Kardiologe Dr. Stefan Fromm: „Mehr als bis zur Erschöpfung arbeiten können wir nicht“

mlzGastkommentar

Werden Privatpatienten von Ärzten bevorzugt? Dass das in Teilen so ist, ergab eine Recherche dieser Redaktion. Nun nimmt der Castrop-Rauxeler Kardiologe Dr. Stefan Fromm Stellung zu den Vorwürfen.

von Dr. Stefan Fromm

Castrop-Rauxel

, 03.11.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

In den vergangenen Wochen haben wir bei Castrop-Rauxeler Orthopäden, Kardiologen und Hautärzten angerufen. Erst haben wir uns als Privat-, später als Kassenpatient ausgegeben. Ergebnis: Man wird teilweise anders behandelt.

Der Kardiologe Dr. Stefan Fromm - in dessen Gemeinschaftspraxis wir als Kassenpatient erst ein halbes Jahr später einen Termin bekommen hätten, als Privatpatient aber direkt am nächsten Tag - äußert sich hier in einem Gastbeitrag.

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Der Gastbeitrag von Dr. Stefan Fromm:

„Die medial aufgeheizte Stimmung gegen fachärztliche Versorgungstrukturen bedarf einer sachlichen Darstellung der Grundprobleme aus der Sicht der Leistungserbringer.

Wir sind Ärzte mit Verantwortungsbewusstsein und hoher ethischer Grundeinstellung. In unserer Praxis bekommt jeder Patient unabhängig von seinem Versicherungsstatus eine wissenschaftlich basierte kardiologische Diagnostik und Therapie in einer kooperativen Struktur mit Zuweisern, anderen Fachärzten und Krankenhäusern.

Jeder achte Patient hat eine Herzerkrankung

Diese Struktur ist notwendig, da Kardiologen nur 1 Prozent der deutschen ambulanten Ärzteschaft darstellen. Nach einer Studie mit 55.518 Patienten in 3795 Hausarztpraxen hat jeder achte Patient eine koronare Herzerkrankung und jeder sechste einen Diabetes. Allein dieses Klientel ist in zweistelliger Prozentzahl in der Regel multimorbide, das heißt krank.

Mehr als zwei Drittel der Brustschmerzen sind nicht herzbedingt. Bei akuten Brustschmerzen liegt in 13 bis 14 Prozent ein akutes Coronarsyndrom (Herzinfarkt oder drohender Herzinfarkt ) vor. Da 1 Prozent der Ärzte – die Kardiologen – diese Trennung nicht schaffen können, haben wir seit über 20 Jahren kooperative Strukturen mit unseren Zuweisern aufgebaut.

„Ein akuter Infarkt gehört ins Krankenhaus“

Dies sind schnelle Termine nach Dringlichkeitseinschätzung des Hausarztes – auch am gleichen Tag, gemeinsame Fortbildungen und Qualitätszirkel. Da ein akuter Infarkt ins Krankenhaus gehört, wäre ein Umweg in unsere Praxis ein unnötiger Zeitverlust.

Bevölkerungsstudien haben gezeigt, dass 70% herzgesunder Patienten Rhythmusstörungen haben. Auch diese Zahlen sind von uns nicht primär versorgbar, sondern benötigen den hausärztlichen Filter. Danach trennen wir den Kranken vom Gesunden mit harmlosen Stolperherzen.

Hausärzte können zu schnelleren Terminen bei Fachärzten verhelfen

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz ködert Ärzte mit einer extrabudgetären Sondervergütung, die ihnen im nächsten Jahr von ihrem Basisbudget wieder abgezogen wird. Unsere Praxis und viele Kollegen brauchen dieses Gesetz nicht – es sind nicht 3 Fälle von über 4000 Patienten im Quartal.

20 Prozent unserer Patienten erscheinen ohne Abmeldung nicht zum Termin. Daher rufen wir am Tag vorher an, um ggfs. Terminlücken schnell auffüllen zu können. So kann jeder Patient unabhängig von seiner Krankenversicherung auch in den Genuss eines schnellen Termins kommen.

Eine Routinekontrolle hat Zeit – Notfälle haben wir jeden Tag. Der Patient, der seinen Hausarzt umgeht, hat möglicherweise ein Problem, denn mehr als bis zur Erschöpfung arbeiten, können wir nicht.“

Dr. med. Stefan Fromm

Facharzt für Innere Medizin/Kardiologie

European Cardiologist - FESC

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