Neue Videothek in Castrop-Rauxel - eine Ausnahme

Branche in tiefer Krise

Daniel Mohrlang hat Ende Juli eine neue Videothek am Berliner Platz in Castrop-Rauxel eröffnet – und steht damit auf einsamen Posten: Neueröffnungen haben in der Branche Seltenheitswert. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie sich der Wirtschaftszweig entwickelt hat und warum es Videothekare heutzutage so schwer haben.

CASTROP-RAUXEL

, 11.08.2014, 12:47 Uhr / Lesedauer: 2 min
Videothek Atlantis Berliner Platz 7

Videothek Atlantis Berliner Platz 7

Jörg Weinrich, geschäftsführender Vorstand des Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD), weiß, wie besonders Mohrlangs Entschluss ist: "Eine Neueröffnung kommt heutzutage nicht unbedingt häufig vor." Nur noch relativ wenige Menschen würden den Schritt wagen, eine Videothek aufzumachen. Denn allzu gut geht es der Branche nicht – immer weniger Menschen leihen DVDs in einer Videothek. Die Läden haben den vergangenen zehn Jahren die Hälfte ihrer Kunden verloren:

Doch das scheint Mohrlang nur wenig zu beeindrucken. Er zeigt sich mit seinem neuen Standort am Berliner Platz zuversichtlich. "Ich sehe hier einen großen Bedarf", sagt er. Von der Resonanz der ersten Tage sei er sehr angetan. Und Ahnung dürfte er haben: Immerhin ist es bereits die sechste Filiale, die er gemeinsam mit seinem Vater Wolfgang betreibt. Der Branchentrend sieht allerdings wenig aufmunternd aus, wie die Zahlen des IVD belegen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Videotheken in NRW um mehr als die Hälfte zurückgegangen:

Damit liegt Nordrhein-Westfalen im deutschlandweiten Trend. Auch hier halbierte sich die Zahl der Videotheken seit 2003:

Während Neueröffnungen derzeit also als Ausnahmen gelten, wird ein anderer Vorgang in der Branche immer üblicher, erklärt IVD-Vorstand Weinrich. "Momentan kommen viele Inhaber, die ihre Videotheken in den 80er-Jahren eröffnet haben, ins Rentenalter." Manchmal übernehme dann einer der langjährigen Mitarbeiter den Betrieb, oft aber bleibe die Suche nach einem Nachfolger schwierig. Für viele in der Branche sind die Zeiten schließlich alles andere als rosig. Weinrich ist überzeugt, dass das Geschäft – sei es nun in einer neu eröffneten oder altbewährten Videothek – massiv von den Umständen abhänge. "Das sind oft externe Faktoren wie die Größe des Einzugsgebiet und die Mitbewerber vor Ort", sagt er. Auch die Konkurrenz im Internet erhöhe den Druck auf die Videothekare immer mehr. Einstmals treue Kunden der Videotheken nutzen immer öfter Online-Videotheken und halblegale Streaming-Portale.

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Dementsprechend deutlich fallen die Zahlen aus. Die Unternehmensberatung Deloitte kam bei einer Studie aus 2014 auf diese Zahlen:

"Deshalb hat sogar die Internetverbindung Einfluss auf den Erfolg einer Videothek", sagt Weinrich. Denn wo das Internet schnell sei, wachse die Nachfrage nach Streaming-Diensten. Ein Patentrezept für eine zukunftsfähige Videothek könne also auch er als Branchenexperte nicht liefern. "Welche Videotheken Bestand haben werden, ist so pauschal nicht vorauszusagen", sagt er.

DVDs, Blue-Rays und Spiele für PC und Konsole – diese Bandbreite decken mittlerweile fast alle Videotheken ab. "Klar, gibt es so wie bei den Kinos auch Programm-Videotheken. Aber die meisten Videothekare verdienen ihr Geld immer noch mit dem Verleih von aktuellen Filmen", sagt Weinrich. Doch die Zahlen des IVD belegen, dass die Umsätze rückläufig sind. In den vergangenen zehn Jahren sank der Umsatz der deutschen Videotheken um 92 Millionen Euro – und damit um gut 30 Prozent:

Um mehr Kunden in die Videotheken zu locken, hat der IVD eigens eine Website ins Leben gerufen, die Lust aufs Filmeleihen machen soll. Hier finden sich nicht nur die Leih-DVD-Neuerscheinungen der Woche, sondern auch eine praktische Videotheken-Suche.

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