Repair Café in Castrop-Rauxel: Wie es arbeitet, was es leisten kann - und was nicht

mlzRadio kaputt

Das Röhrenradio von Blaupunkt aus den 60er-Jahren: Top erhalten – aber es hat manchmal Aussetzer. Also auf zum Repair Café am Samstag. Wie und wem kann diese Einrichtung helfen? Ein Test.

Castrop-Rauxel

, 15.04.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist 9.30 Uhr, als ich das Blaupunkt Granada, ein Familien-Erbstück meiner Schwieger-Großeltern vom weißen Regal im Wohnzimmer hebe und in den Kofferraum auf die Decke gleiten lasse. Es ist nicht nur ein Schmuckstück in unserer Wohnung, sondern es soll auch wieder störungsfrei Musik machen. Das tut es seit einiger Zeit nicht mehr. Kann mir das Repair Café Castrop-Rauxel helfen? Das will ich heute herausfinden.

Repair Café in Castrop-Rauxel: Wie es arbeitet, was es leisten kann - und was nicht

Das Schmuckstück im Wohnzimmer unseres Redaktionsleiter - aber es soll nicht nur schön aussehen, sondern auch funktionieren. © Tobias Weckenbrock

Um kurz vor 10 Uhr treffe ich im Wilhelm-Kauermann-Seniorenzentrum der Awo ein, das Radio im Arm. In den Räumen im Erdgeschoss ist schon reichlich Betrieb, dabei macht dieses spezielle Café doch eigentlich nur von 10 bis 12 Uhr auf.

Erst mal anmelden und etwas unterschreiben

Ich gehe durch einen Flur, sehe durch eine Tür links schon schraubende Männer – muss aber erst durch die Tür rechts zu einem Tisch, an dem man sich anmelden soll. Herzliche Begrüßung, ein Staunen über das hölzerne Röhrengerät mit dem Klavierlack-Gehäuse – und dann fülle ich einen Zettel aus. Name, Gerätebezeichnung, Problembeschreibung. Und ich unterschreibe, dass die Reparateure keine Gewähr übernehmen. Kein Problem. Ich bin ja dabei...

Mir kommt schon Michael Mehnert entgegen. Der ist 59 Jahre alt, wie ich im Gespräch später erfahre, und kommt aus Bochum. Er nimmt mich mit zu „seiner“ Arbeitsecke in einem dritten Zimmer. Auch hier sitzen an den Tischen schon zahlreiche andere Männer: Zwei fummeln an einem PC eines Ehepaares herum, in einer weiteren Kammer druckt Jörg Haase, der laut Website die Technische Leitung des Repair Cafés hat, Schaltpläne aus.

Repair Café in Castrop-Rauxel: Wie es arbeitet, was es leisten kann - und was nicht

Das „Blaupunkt Granada“ von Tobias Weckenbrock beim Repair Café unter den Fingern von Michael Mehnert. Der 59-jährige Stellwerktechniker kennt sich mit diesen Röhren aus. Er hat selbst 30 davon zu Hause. © Tobias Weckenbrock

Michael Mehnert schraubt mein Radio auf. Ganz schön angestaubt sieht es darin auf der großen Platine aus. Er ruckelt an den verschiedenen Glasröhren für UKW, Mittel- und Langwellenempfang. Ich denke so bei mir: Bitte nicht abbrechen! Aber er testet nur ihren Sitz und Zustand. „Alles in Ordnung“, sagt er.

Von Kindesbeinen an, erzählt Mehnert, habe er mit Röhrentechnik zu tun, habe 30 funktionierende Röhrenradios zu Hause. Und ein paar andere, die er in der Freizeit repariert.

Zur Sache

Das sind die Grundregeln

Im Repair Café werden Gäste unterstützt und angeleitet bei bestehendem Reparaturbedarf an elektrischen und mechanischen Kleingeräten, Kleidung, Möbeln, Gebrauchsartikeln, Computern, Spielzeug und vielem mehr. Alles, was kaputt ist und was man selbst ins Café tragen kann, ist willkommen und hat gute Chancen auf eine gelungene Reparatur. Jeder Besucher kann immer nur mit einem defekten Gerät kommen. Die Arbeiten sind kostenfrei, aber die Ehrenamtlichen freuen sich über Spenden.

Während er mein Gerät untersucht, erzählt er, warum ihn Röhrenradios interessieren – weil ich ihn gefragt habe. „Auf der einen Seite ist es interessant, weil viele meinen, dass man die Geräte nicht reparieren kann“, sagt er. Das gelte aber im Gegenteil viel eher für modernere Geräte. „Vieles, was heute elektronisch geregelt wird, haben sich schlaue Leute früher mit mechanischen Vorgängen ausgedacht und konstruiert“ – das fasziniere ihn daran.

Radioexperte wurde abgeworben aus Bochum

Er arbeitete lange im Repair Café in Bochum mit, ehe er beim Start in Castrop-Rauxel vor rund vier Jahren von einem Freund angesprochen wurde, ob er Interesse habe, das hier mit aufzubauen. Zehn oder zwölf solcher Röhrenradios habe er in diesen vier Jahren etwa schon repariert.

Video
Wie mein Röhrenradio im Repair Café heil wurde

Er nimmt die Glasscheibe an der Front ab, hinter der die Glühbirne leuchten soll: Sie hat einen Wackelkontakt. Es rieselt Staub von einem Isolierband auf die Tasten an der Gerätefront und ins verstaubte Geräte-Innere. „Könnte man mal ein neues Band einkleben“, sagt er und berichtet, dass die Kunden am häufigsten ganz übliche Haushaltsgeräte vorbei brächten. Kaffeemaschinen, wie die von Philips, an der im ersten Raum gerade ein Kollege arbeitet. „Manchmal sind auch einfach die Staubsaugerbeutel voll“, sagt Mehnert und lacht.

Oh nein! Der Fauxpas mit dem Lötkolben

Dann nimmt er den Lötkolben und lötet die Strippe wieder an die Fassung der Lampe. Er sagt: „Hier muss man ganz vorsichtig sein, dass man nicht mit dem Lötkolben an das Seil kommt“, erklärt er, zieht den Kolben heraus und „Zupp“: Seil gerissen. „Ach nee“, sagt er. „Gerade noch gesagt, und jetzt das.“ Ich bekomme kurz Hitzewallungen, doch nach zehn Minuten ist dieser Fauxpas wieder gerade gerückt: Das Seil ist geflickt und die Mittelwellen-Antenne, die ich gar nicht mehr brauche, weil der Sendebetrieb über MW ja ohnehin eingestellt ist, lässt sich wieder von außen mit dem Knopf bedienen. Aha, dafür aber habe ich diesen kleinen Vertrag also unterschrieben, denke ich noch so bei mir.

Eine ältere Dame kommt mit Rollator am Tisch vorbei: „Mein Radio funktioniert nicht mehr“, ruft sie herüber. Dabei habe sie gerade die Batterien gewechselt. Ist das unverschämt?, frage ich mich. Doch sie meint es nicht böse, erkenne ich – ist nur unbeholfen. Ich sage ihr, dass sie mir das Radio mal geben möge. Mehnert misst einmal flott die Batteriespannung durch: „Die sind leer“, sagt er zur Frau, die im Kauermannzentrum wohne, wie sie erzählt. Der Schrauber, der bei der Bahn in der Stellwerkstechnik arbeitet, holt drei neue Batterien hinten aus dem Lager, legt sie ein – geht wieder. „Was bekommen Sie?“, fragt die Frau. „1,50 Euro“, sagt er und nimmt die Münzen entgegen.

Repair Café in Castrop-Rauxel: Wie es arbeitet, was es leisten kann - und was nicht

Die Platinen der Geräte von einst sehen für Laien kompliziert aus. Die Ehrenamtler im Repair Café lieben das Basteln und kennen sich damit auch noch wunderbar aus. © Tobias Weckenbrock

Dann begutachtet er den Seilzug in meinem Gerät vorn und sieht, warum das Einstellrad manchmal schleift: Das Seil ist nicht gerissen, aber aufgeraut. „Könnte man austauschen“, sagt er, „man müsste aber erst ein Seil besorgen. Und den Laufplan des Seils, damit man es richtig wieder auffädelt.“ Ein andermal.

Etwas Kontaktspray regelt das mit dem Knistern

Dann das Knistern, das ich ihm schildere, wenn man am Lautstärkeregler dreht: Mehnert nimmt Kontaktspray aus dem Werkzeugkoffer, sprüht es an eine verdeckte Stelle und dreht ein paar Mal hin und her. Wir testen, es knistert nicht mehr.

Ein Mann und eine Frau kommen um die Ecke, halten ihm ein Kamera-Teleobjektiv hin und schütteln es: Es rasselt. „Ist uns runtergefallen“, sagt die Frau und meint, sie wolle nur schnell fragen, ob da überhaupt was möglich wäre. Mehnert sagt, dass er das nicht einschätzen könne. „Hört sich nicht gut an. Damit gehen Sie mal zum Fachgeschäft, ich kann das Objektiv hier nicht öffnen“, sagt er, empfiehlt noch eines in Bochum-Weitmar. Weiter geht‘s.

So viel wäre das also bei ebay wert

Er erzählt mir, dass mein Radio Baujahr 1961/62 sei, bei ebay bestimmt 50 oder 60 Euro erlösen würde. Verkaufen will ich es nicht.

Repair Café in Castrop-Rauxel: Wie es arbeitet, was es leisten kann - und was nicht

Tobias Weckenbrock verlässt das Repair Café im Wilhelm-Kauermann-Seniorenzentrum der Awo zufrieden: mit dem funktionierenden Blaupunkt-Röhrenradio unterm Arm. © Tobias Weckenbrock

Nach 90 Minuten hat er es wieder zusammengebaut. Ich weiß nun vieles mehr über das Gerät, das zudem wieder reibungslos funktioniert. Ich werfe ein paar Euro ins Sparschwein, bedanke mich, nehme die Schalt- und Seilpläne mit. Falls mal wieder was ist.

Mein Fazit: Ich würde wieder hingehen

Ich fahre heim und resümiere: Zum Repair Café würde ich wieder gehen. Man muss zwar etwas Zeit und Geduld mitbringen und auch mal mit Zwischenrufen leben. Aber das Ausgeruhte und Kommunikative, das gehört hier einfach dazu.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt