Redaktionsleiter Matthias Langrock hat zur Corona-Situation eine klare Meinung: Wir brauchen keine Ausgangssperre, wir brauchen Konsequenz. © Matthias Langrock
Meinung

Noch schärfere Corona-Regeln wären falsch. Wir brauchen mehr Zivilcourage

Eine Ausgangssperre zur Eindämmung des Coronavirus hat Thomas Schroeter gefordert. Matthias Langrock hielte sie für unwirksam. Er fordert konsequentes Durchgreifen, auch von uns Bürgern.

Nun also auch Oberhausen. In der Ruhrgebiets-Großstadt gilt eine Ausgangssperre. Hui, denkt man da im ersten Moment: Die Oberhausener dürfen also nicht mehr auf die Straße. Doch wer nach der Schlagzeile nur 20 Sekunden weiterliest, der stößt schon auf so viele Ausnahmen, dass kaum ein Oberhausener von dieser „Ausgangssperre“ überhaupt betroffen wäre.

Sie gilt nämlich nur von 21-5 Uhr, in einer Zeit also, da sich angesichts geschlossener Bars, Kneipen, Gastronomien und Theater, einem Party-Verbot und einem generell winterlichen Wetter ohnehin kaum jemand freiwillig auf die Straße begäbe.

Die zeitliche Begrenzung ist aber bei weitem nicht die einzige Ausnahme. Auch nachts darf raus, wer mit dem Hund vor die Tür muss oder Lebensmittel einkauft. Und an Weihnachten und Silvester ist ebenfalls gedacht. An den Weihnachtstagen gilt die Beschränkung erst ab 24 Uhr, Silvester gar erst ab 2 Uhr. Man will schließlich niemandem wehtun – oder wie will man diese Ausnahmen sonst interpretieren?

Zusammengefasst: Diese Regeln sind lächerlich. Was soll eine Ausgangssperre bringen, wenn die Besorgung einer Flasche Schnaps um 22 Uhr schon ein legitimer Grund ist, das Haus zu verlassen? Oder vielmehr, wenn allein die Behauptung, dass ich mir an der nächsten Tankstelle Lebensmittel besorgen möchte, mich legitimiert? Denn überprüfen kann das in der Praxis kein Ordnungsamt.

Eine Ausgangssperre bringt nichts

Also: Eine solche Ausgangssperre bringt überhaupt nichts. Und da Ausgangssperren überall in Nordrhein-Westfalen ähnlich geregelt sind, brächte sie auch im Kreis Recklinghausen nichts. Anders als mein Kollege Thomas Schroeter gefordert hat, können wir sie also bleiben lassen.

Wir sind in der Bekämpfung der Corona-Pandemie an einem Punkt angelangt, an der noch schärfere Regeln wenig brächten. Natürlich könnte etwa in Supermärkten der Verkauf nicht lebensnotwendiger Artikel verboten werden – Kleidung, Gesellschaftsspiele, Fahrräder. Aber ließe sich damit die Zahl der Kontakte nennenswert nach unten schrauben? Ich bezweifele das.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Viele Corona-Verbote bringen weniger, als das Drängen auf Einhaltung der existierenden Regeln anderswo bewirken würde. Ich würde jede Wette eingehen: In den stark kritisierten Präsenz-Gottesdiensten wird es über Weihnachten weniger Verstöße gegen die Maskenpflicht geben, als bei einem einzigen Supermarkt-Einkauf. Da finden Sie nämlich immer jemanden, der seine Maske höchstens unter der Nase hängen hat. Und warum? Weil er außer einer Ermahnung keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat

Wir müssen die Regelverletzer härter anpacken

Und genau das muss aufhören, wenn wir von den hohen Zahlen herunterkommen wollen. Wir müssen die Regelverletzer härter anpacken, ihre Verstöße konsequent sanktionieren.

Aktuell müssen sich Masken-Ignoranten schon sehr dumm anstellen, um bestraft zu werden. Ich empfinde die aktuelle Lage etwa so, als wenn es keine Radarfallen und keine Alkoholkontrollen im Straßenverkehr gäbe – oder Autofahrer einfach bremsen müssten, sobald sie einen Polizisten sehen, um einer Strafe zu entgehen. Wäre es so leicht, wie viele betrunkene Raser wären wohl auf den Straßen unterwegs? Wie viele Menschen mehr würden im Jahr bei Autounfällen sterben?

Doch trotz Hunderter Corona-Toter in Deutschland pro Tag suchen aktuell auch Vertreter des Staates immer noch nach Gründen, keine Strafe zu verhängen, oder einen Masken-Verweigerer zu ignorieren, anstatt den Verstoß anzuprangern. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass eine Maskenverweigerung im Stadtrat öffentlich komplett unbemerkt und folgenlos geblieben wäre, hätte nicht Tage später ein dokumentarisches Foto unsere Redaktion erreicht?

Nachsicht ist menschlich verständlich – aber falsch

Und immer noch ist es offenbar ein Normalfall, dass das Ordnungsamt nicht direkt bei jedem Verstoß ein Bußgeld verhängt. Das ist auch sympathisch und menschlich verständlich (wie ich selbst bei der Begleitung zweier Ordnungsamtsmitarbeiter gefühlt habe). Aber der Staat sendet ein fatales Signal, wenn es dabei um die Bekämpfung der Pandemie geht, die unsere Gesellschaft lahmlegt.

Falsch wäre es aber nur „unsere Politiker“ oder „den Staat“ anzuprangern. Der Staat kann es nicht regeln oder jedenfalls nicht oft genug. Dafür ist er zu schwach besetzt. Nein: Wir selbst sind gefragt.

Das heißt, erst einmal müssen wir selbst uns an die Regeln halten. Doch selbst die große Mehrheit der Regelkonformen kann mehr machen. Wir schweigen zu oft, wenn wir Verstöße beobachten – wenn der Familienvater im Supermarkt ohne Maske herumläuft oder der Passant in der Fußgängerzone alle 50 Meter einen Schluck aus der Pulle nimmt, um keine Maske tragen zu müssen.

Kein Aufruf zur Denunziation

Das ist übrigens kein Aufruf zur Denunziation. Es geht nicht darum, gleich das Ordnungsamt zu rufen. Aber wir sollten die Verweigerer ansprechen, sollten ihnen das Leben mit dem Verstoß unangenehmer machen. Doch wir schweigen aus Angst vor dem Konflikt, wir schweigen, weil wir keine Zeit für eine Diskussion haben, wir schweigen, weil wir andere nicht bloßstellen wollen.

Uns muss klar werden: So wie die Raserei und das betrunkene Autofahren gesellschaftlich geächtet sind, so muss auch Verhalten geächtet werden, das die Verbreitung des Coronavirus befördert. Es wäre ein Akt der Zivilcourage. Und wirksamer als jede Ausgangssperre.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Fühlt sich in Castrop-Rauxel und im Dortmunder Westen gleichermaßen zu Hause. Mag Politik, mag Kultur, mag Sport, respektiert die Wirtschaft und schreibt zur Not über alles, was anfällt.
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Matthias Langrock

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