sie wollten an diesem Freitag erst standesamtlich, dann kirchlich heiraten. Eine große Feier mit Freunden und Verwandten sollte sich anschließen. Dann kam Corona. „Es fiel alles ins Wasser“, sagt die Braut. Mit der kirchlichen Trauung warten sie bis zum nächsten Jahr, beschloss das Paar. Nach dem Standesamt sollte es mit den Eltern im kleinsten Kreis nur ein Essen geben.

„Es war viel Chaos“, erzählt die 22-Jährige. „Mit der Hochzeitstorte funktionierte es nicht und erst am Donnerstag haben wir erfahren, dass die Eltern mit ins Standesamt durften.“ Und wieder ein Umorganisieren. Drei Tage später klingt sie dennoch glücklich und entspannt.

Denn es war Silvana Kintschers Mutter, die aus allen Nöten Tugenden machte und dafür sorgte, dass der ohnehin „schönste Tag im Leben“ trotz aller Hindernisse zu einem absolut unvergessenen wurde. Als das Paar das Standesamt verließ, wartete vor der Tür die Hochzeitskutsche.

Brautmutter organisiert die emotionalen Momente

„Ich habe gedacht, wir fahren zum Essen“, erzählt die Braut. „Als wir dann Richtung Krankenhaus fuhren, wusste ich, es geht zu meinem Papa.“ Der stand oben am Fenster mit einem Glas Sekt. „Wir standen unten, denn es hätte nur einer hoch gedurft. Da haben wir gedacht, das machen wir einfach so.“

"Wünsche haben wir eigentlich nicht", sagt Silvana Kintscher nach turbulenten Wochen vor der Hochzeit. "Wir sind einfach nur glücklich."

"Wünsche haben wir eigentlich nicht", sagt Silvana Kintscher nach turbulenten Wochen vor der Hochzeit. "Wir sind einfach nur glücklich." © Privat

Als Silvana davon erzählt, klingt in ihrer Stimme noch mit, welche Bedeutung die Überraschung für sie hat. „Das war ein sehr emotionaler Moment“, sagt sie. „Meine Mama hat gesagt, wenn er nicht teilnehmen kann, müssen wir gucken, dass wir zu ihm kommen.“

Flitterwoche in den Niederlanden

Als Silvana Kintscher davon am Telefon erzählt, ist sie in den Niederlanden. Fünf Tage Flitterwoche. Auch das eine Überraschung der Mutter. Direkt nach dem Essen im kleinen Kreis, bricht das frisch vermählte Paar am Freitagnachmittag auf. „Dass es in Strömen geregnet hat, passte ganz gut“, sagt die 22-Jährige und lacht. „Bei Regen will man nicht weiterfeiern.“

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Weitere Wünsche haben Silvana und Christopher Kintscher zunächst nicht. Drei Jahre sind sie mittlerweile ein Paar. „Wir sind überglücklich“, sagt die Braut. „Und wünschen uns einfach nur, gesund zu bleiben – und dass die Coronazeit schnell vergeht.“

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