Niklas Simpson singt als "Nik Simpson" seit diesem Jahr Schlager und nimmt sie professionell in einem Tonstudio auf. Auch ein erstes Musikvideo hat er in Hamburg aufgenommen. © Felix Eckert
Neue Musik

Schlagersänger Nik Simpson verpackt seine Corona-Sorgen in einem Song

Das Jahr 2020 bleibt für Niklas Simpson (20) aus Castrop-Rauxel nicht nur wegen der Corona-Pandemie hängen. Der Bladenhorster macht als Schlagersänger Karriere – mit einem Corona-Song.

Er hat einen Youtube-Kanal, ist mit seinen inzwischen fast 30 eigenen Songs bei den großen Musikdiensten wie Spotify und Apple Music vertreten. Er war im Profi-Tonstudio von Marcus Seiler – und will jetzt eine Botschaft loswerden: „Die Gesundheit des Menschen über allem“, sagt Niklas Simpson (20).

Der Schlagersänger hat in seinem Song „Stubenhocker“ einen glasklaren Appell formuliert: bleibt zu Hause, bremst eure Kontakte, steckt euch nicht an – stoppt das Coronavirus.

Torwart bei DSC Wanne-Eickel

Niklas Simpson aus dem Castrop-Rauxeler Ortsteil Bladenhorst singt, seit er klein ist, sagt er. Heute verpackt er seine Gedanken, seine Gefühle darin. Sie hat auch etwas Autobiografisches, sagt der Obercastroper, der beim DSC Wanne-Eickel das Tor in der Westfalenliga hütet. So hat er in den vergangenen Monaten über 20 Songs auf drei Alben veröffentlicht.

Es ist feinster Schlager, vielleicht auch Deutsch-Pop, die Grenzen sind da fließend. Sein Idol, sagt er, sei Matthias Reim: „Von dem habe ich 300 Songs auf meinem Handy, und ich kann sie alle mitsingen“, sagt der Jura-Student, der 2019 am Adalbert-Stifter-Gymnasium Abitur machte.

Er verarbeitet sein eigenes Leben

So verarbeitete er die Trennung von seiner Freundin im vergangenen Jahr, einer Jugendliebe, mit der er schon zur Elisabethschule und danach zum Gymnasium ging. So verarbeitet er aber auch das, was er tagtäglich in der Corona-Pandemie erlebt. Für die Fleischerei von Willi Bols, dessen Familie ebenfalls eine Obercastroper Jugend-Bekanntschaft ist, fährt er in einem Studentenjob Essen aus.

Niklas Simpson liefert seit zwei Jahren Essen für Willi Bols aus. Zuletzt vermehrt an ältere Menschen, die ihre Wohnungen kaum noch verlassen. Dabei entstand die Idee zu seinem Corona-Song.
Niklas Simpson liefert seit zwei Jahren Essen für Willi Bols aus. Zuletzt vermehrt an ältere Menschen, die ihre Wohnungen kaum noch verlassen. Dabei entstand die Idee zu seinem Corona-Song. © Bols © Bols

Er fing vor zwei Jahren an mit Touren zu den sieben Kitas, die Bols damals täglich belieferte. Heute, erzählt er, sei er vor allem zu Privathaushalten unterwegs. Wohnungen, in denen alte Menschen leben, die sich das Essen anliefern lassen. Auf den Wegen im Lieferwagen durch ganz Castrop-Rauxel sah er Szenen, wo sich Menschen drubbelten und er nur mit dem Kopf schüttelte. Denn dann kam er immer wieder zu den Senioren, die einsam sind, weil sie Angst haben und sich bloß nicht anstecken wollen.

Songtext Stubenhocker

  • Jeder schaut im Fernsehen zu. Was sagt die CDU? Wie wird es weitergehen? Alle fragen bloß: Werden wir die Seuche los? Und was wird noch geschehen? Sind die Maßnahmen noch gerecht? Das Gericht kippt vieles weg. Manche können es nicht verstehen.
  • Und ich sitze mit dir an unserem Tisch. Einfach glücklich, dass du bei mir bist.
  • Komm wir bleiben, komm wir bleiben heut Zuhaus. Komm wir gehen nicht, komm wir gehen nicht mehr raus. Misch die Karten nochmal neu, mach mein Glas bitte voll, schalt den Fernseher endlich ein. Heute Nacht bleiben wir Heim.
  • Komm wir bleiben, komm wir bleiben heut Zuhaus. Komm wir gehen nicht, komm wir gehen nicht mehr raus. Sag die Feier einfach ab, ich hab zu viel Leute satt, ich will nur bei dir sein. Heute Nacht bleiben wir Heim.
  • Ich weiß doch auch nicht was die Wahrheit ist. Lese nur was in der Presse steht. Denn es geht immer alles viel zu schnell. Sehen wir uns irgendwann im Himmel. Und wir sitzen hier im Kerzenlicht. Ich danke Gott, dass du bei mir bist.

„Der ‚Stubenhocker‘ ist ein Corona-Song, der zeigt, wie fragwürdig alles ist“, sagt Niklas Simpson selbst darüber. „Ich habe für mich rausgenommen, einen Appell zu senden. Eine Liebesgeschichte mit dem Aufruf, zu Hause zu bleiben.“ Komm, wir bleiben zu Hause: So wurde die Idee, diese Zeile daraus geboren. „Wir müssen Risikopatienten helfen, sie schützen, auch meine Mutter ist so eine“, sagt Simpson. So sei auch die Zeile entstanden: „Ich bin glücklich, dass du bei mir bist“.

Die Reaktionen auf seine Songs fallen verschieden aus, sagt er: Aus seinem direkten Umfeld bekommt er mit, dass nicht alle auf die Musik stehen. Gerade im Fußball in Wanne seien die Meinungen da gespalten. „Pro oder Contra“, sein bisher wohl beliebtester Song, werde da nach Siegen in der Kabine öfter schon mal gespielt, und die Stimmung ist dann auch gut.

„Wir hatten ein Trainingslager, da wurde es die ganze Zeit gespielt, das war schon echt manchmal nicht mehr angenehm“, sagt Simpson, die Nummer 1 im Tor des Westfalenligisten. „Auch wenn viele Jungs nicht so drauf stehen“, sagt er: „Wenn man was in die Öffentlichkeit setzt, so wie ich das gemacht habe, muss man damit rechnen und das abkönnen.“

In seiner Wohnung schreibt Niklas Simpson, der 2019 am ASG Abi machte, seine Songs. Oft hat er auch die Gitarre im Arm dabei.
In seiner Wohnung schreibt Niklas Simpson, der 2019 am ASG Abi machte, seine Songs. Oft hat er auch die Gitarre im Arm dabei. © Felix Eckert © Felix Eckert

Auf der anderen Seite freue er sich am meisten, wenn Leute, die er gar nicht kennen, ihm bei Instagram schreiben, wie gut sie finden, was er macht. „Das ist mir auch viel wichtiger“, sagt er und erzählt, dass auch Willi Bols und Familie ihn da unterstützen.

Songtext Letzte Weihnacht

  • Letzte Weihnacht ist ein Jahr her. Ich gab dir mein Herz, jetzt willst du’s nicht mehr. Diesmal, das schwöre ich dir, da schenk‘ ich es einer Bessren.
  • Wir wollten zu zweit sein, am Weihnachtsabend, jetzt sitze ich hier allein. Doch zu stören scheint dich das nicht, wie du mir jetzt hier, so einfach mein Herz brichst. Frohe Weihnachten schreibst du mir auf mein Handy. Und ich frag mich: Was soll das denn eigentlich jetzt? Weiß ich erst, was ich für dich bin. Und weiter zu trauern hat echt keinen Sinn.
  • Letzte Weihnacht ist ein Jahr her. Ich gab dir mein Herz, jetzt willst du’s nicht mehr. Diesmal, das schwöre ich dir, da schenk‘ ich es einer Bessren.
  • Ich bin mit all unsren Freunden da, wie Heiligabend genau vor einem Jahr. Mein Herz zerreißt, wenn ich an dich denk, du warst mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Ich versuch nicht zu zeigen, was mit mir ist. Dass da immer noch diese Wahnsinnssehnsucht ist. Ich kann nur hoffen, dass es das nochmal gibt, ein Weihnachtsabend, an dem ich mich verlieb.
  • Letzte Weihnacht ist ein Jahr her, Ich gab dir mein Herz, jetzt willst du’s nicht mehr. Diesmal, das schwöre ich dir, da schenk‘ ich es einer Bessren.
  • Ich versuch nicht zu zeigen, was mit mir ist. Dass da immer noch diese Wahnsinnssehnsucht ist. Dieses Jahr, das schwöre ich dir, da schenk ich es einer Bess’ren.
  • Letzte Weihnacht, es sollte für immer sein, jetzt sitze ich hier allein.

Aus alter Bekanntschaft zu Marcus Seiler sind seine Produktionen seit April, als sein erstes Album mit 16 komplett selbst geschriebenen Songs erschien, deutlich professioneller geworden: Seiler produziert auch Bands wie Seven Cent in seinem Tonstudio.

Das mit dem Songschreiben ist für Nik Simpson einfach: „Das kriege ich recht schnell hin. Viele sind total erstaunt, wenn ich sage, dass ich zum Beispiel den Song ‚Fenster‘ nachts um halb 1 Uhr geschrieben habe, als ich mit der Gitarre am offenen Fenster saß. A-Moll, F-Dur, dann hab ich den eigentlich in 20 Minuten niedergeschrieben“, erzählt er. „Das hat ja auch mit der Gefühlslage zu tun. Ich habe genau in dem Moment das Gefühl für den Song, dann muss das raus.“

Jetzt hat er einen Weihnachts-Song gemacht. Sein Vater, der ihn bei der Musik immer unterstütze, wollte gern „Last Christmas“ auf Deutsch hören. Nik Simpson setzte sich hin und machte es klar: „Eigentlich war das immer ein Hass-Song, weil man den rund um die Uhr im Radio auf die Ohren bekam. Aber jetzt habe ich den Sinn dahinter verstanden. Es ist die geilste Nummer, die es gibt. Es passt zu mir, weil ich letztes Jahr noch eine Freundin hatte, mit der es dann auseinander ging.“

Es geht oft um die Liebe

Auf dieser Wendung in seinem Leben basieren viele seiner Lieder, in denen es oft um Liebe geht. „Einiges wird in den Songs natürlich etwas überspitzt dargestellt, aber letztendlich war das der Grund, warum ich Musik gemacht habe: Ich komme besser klar mit den eigenen Sorgen, wenn ich mich über die Musik ausdrücken kann.“

Auf Wunsch seines Vaters sang Niklas Simpson den Wham-Klassiker „Last Christmas“ auf Deutsch ein und machte daraus eine Weihnachts-Platte. Dabei sagt er selbst, er hasste den Song – bis er ihn richtig verstand und merkte, dass er zu seiner eigenen Vita passte.
Auf Wunsch seines Vaters sang Niklas Simpson den Wham-Klassiker „Last Christmas“ auf Deutsch ein und machte daraus eine Weihnachts-Platte. Dabei sagt er selbst, hasste er den Song – bis er ihn richtig verstand und merkte, dass er zu seiner eigenen Vita passte. © Simpson © Simpson

Gesangsunterricht hatte er nie. Er war mal eine Weile im Kirchenchor von Heilig Kreuz, und er weiß, dass er gesanglich noch zulegen kann. Aber das will er anpacken. „Wir haben noch einiges vor“, verrät er. Diese Woche war er wieder im Studio. Sein zweites Musikvideo mit seinem Kumpel Jendrik Jäger aus Herne ist auch schon geplant: Es soll zu „Pro und Contra“, seinem beliebtesten Song, entstehen.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
Zur Autorenseite
Tobias Weckenbrock

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt