Schüler trieben zehn Jahre nach Kriegsende in den Niederlanden den Frieden voran

mlzBerufskolleg Castrop-Rauxel

Heute ist das Berufskolleg Castrop-Rauxel Europaschule. Doch schon 1955 war man um Völkerverständigung bemüht. Das beweist ein nun aufgetauchter Klassenfahrts-Bericht - mit viel Wortwitz.

Castrop-Rauxel

, 16.01.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Interkulturelle Zusammenarbeit wird am Berufskolleg in Castrop-Rauxel groß geschrieben. Nicht umsonst wurde die Einrichtung im Jahr 2015 offiziell als Europaschule zertifiziert. Ein nun aufgetauchtes Dokument beweist: Nur zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Völkerverständigung an der Schule bereits auf beeindruckende Art und Weise gelebt.

Entrümpeln der Schublade förderte einen Schatz zutage

Eigentlich wollte der Castrop-Rauxeler Thomas Aussieker im Sommer 2018 nur eine Schublade entrümpeln. Doch plötzlich hielt er einen ausführlichen Reisebericht in den Händen - den seine Mutter Sigrid Dörr einst zusammen mit ihren Mitschülern verfasst hatte. Das Thema: Eine Studienfahrt der Handelsschule an den berufsbildenden Schulen Castrop-Rauxel im Jahr 1955. Das Ziel: die Niederlande.

Die „Guitarre und Laute“ stets im Anschlag: Auf der Klassenfahrt wurde sehr viel gesungen.

Die „Guitarre und Laute“ stets im Anschlag: Auf der Klassenfahrt wurde sehr viel gesungen. © Dörr/Nierhauve

„Dass dieser Bericht existiert, war mir bis dahin nicht bekannt“, sagt Aussieker im Gespräch mit dieser Redaktion. Auch habe seine Mutter, die sich nach der Volksschule an der Handelsschule auf die kaufmännische Ausbildung bei den Stickstoffwerken in Ickern vorbereitete, nie über die Klassenfahrt gesprochen.

Viel zu schade für die Mülltonne

Beim Lesen wurde dem 51-Jährigen schnell klar: Für die Mülltonne ist der Bericht zu schade. Viel zu wertvoll sind die 71 maschinengetippten Seiten samt historischen Fotos, Preislisten, Ansichtskarten und Prospekten, die einen Einblick in das damalige schulische Leben gewähren. Also überlegte er, wer sich dafür interessieren könnte. Und meldete sich bei Fred Nierhauve, dem Leiter des heutigen Berufskollegs Castrop-Rauxel.

Zwei Schülerinnen posieren vor dem Omnibus, in dem sich die Gruppe von Castrop-Rauxel aus auf den Weg gemacht hat.

Zwei Schülerinnen posieren vor dem Omnibus, in dem sich die Gruppe von Castrop-Rauxel aus auf den Weg gemacht hat. © Dörr/Nierhauve

Doch auch das Schul-Archiv würde diesem „wunderbaren Dokument der Zeitgeschichte“ nicht gerecht, erklärt Nierhauve: „Das ist schließlich auch ein Stück Stadtgeschichte“. Deshalb entschied er, den Band zu digitalisieren und anschließend an Thomas Jasper und das Stadtarchiv Castrop-Rauxel zu übergeben.

Am 10. Januar übergaben Thomas Aussieker (l.) und der Leiter des Berufskollegs, Fred Nierhauve (r.), den Reisebericht der ehemaligen Schülerin Sigrid Dörr an Thomas Jasper (M.) und das städtische Archiv.

Am 10. Januar übergaben Thomas Aussieker (l.) und der Leiter des Berufskollegs, Fred Nierhauve (r.), den Reisebericht der ehemaligen Schülerin Sigrid Dörr an Thomas Jasper (M.) und das städtische Archiv. © Nierhauve

Jasper zeigt sich ebenfalls beeindruckt von dem Schriftstück. „Das ist ein sehr bemerkenswertes Dokument. Denn die Beschreibungen, wie die Schüler in den Niederlanden empfangen wurden, sind ein Zeichen der europäischen Aussöhnung“, so der Leiter des Stadtarchivs.

Klassenfahrt als logistische Herausforderung

Doch die Lektüre ist nicht nur beeindruckend, sie macht auch sehr viel Spaß. Das liegt zum Großteil an der humorvollen Sprache und aufmerksamen Beobachtungsgabe der Schüler. Ein Beispiel?

„Heute ist Freitag. Anscheinend wird es auf der ganzen Welt so sein, daß die Hausfrauen an diesem Wochentage von einer Arbeitswut befallen werden. Überall sahen wir teppichklopfende Frauen.“

Die Schüler bedankten sich bei den Herbergseltern zum Abschied stets mit einem Ständchen.

Die Schüler bedankten sich bei den Herbergseltern zum Abschied stets mit einem Ständchen. © Dörr/Nierhauve



Auch das Treiben auf dem Alkmarer „Kaasmarkt“ muss für die Schülergruppe ein beeindruckendes Erlebnis gewesen sein:

„Große Menschenmengen wälzten sich dem Markte zu. Es bot sich uns ein lebendiger, farbenfroher Anblick. Zu langen Reihen lagen die goldgelben Käsekugeln zur Schau auf dem Kopfsteinpflaster des Marktplatzes.“

Deutsche Volkslieder standen auf dem Programm. In der Jugendherberge wurde zusammen mit einer schottischen Gruppe aber auch schon mal „My Bonnie is Over the Ocean“ angestimmt.

Deutsche Volkslieder standen auf dem Programm. In der Jugendherberge wurde zusammen mit einer schottischen Gruppe aber auch schon mal „My Bonnie is Over the Ocean“ angestimmt. © Dörr/Nierhauve



„Die Käufer (Großhändler und Exporteure) erschienen und prüften zuerst; sie bohrten aus dem Käse ein rundes Stäbchen, an dem sie rochen, wovon sie kosteten und das sie zwischen den Fingern rieben, um den Käse auf dien Geschmack, den Fett- und Feuchtigkeitsgehalt zu untersuchen. Nach dem Feilschen wurde der Kauf mit dem Handschlag bekräftigt, und der Höchstpreis wurde an die Markttafel geschrieben.“

Vom Sparbuch bis zur Grenzkontrolle

Der Bericht führt dem Leser aber auch vor Augen, was für eine logistische Herausforderung eine Klassenfahrt im Jahr 1955 noch darstellte - angefangen bei der Eröffnung eines gemeinsamen Sparbuches zur Finanzierung der „Schulungs- und Bildungsfahrt“.

Es folgten schriftliche Anfragen an diverse Jugendherbergen, die Anforderung von Informationsmaterial bei diversen niederländischen Städten, Umrechnung und Währungs-Umtausch von D-Mark in Gulden, ärztliche Untersuchungen vor dem Reiseantritt - und natürlich auch noch Grenzkontrollen am Schlagbaum zur holländischen Grenze.

In Bürgerkunde und Wirtschaftsgeographie vorbereitet

Organisiert wurde die Fahrt von Studienrätin Maria Wagener. Im Unterricht wurden die Schüler zuvor in den Fächern Deutsch, Geschichte, Bürgerkunde, Religion und Wirtschaftsgeographie auf den Trip in das Nachbarland vorbereitet.

„So erfuhren wir, daß der Niederländer Wert legt auf bescheidenes, leises Auftreten. Wir nahmen uns nun vor, unseren Eltern, unserer Schule und unserem geliebten Vaterland im Ausland Ehre zu machen.“

Eine Besichtigung des Flughafens Schiphol bei Amsterdam gehörte zu den Höhepunkten des Trips.

Eine Besichtigung des Flughafens Schiphol bei Amsterdam gehörte zu den Höhepunkten des Trips. © Dörr/Nierhauve

Auch das Programm, das die 45 Personen umfassende Reisegruppe vom 26. Juli bis zum 5. August 1955 per „Omnibus“ abspulte, ist aller Ehren wert. Über Duisburg und Kleve führte die Reise unter anderem nach Arnheim, Amsterdam, Den Haag oder Rotterdam - inklusive zahlreicher Museumsbesuche, Stadtbesichtigungen und Hafenrundfahrten.

Ein Bad in der Nordsee als großes Abenteuer

Andere Kapitel widmen sich solch großen Abenteuern wie der Besichtigung des Flughafens Schiphol bei Amsterdam samt Rundflug einer Schülerin. Und ein Kapitel ist überschrieben mit „Unser erstes Bad in der Nordsee“. Beides Dinge, die im Jahr 2019 für viele Kinder in den Ferien zur Normalität gehören.

Deutsche Grüße an die Gastgeber: In Dirndlkleidern wurden Volkstänze aufgeführt.

Deutsche Grüße an die Gastgeber: In Dirndlkleidern wurden Volkstänze aufgeführt. © Dörr/Nierhauve

Besonders faszinierend ist der Reisebericht aber immer dann, wenn die Schüler ihre Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen beschreiben. So etwa beim gemeinsamen Singen von „My Bonnie is Over the Ocean“ mit einer Gruppe Schotten in einer Jugendherberge.

„Unsere Volkslieder, mit Gitarren begleitet, fanden viel Beifall, ebenso unsere Dirndlkleider, die wir zum Volkstanz angezogen hatten. Die Schotten wollten uns in nichts nachstehen und boten ihrerseits einen schottischen Nationaltanz.“

Internationale Begegnung war der Höhepunkt


Der Höhepunkt der Reise war für die Schülerinnen und Schüler aber die internationale Begegnung mit Jugendlichen in der Partnerstadt Delft, das damals vom Jugendamt Castrop-Rauxel in die Wege geleitet wurde. Jeder Schüler wurde für einige Stunden von einer Gastfamilie aufgenommen. Auch wenn die Verständigung nicht immer einfach war, fiel das Fazit positiv aus:

„Jeder ließ sich von seinem holländischen Gastgeber auf dem Wege zu dessen Eltern die Eigenart der verträumten Stadt Delft zeigen, die Ruhe und Harmonie atmet. Wir waren erstaunt über die freie, schöne Gastfreundlichkeit dieser kinderreichen Familien.“

Die internationale Begegnung der Schüler in der Castrop-Rauxeler Partnerstadt Delft war für die Schüler der Höhepunkt.

Die internationale Begegnung der Schüler in der Castrop-Rauxeler Partnerstadt Delft war für die Schüler der Höhepunkt. © Dörr/Nierhauve



„Nach unserer Meinung war dieser Tag der schönste unserer ganzen Fahrt, denn wir waren im fremden Land einer tief greifenden Friedensbewegung begegnet. Viele Karten und Briefe sind inzwischen hinüber und herüber geschrieben und manche Schüler und Schülerinnen schon eingeladen worden, ihre nächsten größeren Ferien in den Niederlanden zu verleben.“

Friedensgedanke ist auch heute noch beeindruckend


Dieser Friedensgedanke ist es auch, der Fred Nierhauve an dem Bericht besonders imponiert. Und der ihm und seiner Europaschule auch im Jahr 2019 extrem wichtig ist. „Natürlich geht es bei unseren Praktika im Ausland darum, fremde kaufmännische Systeme kennenzulernen. Aber vor allem sollen die Schüler auch andere religiöse und kulturelle Sichtweisen kennen und verstehen lernen.“

Die Schüler bedankten sich bei den Herbergseltern zum Abschied stets mit einem Ständchen.

Die Schüler bedankten sich bei den Herbergseltern zum Abschied stets mit einem Ständchen. © Dörr/Nierhauve

Denn Fred Nierhauve weiß: „Wer miteinander spricht, schießt nicht aufeinander.“ Ein wichtiger und richtiger Ansatz. Nicht nur im Jahr 1955 - also zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Sondern gerade auch im Jahr 2019 - in Zeiten, in denen Populismus wieder salonfähig ist und den eruopäischen Gedanken so stark bedroht, wie schon lange nicht mehr.

Der vollständige Reisebericht ist ab sofort auch über den Downloadbereich der BKCR-Webseite abrufbar.
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