„Plötzlich flog jemand durch die Luft“: Ersthelfer und sein dramatisches Unfall-Erlebnis

mlzTipps für Erste Hilfe

Als Feuerwehrmann kommt Volker Sahage oft zu Unfällen. Im Job. Plötzlich wurde er aber Zeuge und Ersthelfer als Privatmann. Es war anders. Über Erste Hilfe muss jeder etwas wissen. Aber was?

Castrop-Rauxel

, 06.03.2019, 23:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Volker Sahage ist Feuerwehrbeamter und er ist im Rettungsdienst tätig. Wenn der Notruf eingeht, bekommt er erste Informationen, setzt sich ans Steuer, schaltet das Martinshorn ein und düst los. „Wir sind dann immer zu zweit und haben ein Auto voll mit Equipment“, erklärt der 49-Jährige. Auf dem Weg zur Unfallstelle könne er sich dann ein wenig auf das vorbereiten, was ihn erwartet.

Das war vor eineinhalb Jahren anders. Damals saß er mit seiner Frau im Auto und wartete an einer Dortmunder Kreuzung, dass die Ampel auf Grün springt. „Plötzlich quietschte es“, erinnert sich Sahage. Ein anderes Auto war über die rote Ampel gerauscht und mit einem weiteren Fahrzeug zusammengestoßen. „Plötzlich flog da jemand durch die Luft“, so Sahage. Das Opfer war ein Fußgänger, der am Straßenrand gewartet hatte.

„Ich habe diesen Menschen drei Meter durch die Luft fliegen sehen“

Volker Sahage springt aus dem Auto, holt Warndreieck und Verbandskasten raus, sperrt die Unfallstelle ab und eilt zu dem Verletzten. „Der hatte einen offenen Schienbeinbruch und - wie sich später herausstellte - ein Schädelhirntrauma, war aber ansprechbar“, erzählt Sahage. Der 49-Jährige sprach mit dem Verletzten und erklärte, dass jemand da ist, der hilft. „Betreuung ist dann das Wichtigste“, so Sahage.

Polizei und Rettungswagen seien sehr schnell da gewesen. Und obwohl Volker Sahage schon viele Unfallopfer gesehen hatte, stand er unter Schock: „Ich habe diesen Menschen drei Meter durch die Luft fliegen sehen, das ist doch nicht normal.“ Normal sollte jedoch das sein, was Volker Sahage dann getan hat: Erste Hilfe leisten.

Die meisten haben jedoch Angst vor genau so einer Situation. Ein Grund: Der letzte Kurs liegt Jahre oder Jahrzehnte zurück. Viele haben für den Führerschein einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht und dann nie wieder. „Der Gesetzgeber hinkt da hinterher“, findet Sahage. Alle paar Jahre ändern sich die Richtlinien, die meisten bekommen das aber gar nicht mit. Wie fit sind die Deutschen in Sachen Erste Hilfe? Zahlen dazu gibt es nur wenige. Laut einer Studie des Instituts für Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Jahr 2000 haben 79 Prozent der Deutschen schon einmal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen. Durchschnittlich ist das aber schon 15 Jahre her.

Volker Sahage ist Vertriebsleiter des Dortmunder Unternehmens Rescue-Kompass ein Kompetenz-Centrum für organisatorischen Brandschutz sowie für Aus- und Fortbildung in Erster Hilfe und Arbeitssicherheit. Seit Anfang des Jahres mit einer Zweigstelle Am Förderturm 1 in Castrop-Rauxel. Dort werden unter anderem Erste-Hilfe-Kurse angeboten. Beliebt sind diese Kurse auch beim Deutschen Roten Kreuz, Johannitern und Arbeiter-Samariter-Bund. Der Castrop-Rauxeler Patrick Manske koordiniert die Aus- und Fortbildungen bei Rescue-Kompass. Auch hier kommen die meisten zum Kurs, weil sie ihren Führerschein brauchen, mehr und mehr werden hier aber auch Eltern in Erster Hilfe am Kind, Hebammen und betriebliche Ersthelfer ausgebildet.

Volker Sahage nennt drei Gründe, warum viele nicht regelmäßig an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnehmen:

1. Kosten

In der Regel kostet der Basiskurs, 7,5 Stunden, 35 Euro. Wer sich jedoch als Ersthelfer im Betrieb ausbilden lässt oder als Trainer in einem Verein arbeitet, der bekommt das Geld von der Berufsgenossenschaft erstattet. „Das wissen viele nicht“, erklärt Volker Sahage. Sein Kollege Patrick Manske erklärt, dass viele ehrenamtlich tätige Trainer keinen Erste-Hilfe-Kurs haben, das wollen sie jetzt ändern und gehen aktiv auf die Vereine in Castrop-Rauxel zu. „Es geht um die Überbrückung vom Unfall bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes“, so Manske.

2. Unwohlsein

Die Erfahrung von Manske und seinen Kollegen: „Wer in einem Kurs mit fremden Leuten sitzt, hat oft Angst, sich lächerlich zu machen, etwas falsch zu machen.“ Das sei für viele eine Hemmschwelle sich überhaupt anzumelden. Wer mit Arbeitskollegen oder Sportfreunden in einem Kurs sitzt, habe da weniger Probleme. Durch Erfahrungen aus dem Alltag versuchen Manske und auch seine Kollegin und Notfallsanitäterin Juliette Klein den Teilnehmern die Ängste zu nehmen - wenn sie denn im Kurs sitzen.

„Wir versuchen, viel praktisch zu arbeiten“, so Manske. Es gehe zwar um die gesetzlichen Grundlagen (es besteht die Pflicht, Erste Hilfe zu leisten), um das „Wann“ (wenn man zum Beispiel als Ersthelfer vor Ort ist), das „Wann nicht“ (wenn man zum Beispiel selbst kleine Kinder im Auto hat, für die man die Aufsichtspflicht hat) und um das Thema Rettungsgasse. Dann werden aber die Themen Reanimation, stabile Seitenlange, Helmabnahme und Co. behandelt. Juliette Klein ist mit Herzblut dabei: „Die Inhalte sind immer gleich und doch ist jeder Kurs anders aufgrund der Teilnehmer.“

3. Konfrontation

Viele wollen sich dem Thema nicht stellen, wollen sich nicht vorstellen, wie es ist in so eine Situation zu geraten. Manske: „Es gibt oft eine gewisse Ich-Bezogenheit.“ Solange man selbst nicht betroffen sei, sei es egal. Wenn man selbst das Opfer ist, könne es jedoch nicht schnell genug gehen. Im besten Fall schaltet man in der Extremsituation in einen gewissen Automatismus. Das geht nur, wenn man vorher Übung hatte. „Ich habe von ‚ziemlich gut gemacht‘ bis ‚ziemlich schlecht gar nichts gemacht‘ schon alles am Unfallort gesehen“, so Klein. Dabei gehe es oft nur darum, für den Verletzten da zu sein, seine Hand zu halten und ihn nicht alleine auf der Straße liegen zu lassen.

Volker Sahage hat Wochen nach seinem Einsatz als Ersthelfer in Dortmund einen Anruf erhalten: „Der Verletzte hat sich für sein Leben bedankt. Das ging runter wie Butter.“

Umfrage

Sollten Führerschein-Inhaber regelmäßig zu einem Erste-Hilfe-Kurs verpflichtet werden?

5 abgegebene Stimmen

In unserem Audiogramm erklären Volker Sahages Kollegen Juliette Klein und Patrick Manske die wichtigsten Elemente der Ersten Hilfe. In Teil eins geht es um

  • Kreislaufzusammenbruch
  • Stabile Seitenlage und
  • Reanimation

Video
Kreislaufzusammenbruch, stabile Seitenlage, Reanimation

In Teil zwei geht es um

  • Heimlich-Manöver - das ist zu tun, wenn sich jemand verschluckt hat
  • Helmabnahme - dann wird dem Motorradfahrer nach einem Unfall der Helm abgenommen

Video
Heimlich-Manöver und Helmabnahme

Lesen Sie jetzt