Pflasterarbeiten kann eine Stadt offensichtlich nicht

mlzKolumne „Schroeter denkt“

Weshalb können Städte kein Pflaster? Gut, Rathäuser und Philharmonien können sie auch nicht. Aber Pflasterflächen? Das müsste doch die Mandel-OP unter den Baumaßnahmen sein. Reine Routine.

Castrop-Rauxel

, 26.02.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Realität sieht anders aus. Dafür ist der Castrop-Rauxeler Altstadtmarkt nur ein Beispiel unter vielen. Eine kurze Suche im Internet unter „Ärger mit Pflaster“ ergibt eine Unzahl an Treffern. Vier zufällige Beispiele:

  • Düsseldorf, 2011: „Die nächste Runde im monatelangen Zoff um das Aussehen des neuen Altstadtpflasters ist eingeläutet. Alle können die umstrittenen Steine jetzt sehen, wie sie mausegrau am Altstadt-Boden liegen. Altstadtbesucher Heiner Krings (62) sah den Pflasterern zu und meinte: „Ne, wat is dat hässlich.“ (Der Express)

  • Gießen, 2011: Das erst Ende vergangenen Jahres auf dem Platz eingebaute neue Pflaster muss noch einmal verlegt werden. Wie Baudezernent Thomas Rausch auf Anfrage sagte, seien die roten Steine nicht sachgerecht verlegt worden, außerdem habe sich eine Empfehlung des Herstellers, die Steine hochkant einzubauen, als nicht ganz praxistauglich erwiesen. (Gießener Allgemeine),

  • Freiburg, 2013: In Freiburg wird eine zentrale Stelle in der Innenstadt neu gestaltet – im Stil einer südländischen Piazza. Was viele Bürger daran stört: Die Fläche soll fast komplett mit grauem Basalt gepflastert werden. Die Steine aber kommen aus Vietnam, denn in ganz Deutschland gebe es keine Steinbrüche mehr, die Basalt in der erforderlichen Menge liefern könnten. (Stuttgarter Zeitung)

  • Göttingen, 2013: Die Göttinger Fußgängerzone nimmt erkennbar ihre neue Gestalt an.. Aber schon jetzt beklagen viele, dass es schnell schmutzig und hässlich aussieht. Bei der Auswahl der Steine wurden die Göttinger Entsorgungsbetriebe außen vor gelassen. Mit den herkömmlichen Kehrmaschinen werden sie nicht sauber. (Göttinger Tageblatt)

Und wie sieht es nun in Castrop-Rauxel aus?

So viel zu anderen Städten. Und wie sieht es in Castrop-Rauxel aus? Erinnern wir uns zurück an die Jahre 2004/05: Damals sind die grundlegenden Planungen zur Marktplatzumgestaltung als seinerzeitiger Wettbewerbsbeitrag beim Landeswettbewerb „Stadt macht Platz – NRW macht Plätze“ eingereicht worden. Vorangegangen war ein Planungsprozess, an dem neben der Stadt auch die damalige Interessen- und Standortgemeinschaft und das Bochumer Planungsbüro wbp beteiligt waren. Danach geschah… erst einmal lange Zeit nichts.

Um das Jahr 2014 herum aber wurde die Marktplatzplanung konkret. Wieder gab es jede Menge prozesshaftes Arbeiten, wieder war das Büro wbp eingebunden. Bei einer Versammlung im Februar 2014 hieß es von Rebekka Jung (wbp): „Das Pflaster hält nicht mehr, der Marktplatz bedarf einer dringenden Sanierung.“

Der Bau zog sich. Gut, das kann vorkommen.
Thomas Schroeter

Und dann wurde verglichen, diskutiert, gestritten. Über Pflasterarten, über die Bestimmung des Platzes, über Geld sowieso. Reichlich Pflaster-Anschauungsmaterial legte man auf den Marktplatz, ehe dann die Entscheidung fiel.

Hochwertiges Naturpflaster wurde ausgesucht

Auf der Seite der Stadt heißt es dazu: „Auf der Parkplatzfläche wird ein hochbelastbares Betonsteinpflaster im Segmentbogenverband mit rauer Oberfläche verlegt…. Die übrige Platzfläche soll in einem hochwertigen, in Reihe verlegten Natursteinpflaster in gebundener Bauweise ausgeführt werden… Für die Fahrbahnen wird der gleiche Naturstein wie in den Randbereichen verwendet, aufgrund der höheren Belastungsanforderungen an die Fläche wurde hier jedoch eine Verlegung im Ellenbogenverband gewählt.“

Dann wurde ausgeschrieben, Angebote wurden verglichen, Aufträge erteilt. Schließlich wurde gebaut. Der Bau zog sich. Gut, das kann vorkommen. Irgendwann lag das Pflaster dann. Alles gut seitdem? Weit gefehlt.

Ärgernis 1: Der Untergrund wurde nicht richtig gemacht

Ärgernis 1: Das Natursteinpflaster im Ellenbogenverbund hält nicht, was es versprach. Zum Jahresbeginn 2018 hat sich das Pflaster auf der Fahrbahnseite im Osten des Platzes verschoben, es wackelt kräftig. Am 25. April 2018 berichten wir: Ein vom EUV beauftragtes Gutachten ergibt Einbaumängel. „Es wurde falsches Bettungs- und Fugenmaterial verbaut“, heißt es. Das bedeutet auch, dass die seinerzeit ausführende Baufirma die nun bevorstehenden Arbeiten übernimmt und auch für die Kosten aufkommt, so der EUV.

Kolumne

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  • Unser Autor Thomas Schroeter macht sich in dieser Kolumne regelmäßig Gedanken über die Stadt und die Politik, über kleine Aufreger und große Probleme, über Menschliches und Unsinniges. Das soll zum Nach- und Mitdenken anregen, aber durchaus auch zum Widerspruch.
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Gut, das war es dann, oder? Anfang 2019. Das Pflaster wackelt wieder. Am 9. Februar 2019 schrieben wir: Laut EUV wurde nicht „das von uns ausgeschriebene Bettungsmaterial verwendet“, erklärt Sabine Latterner. Das falle nun unter den Gewährleistungsanspruch, den die Stadt gegenüber dem Bauunternehmen habe. „Wir prüfen derzeit nachhaltige Lösungen“, so Latterner vom EUV. Das wird vielleicht auch Zeit, könnte man als Zuschauer meinen.

Ärgernis 2: Das Material ist empfindlich, die Reinigung schwierig

Ärgernis 2: Das Pflaster ist anfällig für Dreck. Nach jeder Großveranstaltung, also nach Castrop kocht über oder einer Kirmes, sieht es aus wie Hulle, um hier deutlich zu werden. Gummiabrieb von Fahrzeugen, Ölspuren aus Küchen. Muss nicht passieren, tut es aber. Und mal ehrlich: Sollte eine gewisse Unempfindlichkeit nicht das entscheidende Kriterium sein bei der Auswahl eines Pflasters für einen solchen Veranstaltungsplatz?

Das ist aber nicht das einzige Drecksproblem. Mit den vorhandenen Kehrmaschinen konnte der EUV den neuen Platz nicht mehr säubern, eine neue Leichtkehrmaschine musste her. Gute Planung, könnte man auch hier mokant anmerken.

Diese Fugen sind vielleicht keine so gute Idee gewesen.

Diese Fugen sind vielleicht keine so gute Idee gewesen. © Thomas Schroeter

Auch mit der neuen Maschine aber wird man manchen Reinigungsproblemen nicht Herr. Unsere Redaktion am 23. Juni 2018: „Ein neues Ärgernis ist die zunehmende Verschmutzung des Marktplatzes durch weggeworfene Zigarettenstummel, die in den Fugen zwischen den Pflastersteinen und in den Baumscheiben rund um den Marktplatz liegen und klemmen.“

Da sei der EUV auch auf das Verantwortungs- und Umweltbewusstsein der Raucher angewiesen, bekamen wir vom EUV zu hören. Na klar, der Raucher an sich ist ja dafür bekannt, dass er seine Kippen immer brav zum nächsten Aschenbecher mitnimmt. War schon immer so. Darüber muss man sich bei der Pflasterung und der Reinigung eines Platzes schon mal im Vorfeld auch keinen Gedanken machen.

Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe

Und jetzt steht der Ickerner Marktplatz zur Pflasterung an. Ein Schelm, wem dabei Böses schwant.

Und die Moral von der Geschichte: Vielleicht könnten sich Städte ja mal austauschen, ehe sie an Pflasterarbeiten gehen. Auch Verwaltungsmitarbeiter oder Politiker können sicherlich googeln und nachgucken, welche Stadt auf welches Problem gestoßen ist. Dann könnte man dort mal nachfragen und aus Fehlern oder guten Erfahrungen anderer Städte lernen. Oder?

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