Christina Fischer entschied sich für einen Schritt, der ihr Leben verändern sollte. Wo Diät und Sport nicht helfen, kann Adipositas-Chirurgie Fettleibigkeit heilen. Aber bei jedem Dicken?

Dingen

, 05.01.2019, 11:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Einmal 72 Kilo zu wiegen, das ist Christina Fischers Traumziel. Sie brachte früher 135 Kilo auf die Waage, das ist fast doppelt so viel. Bei einer Größe von 1,68 Metern. Ihr Body Mass Index (BMI) lag damals bei über 47. Das wird als starkes Übergewicht bezeichnet. Das Idealgewicht für Frauen zwischen 40 und 50 Jahren bei der Körpergröße liegt bei 54 bis 69 Kilogramm.

Heute ist sie 84 Kilogramm schwer, hat also gut 51 Kilogramm abgenommen. Auf dem Weg zu ihrem Wunschgewicht hat sie also bereits ein gutes Stück zurückgelegt. Dabei trifft sie zum größten Teil auf Bewunderung. Mit meinem zufriedenen Lächeln berichtet sie uns von ihrem Weg in ein neues Leben: dem „Leben 2.0“, wie sie es nennt. Dank einer Operation hat sie es so weit geschafft.

Auf alten Fotos kaum wiederzuerkennen

„Eigentlich möchte ich mir die alten Fotos gar nicht mehr anschauen“, sagt Fischer, geborene Podscharly, als wir sie nach Bildern fragen. Ihr frisch vermählter Ehemann dokumentiert aber regelmäßig mit der Kamera, wie sich der Körper seiner Frau entwickelt. Es ist wirklich eine erstaunliche Wandlung: Würde Christina Fischer nicht versichern, dass sie die Person auf den alten Fotos ist, man würde nicht glauben, dass es sich um dieselbe Frau handelt. Und das liegt nicht nur an der neuen Haarfarbe.

Heute blickt sie einem entgegen, wirkt zufrieden und spricht gelassen über ihre Vergangenheit. Bei einer Tasse Kaffee versichert sie, dass sie zufrieden mit ihrem Leben ist. Der Ausdruck in den Augen, ein freundlicher, optimistischer Blick, unterstreicht diese Aussage.

Die schmucke, kernsanierte Wohnung in Dingen ist weihnachtlich dekoriert bei unserem Zusammentreffen. Familie und Freunde sind, wie auch Fischer, waschechte Dingener. Sie hat es nicht weit zu ihrem Bruder und dem besten Freund, der in der Wohnung über ihr im Zweifamilienhaus wohnt.

„Ich sah aus wie ein kleines Schwein“

Seit jeher habe Fischer Probleme mit ihrem Gewicht. Das fing schon als Kind an, erzählt die Katzenfreundin. Richtig schlimm sei es aber erst geworden, als sie mit ihrem Beruf aufhören musste. Die Krankenschwester arbeitete 24 Jahre lang auf der Intensivtation im Evangelischen Krankenhaus in Castrop-Rauxel. Die schwere Arbeit hinterließ ihre Spuren. Christina Fischers Rücken wurde durch sieben Bandscheibenvorfälle stark geschädigt. Auch eine Operation konnte das Problem nicht beheben. Sie ist berufsunfähig. „Das nagt an mir“, sagt Fischer. Die Stimmlage verrät dabei: Das ist keine bloße Aussage, sondern ein tief sitzendes Gefühl.

Durch zu wenig Bewegung, die Medikamente, die sie einnehmen musste, und Essen aus Frust schoss ihr Gewicht durch die Decke. Ab einem BMI von 30 gilt man als adipös, 47,5 war der Wert, den Fischer in den schwierigsten Zeiten hatte. Das blieb nicht ohne Begleiterscheinungen: Ein hoher Blutdruck und Diabetes waren die Folgen. Das hieß: noch mehr Tabletten. „So konnte es nicht weitergehen. Ich habe mich gefühlt und sah aus wie ein kleines Schwein“, resümiert Fischer etwas beschämt.

Mehrere Adipositas-Kompetenzzentren im Ruhrgebiet

Sie ergriff selbst die Initiative und suchte nach Behandlungsmöglichkeiten. Ganz allein, das war ihr schnell klar, war das nicht zu schaffen. Der Schlüssel war am Ende eine sogenannte Schlauchmagen-OP. Christina Fischer wurde im Februar 2017 operiert. Seitdem fasst ihr Magen nur noch 100 Milliliter. Der Rest wurde entfernt. Sie kann nun gar nicht mehr so viel essen, dass sie davon wieder dicker würde. Und wenn sie mehr isst, muss sie sich übergeben.

Die Operation kommt aber nicht für alle fettleibigen Menschen in Frage. Das Übergewicht muss krankhaft sein und Folgeerkrankungen mit sich bringen. Ein Hausarzt kann eine solche Diagnose stellen. Magen-Bypass, Magenband und Schlauchmagen sind dann die Optionen im Bereich der sogenannten Adipositaschirurgie. Es gibt im Ruhrgebiet mehrere Kompetenzzentren, die sich auf diese Eingriffe spezialisiert haben. Dazu gehört nicht nur ein spezielles Equipment, sondern die Leistungen beinhalten auch die Vor- und Nachbetreuung der Patienten, Unterstützung bei der Antragstellung und Vermittlung von Selbsthilfegruppen.

Ihre OP fand in Recklinghausen statt

Christina Fischer ließ den Eingriff im Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen machen. Ein weiteres Zentrum ist das Evangelische Krankenhaus, allerdings in Herne, nicht in Castrop-Rauxel. Der dortige Leiter, Prof. Dr. Matthias Kemen, nimmt seit 2004 Schlauchmagen-Operationen vor. Der Eingriff werde sehr restriktiv gehandhabt. „Es ist immer eine Einzelfallentscheidung, die bei der Krankenkasse beantragt werden muss“, sagt Kemen.

Eine Voraussetzung sei, dass der BMI über 40 liegt. Das wären bei einer 1,80 Meter großen Person etwa 130 Kilogramm. Durch die Entfernung eines Großteils des Magens, in etwa 80 Prozent, könne die Person nicht mehr nur eine geringere Essensmenge aufnehmen, sondern das Organ sende auch weniger Appetithormone aus. Somit verspüren die Patienten nach dem Eingriff keinen übermäßigen Hunger mehr. Da die Operation minimalinvasiv läuft, bleibt man nur fünf Tage im Krankenhaus. Im Durchschnitt verlieren Patienten nach der Operation 60 Prozent des Übergewichts.

Ein neu entdecktes Hobby: Shoppen

Mit der Operation allein sei es aber nicht getan. Das sagt Christina Fischer aus Dingen. „Man muss im Kopf umschalten, einmal dick ist immer dick“, findet sie. Auch jetzt gehe sie noch regelmäßig zur Selbsthilfegruppe und werde ärztlich betreut, dabei liegt die OP schon rund zwei Jahre zurück. Daneben macht sie regelmäßig Aqua-Fitness. Der Rücken erlaube keine Sportarten wie Fahrradfahren oder Laufen, da die Belastung zu hoch sei.

Das Maß an Lebensqualität aber, dass sie dazugewonnen hat, bezeichnet sie als enorm. „Ich esse viel bewusster und mit mehr Genuss als zuvor. Und es dreht sich auch nicht mehr alles ums Essen“, schildert sie. Vor allem eines bereite ihr nun größere Freude als je zuvor: das Shoppen. Sie selbst sagt, sie muss nicht mehr in die „Zeltabteilung“. Mit Kleidergröße 46/48 findet sie nun schicke Kleidung für sich.

Es ist mehr als die bloße OP

Der Weg, den sie beschritten hat, ist nur scheinbar einfach. Es gehörten eine ganze Lebensumstellung und ein Umdenken dazu, sagt Christina Fischer. Trotzdem würde sie den Weg jederzeit wieder gehen und empfiehlt ihn auch anderen, die an Adipositas leiden.

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