Konjunkturpaket: Neue Ungewissheit für Castrop-Rauxeler Einzelhandel

mlzSenkung der Mehrwertsteuer

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung soll die Wirtschaft ankurbeln. Der Castrop-Rauxeler Kaufmann Jens Reiter fragt sich, wie er die Maßnahmen so umsetzen soll, dass der Kunde profitiert.

Castrop-Rauxel

, 04.06.2020, 20:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Koalitionsausschuss hat sich auf ein „Konjunktur- und Zukunftspaket“ verständigt. Es wird ein Volumen von 130 Milliarden Euro haben und in verschiedenen Bereichen greifen. Unter anderem soll die Kauflaune der Bürger wieder angekurbelt werden.

Deshalb wird vom 1. Juli bis zum 31. Dezember der Mehrwertsteuersatz von 19 auf 16 Prozent und der ermäßigte Satz von 7 auf 5 Prozent gesenkt. Im Klartext heißt das: Wenn Händler etwas für 100 Euro verkaufen, müssen sie im zweiten Halbjahr 2020 nur 16 Euro Mehrwertsteuer an den Staat zahlen und nicht wie heute 19 Euro. Doch kommen die Maßnahmen auch in der Wirtschaft vor Ort an?

„Ich war erst mal positiv überrascht, dass es diese Maßnahmen gibt und finde es gut“, sagt Jens Reiter, der in der Castroper Altstadt ein Bekleidungsgeschäft betreibt und im Vorstand des Standortvereins Casconcept sitzt. „Die Frage, die ich mir aber stelle: Wer profitiert? Das Unternehmen oder der Kunde?“

Auf diese Frage hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) eine relativ klare Antwort oder viel mehr einen Appell: Es gehe darum, dass die Verbraucher den Vorteil haben und nicht die Unternehmen ihre Preise steigern, teilte er im Zuge der Veröffentlichung des Pakets mit.

„Ich kann ja jetzt schlecht alle meine Preise ändern“

Da schließt sich für Reiter direkt eine weitere Frage an: „Wie setzen wir das um?“ Darüber würde er sich gerade den Kopf zerbrechen, sagt er am Donnerstag Nachmittag. „Da habe ich noch keine Antwort drauf“, sagt Reiter. „Ich kann ja jetzt schlecht alle meine Preise ändern. Gebe ich dann jedem Kunden an der Kasse drei Prozent Nachlass?“

Er glaube nicht, dass der Burger, der in einem Restaurant eigentlich 9,99 Euro koste, dann auf einmal 9,74 Euro kosten werde, sagt er. Grundsätzlich finde er die Idee gut, dass der Verbraucher profitiere, die Umsetzung sei aber wie so oft schwierig. „Aber das sind wir in der Corona-Krise ja schon gewohnt. Handel und Gastro bekommen immer wieder neue Ideen, die wir von heute auf morgen umsetzen müssen“, sagt Reiter. Er zweifelt daran, dass der öffentliche Bereich das selbst auch immer so schnell hinbekommen würde.

Castrop-Rauxeler Unternehmen helfen sich untereinander

„Meine Kollegen und ich fühlen uns da auch immer etwas alleine gelassen“, sagt Reiter. Man helfe sich aber untereinander. Der Austausch sei gut. Zu den Neuerungen werde man sich sicherlich auch wieder besprechen, denkt er.

Reiter sieht bei der Umsetzung aber auch ganz praktische Probleme. Die Kassen müssten umgestellt werden. Reiter könne das nicht selbst machen, da die Kassen nach der Umstellung des Systems zu Beginn des Jahres verplombt seien. Wenn die Änderung am 1. Juli in Kraft tritt, müssten die Kassen überall umgestellt werden. „Ich glaube nicht, dass das innerhalb eines Tages funktionieren würde“, sagt Reiter.

Reiter sorgt sich darum, dass der Effekt verpuffen könne

Ähnliche Sorgen macht Reiter sich um den Effekt des Familienbonus von 300 Euro pro Kind. „Der Zweck dahinter ist ja, dass der Konsum vor Ort wieder angekurbelt werden soll. Wenn die Leute dann aber bei großen Unternehmen wie Amazon einkaufen, die hier nur wenig Steuern zahlen, verpufft der Effekt.“ Dann hätten nämlich weder die Innenstädte etwas davon noch die Kommunen, weil sie nicht mehr Gewerbesteuer einnähmen.

Sein Geschäft sei nach der langen Schließung wieder gut angelaufen, sagt er. Seine Kunden würden ihn gut unterstützen. „Mein Empfinden ist außerdem, dass die Leute sich gerade in kleineren Läden wohler fühlen als in großen Einkaufszentren mit vielen Menschen“, sagt Reiter.

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